Digg dick in der Krise

Martin Weigert, 4. Juli 2007 14:41 Uhr, 15 Kommentare Kommentare

digg2.gifDigg, die weltweit größte Social-News-Community, steckt in der Krise. Bei Digg können Nutzer Links zu Nachrichten und Blogmeldungen einstellen und diese bewerten. Die populärsten Artikel landen auf der Startseite. Digg gilt als Vorbild für eine Reihe von ähnlichen Diensten in Deutschland, z.B. YiGG, Webnews und Readster.

Die Probleme bei Digg begangen Anfang Mai diesen Jahres, als ein Zensurversuch der Digg-Betreiber bei den Usern zu einem Sturm der Entrüstung führte. Ein Nutzer hatte einen Artikel veröffentlicht, dessen Überschrift einen geheimen Code zur Entschlüsselung von HD-DVDs enthielt. Digg löschte den Beitrag. Davon bekamen andere Wind, die dann eigene Meldungen einstellten, die den HD-DVD-Key sowie Zensurvorwürfe beinhalteten. Mehrere Tage lang war die Startseite von Digg gefüllt mit Artikeln zu diesem Thema. Der Imageschaden und Vertrauensverlust für Digg war enorm.

Die aus mehr als einer Million registrierten Nutzern bestehende Digg-Community verhielt sich fortan äußerst kritisch gegenüber den Betreibern der Plattform. Den nächsten Aufruhr gab es, als in der dritten Juni-Woche ein neues Kommentar-System integriert wurde, was bei vielen Usern zu technischen Problemen führte und mit längeren Serverausfällen einher ging. Zahlreiche Nutzer-Beschwerden und negative Blog-Berichte waren die Folge.

Insbesondere Digg Gründer Kevin Rose wird von vielen für die Probleme verantwortlich gemacht und entwickelt sich immer mehr zum Feindbild für die Digg-Community. Sehr deutlich wurde das in den zahlreichen negativen Kommentaren zu Meldungen rund um Roses Startup Pownce – zu einem Zeitpunkt wohlgemerkt, als noch niemand den in der geschlossenen Beta-Version befindlichen Dienst ausprobiert hatte.

Doch damit nicht genug. Die Diskussion über Pownce wurde bereits von einer weiteren Debatte abgelöst – diesmal forciert von diversen Blogs, die kritisieren, wie leicht bei Digg mit schlecht angepriesenen Artikeln potentielle Leser abgeschreckt werden. Unter anderem Read/Write Web und Techcrunch fordern eine Möglichkeit, von Usern mit falscher oder unpassender Zusammenfassung eingetragene Meldungen nachträglich ändern zu können. Offensichtlich ist es nicht unüblich, dass Konkurrenten oder andere Neider absichtlich fremde Meldungen mit mangelhafter, langweiliger Beschreibung bei Digg einstellen, um so eine mögliche Popularität zu verhindern. Der Link zu einem Artikel kann nur einmal angegeben werden. Das Veröffentlichen der Meldung mit verbesserter Beschreibung ist damit ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den führenden deutschen Social-News-Diensten erzielen beliebte Nachrichten bei Digg nicht selten mehr als 1000 Bewertungen und ziehen dadurch entsprechend viele zusätzliche Leser an. Das macht Digg für viele englischsprachige Onlinemedien äußerst attraktiv.

Es bleibt abzuwarten, mit welchen Mitteln Digg versuchen wird, das Vertrauen der Stammleser zurückzugewinnen. Leicht wird das sicher nicht, auch in Anbetracht zahlreicher Konkurrenten. Glaubt man der Statistik von Alexa, so geht es trotz der “PR” seit dem Besucherhoch Ende 2006 mit den Nutzerzahlen bergab.

Selbst wenn vermutlich keine deutsche Social-News-Plattform jemals die Relevanz und Nutzerzahl von Digg erreichen wird, so sollten die hiesigen Anbieter versuchen, von Digg gemachte Fehler zu vermeiden. Man befindet sich in der komfortablen Situation, die richtigen Entscheidungen des großen Vorbilds nachahmen zu können, ohne in die selben Fettnäpfchen treten zu müssen. Mein Vorschlag für den nächsten Schritt: Das Bereitstellen von Funktionen, um einen selbst eingestellten Eintrag zu bearbeiten. Bei YiGG funktioniert dies bereits, bei Webnews dagegen nicht. Stattdessen bietet Webnews eine Option zum Löschen einer Meldung, was bei YiGG fehlt. Also auf geht’s!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

» Mehr lesen: Digg (8), social news (7), YiGG (4)

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13 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Michael

    schrieb am 4. Juli 2007 um 14:56 Uhr (#)

    Martin,

    besten Dank für diesen gut lesbaren Artikel.

    Die nachträgliche Bearbeitung ist immer ein zweischneidiges Schwert, da auf der einen Seite die von Dir beschriebenen positiven Aspekte eintreten können, auf der anderen Seite aber auch alle bereits getätigten Kommentare auf das zuerst Geschriebene dann nachträglich unter einem neuen Licht betrachtet werden müssen.

    Wir bei YiGG versuchen uns so nah wie möglich an den Wünschen unserer Community zu halten und werden immer abhängig von deren Entwicklung unsere Bearbeitungsmöglichkeiten anpassen. Allerdings ist das Ganze im engeren Wortsinne ein Entdeckungsverfahren und sollte daher gut beobachtet und durchdacht werden.

    Anregungen dazu nehmen wir sehr gern zur Kenntnis - in unserem Forum: http://www.yigg.de/groups/63&forum=yes

    Viele Grüsse
    Michael

  2. Martin Weigert

    schrieb am 4. Juli 2007 um 15:06 Uhr (#)

    Hi Michael. Danke für das Statement. Wiegesagt - nachträgliche Bearbeitung ist bei Yigg ja sogar möglich. Manchmal allerdings würde man sich wünschen, einen Eintrag ganz löschen zu können. Das damit dann alle gemachten Kommentare mit Flöten gehen, ist die logische Konsequenz. Ansonsten bin ich mit Yigg sehr zufrieden!

  3. WR

    schrieb am 4. Juli 2007 um 15:11 Uhr (#)

    Danke ebenfalls für den Artikel.
    Bei Readster ist das zum Teil möglich, den Inhalt kann man editieren, die URL aber nicht.
    Die Funktion ist nur noch nicht ensprechend verlinkt, dass kommt aber bald.

  4. marcel weiss

    schrieb am 4. Juli 2007 um 15:57 Uhr (#)

    Das nachträgliche Ändern könnte in einer Art History wie bei Wikipedia festgehalten werden. Missbrauch würde so für Jeden nachvollziehbar und notfalls leichter zu ahnden.

    Löschen sollte generell nicht möglich sein, wegen der bereits angesprochenen Nachteile. Ein Verstecken, das die Einträge nur noch durch eine Suche auffindbar macht, wie bei digg, finde ich da praktischer.

  5. stephan

    schrieb am 4. Juli 2007 um 18:33 Uhr (#)

    Webnews hat die Funktion zum editieren von Artikeln scheinbar deaktiviert. Die auch von Webnews verwendete Pligg-Software verfügt über diese Funktion.

  6. Fachfrau

    schrieb am 4. Juli 2007 um 18:54 Uhr (#)

    Offensichtlich ist es nicht unüblich, dass Konkurrenten oder andere Neider absichtlich fremde Meldungen mit mangelhafter, langweiliger Beschreibung bei Digg einstellen, um so eine mögliche Popularität zu verhindern.
    Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! entweder man nutzt digg und ist als erster da. oder eben nicht.

  7. Michael Osl

    schrieb am 4. Juli 2007 um 19:32 Uhr (#)

    Diese Argumentation kann ich nicht teilen - Man stelle sich vor, ein Konkurrent stellt einen Artikel bei Digg immer sofort nach der Veröffentlichung mit falscher oder nichtssagender Beschreibung ein und macht so die Arbeit zunichte, die man in einen Artikel gesteckt hat … Nicht so toll

  8. Fachfrau

    schrieb am 4. Juli 2007 um 19:44 Uhr (#)

    Das ist aber unmöglich. Wenn ich Digg brauche, dann wird ein Artikel erst veröffentlicht wenn dazu auch Digg Beitrag gibt. bzw passiert es zeitgleich. Für 20000 Besucher kann man schon auf Bequemlichkeit verzichten. Wie gesagt: entweder man nutzt digg, oder eben nicht. Wenn ja, dann sollte man sich über Risiken informieren. Das war Nummer eins. Wegen Digg würde ich schon mal Url ändern, bzw Archiv-Url nutzen oder andere Möglichkeit in Betracht ziehen.

  9. kris

    schrieb am 4. Juli 2007 um 20:24 Uhr (#)

    Kann man überhaupt Vertrauen in einen Digg-Clone haben, bei dem zwei von drei der im Blog vorgestellten Moderatoren SEOs sind?

  10. Jabamaro

    schrieb am 4. Juli 2007 um 22:42 Uhr (#)

    Interessanter Artikel! Ich denke, ein User sollte seinen Eintrag auf jeden Fall nachträglich ändern können. Das Kommentare möglicherweise dadurch in einem anderen Licht erscheinen, sollte von dem verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Beitrag abhängen. Zensur dagegen ist problematisch. Bei wolkenkratzer24.de lassen wir ein nachträgliche Editiermöglichkeit bspw. zu.

  11. kris

    schrieb am 5. Juli 2007 um 09:22 Uhr (#)

    Wer seine Artikel speziell für Digg & Co. schreibt, weil er Traffic abgreifen will, der hat das System missverstanden. Viele Leser dieser Sites verstehen Selbstlinks als Spam. Insofern sehe ich das ganze Problem nicht.

  12. Fachfrau

    schrieb am 5. Juli 2007 um 10:09 Uhr (#)

    Da gibt es genug Menschen die ganz anderer Meinung sind. Bzw. die inzwischen wissen was genau ein Digg-Link bedeutet.

  13. Andreas

    schrieb am 12. August 2008 um 16:02 Uhr (#)

    Interessant, wenn man heute diesen Artikel liest. Ich denke, digg, yigg und webnews haben sich zu ganz ordentlichen Playern gemausert, durch die man viel Traffic abgreifen kann.


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