Das Web 2.0 und die Rückkehr der Kostenloskultur
Nach dem Zusammenbruch der New Economy und dem Verschwinden zahlreicher Gratisdienste waren sich die Experten einig: Die Zeit der Kostenloskultur ging ihrem Ende zu. Wer fortan qualitative und hochwertige Dienste und Inhalte in Anspruch nehmen wollte, sollte zur Kasse gebeten werden. Doch mit dem Web 2.0 kam alles ganz anders.
Viele der zum ersten Online-Boom um die Jahrtausendwende entstandenen Webangebote hatten eines gemeinsam: Ihre Benutzung kostete nichts. Die Onlineausgaben der Zeitungen ermöglichten das kostenlose Lesen redaktioneller Artikel sowie die Recherche in Archiven. Unzählige SMS-Dienste warben mit gratis Kurzmitteilungen. An jeder Ecke des Internets entstanden kostenlose Webspaceanbieter, viele ohne nennenswerte Nutzungslimits. Xoom bot bereits im Jahr 2000 999 MB kostenlosen Speicherplatz. Selbst Domains wurden kostenfrei unter das Volk gebracht. Bei freecity erhielt man eine .de-Domain nach Wahl, bei Namezero gab es .com-, .net- und .org-Domains – sogar völlig anonym.
Im allgemeinen Überschwang gingen die meisten Startups und Unternehmer fest davon aus, dass sich Gratisleistungen kurz- oder mittelfristig problemlos über Werbung refinanzieren würden. Kein Wunder angesichts üblicher Tausenderkontaktpreise von 80 Mark (40 Euro) für einen 468×60 Pixel Werbebanner. Besonders kurios wurde es, wenn Nutzer für das Surfen im Netz sogar bezahlt wurden. «Paid surfing« hieß das Geschäftsmodell, bei dem während der Internet-Session in einem Browserframe wechselnde Werbebanner eingeblendet wurden. Nach dem Platzen der Blase verschwanden solche Angebote schnell, genau wie viele andere Gratis-Dienste.
Es kamen die Jahre der Flaute und Konsolidierung. Die Zahl der kostenlosen Services schrumpfte stark. Viele Onlinemedien ermöglichten den Zugriff auf archivierte oder besonders umfangreiche Inhalte nur noch gegen Bezahlung. Die meisten SMS-Anbieter verschwanden oder setzten fortan auf Bezahlmodelle. Gleiches galt für kostenlose Webspacehoster. Man erkannte, dass sich die hohen Traffickosten nicht mit den sinkenden Umsätzen aus Werbeeinnahmen kompensieren ließen. Das Volumen der Onlinwerbung sank, nachdem viele Startups in der Versenkung untergingen und andere ihr Budget nur noch mit Vorsicht ins Internet steckten. Der plötzliche Niedergang der New Economy musste erst einmal verkraftet werden. In dieser Zeit beschworen viele Internet- und Medienexperten das Ende der Kostenloskultur. Nachdem man erkannte, dass sich exklusive Inhalte und kostenintensive Dienste nicht allein durch die noch sehr niedrig budgetierte Onlinewerbung finanzieren ließen, bat man die Nutzer zur Kasse und monierte nicht selten, dass die Zahlungsbereitschaft zu gering sei. Das war auch kein Wunder, hatte man viele User der erste Stunde doch erst einmal zwei Jahre lang mit Gratisservices verwöhnt.
Doch mit dem zweiten Internet-Boom – der das Web 2.0 im Gepäck hatte - kam alles ganz anders. Zwar gibt es weiterhin kostenpflichtige Inhalte und Anbieter, doch gleichzeitig können User aus einer fast unendlichen Zahl von Gratisdiensten wählen: Die Onlineausgaben von Zeitungen und Fernsehsendern bieten teilweise Inhalte vor der Print- bzw. TV-Veröffentlichung. Google Text & Tabellen, Zoho, ThinkFree, gOFFICE und andere stellen komplette Office-Pakete online zur Verfügung. Mit Joost, Zattoo und YouTube kommt der Fernseher auf den Desktop. Last.fm, MOG, iLike und uPLayMe.com spielen Wunschmusik. Neben 3D-Unterhaltung à la Second Life bieten hunderte Websites Onlinespiele für stundenlange Unterhaltung. Webspace selbst zum Hosten von Dateien in Gigabytegröße ist keine Seltenheit mehr. Telefoniert wird schon lange gratis über das Netz. Und nicht nur das Verweilen in Social Networks ist kostenlos, sondern auch das Betreiben einer eigenen Community (Ning, KickApps).
Diese Aufzählung könnte man beliebig fortsetzen. Es gibt kaum noch etwas, was dem User nicht entgeltfrei angeboten wird. Die totgesagte Kostenloskultur ist zurück, allgegenwärtiger als jemals zuvor. Haben sich die Verfechter der Bezahl-Theorie also völlig geirrt? Jein. Die Tatsache, dass man heute derartig viele Leistungen im Netz bekommt, ohne zu bezahlen, spricht zwar deutliche Worte. Auf der anderen Seite galt es aber in den mageren Jahren nach der Jahrtausendwende, vorsichtig zu sein und nicht den Fehler vieler Startups zu machen, auf wackelige Geschäftsmodelle zu setzen. Kostenpflichtige Inhalte und Dienste bedeuteten zwar langsameres Wachstum, sorgten aber für eine Unabhängigkeit vom schwankenden Werbemarkt. Das viele auf Nummer sicher gingen und gleichzeitig den Nutzern deutlich machen wollten, dass im Internet nun ein anderer Wind wehte als zu den goldenen New-Economy-Zeiten, ist verständlich.
Umso schöner, dass dann alles ganz anders kam. Gerade mit der Einführung von Google AdWords Ende 2002 erhielten Betreiber von Webangeboten eine neue, verlässliche Einnahmequelle, mit der sich heute hunderttausende Seiten finanzieren. Generell sorgte das schnelle Ansteigen der Onlinewerbebudgets in der letzten Zeit für einen Einstellungswechsel. Im Gegensatz zu 1999/2000 ist das Internet mittlerweile ein Massenmedium, in das es sich lohnt, zu investieren. Viele klassische Konsumgüterhersteller haben das erkannt und tragen zur Explosion der Onlinewerbung bei. Gleichzeitig sind die Kosten für den Betrieb von Webangeboten drastisch gesunken. Für viele Gründer überwiegt daher der Vorteil einer schnellen Steigerung der Nutzerzahl durch werbefinanzierte Gratisangebote über den Nachteil einer größeren Abhängigkeit des Unternehmensergebnisses von externen Faktoren. Die Internetnutzer freut dies natürlich. Nur vergessen sollten wir nicht, dass viele der für lau bereitgestellten Dienste einen Wert haben, den die Unternehmen derzeit durch Werbung zu decken versuchen. Ob aber tatsächlich für jeden Anbieter ein ausreichend großer Teil am Werbekuchen vorhanden ist, um ihm irgendwann Gewinne zu bescheren, muss sich erst noch zeigen. Sollte es nicht so kommen, werden manche Dinge im Internet vielleicht irgendwann auch wieder Geld kosten.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
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(16. November 2007 12:33) - Gratis vs kostenpflichtig – die Kunst, User bezahlen zu lassen » Beitrag » zweinull.cc
(28. Januar 2008 21:22) - Warum die Gratiskultur dem Web schadet » Beitrag » zweinull.cc
(8. April 2008 19:35)
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silvio jähnke
Genau, wir werden auf jeden Fall unser VideoPortal für werbende Kunden kostenpflichtig halten, nicht nur um Unabhängig zu bleiben.
Wir haben keine L.ust uns später mit scmuddliger Werbung über Wasser zu halten
geiz ist eben geil
mobile de hat es ja vorgemacht und ist wieder für Privatkunden kostenfrei, nachdem sie den Marktvorsprung an Autoscout verloren hatten
mi.o-o.im
Ich glaube das Problem ist hausgemacht.
Man füttert die Leute mit Gratisangeboten an > ich habe damit Erfolg > andere sehen wie erfolgreich ich bin > Me-too-Produkte kommen auf den Markt(dadurch genug Substitutionsprodukte) > die Wechselkosten sind niedrig > ich mache den Dienst kostenpflichtig > die Kunden verlassen das sinkende Schiff.
Gegenmassnahmen:
Nicht alle Features kostenlos anbieten und Wechselkosten für die Mitglieder ständig erhöhen.
(Leider alles nicht so einfach.) ;)
Rafa
Ob durch Werbeeinnahmen oder Premium-Dienste, ich denke die Mischung machts.