Viralität und die Online-Stammbaumdienste

Martin Weigert, 21. Juni 2007 14:45 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Die meisten Web-2.0-Dienste haben ein sehr begrenztes Marketingbudget. Deshalb setzen die Anbieter statt auf klassische Mediawerbung stark auf kostenlose PR und hoffen auf eine erfolgreiche Mundpropaganda. Viele Seiten enthalten Formulare zum Weiterempfehlen an Freunde. Mitunter werden Videos in Umlauf gebracht, die die Internetadresse enthalten (aktuell: Frazr mit Dingsbums). Auch das frühzeitige Verschicken von Pressemeldungen an Blogger sowie die künstliche Verknappung des Angebots durch eine Betaphase mit begrenzter Nutzerzahl sind Mittel, um eine virale, sich selbst verbreitende Kampagne einzuleiten.

Das Problem: Dies funktioniert nur selten. Warum es manchmal klappt und so oft nicht, dafür gibt es keine rationale Erklärung. Twitter ist innerhalb weniger Wochen durch eine enorme Mund- und Blogpropaganda zu einem DER Web-2.0-Dienste des Jahres 2007 geworden. Und das, obwohl eine große Zahl der Multiplikatoren – also Blogger und andere Onlinemedien - dem Dienst selbst kritisch gegenüber stehen. Der Verkauf des deutschen Twitter-Klons dukudu.de bei eBay hat es bereits bis zu TechCrunch geschafft, obwohl dukudu.de als Seite zu keiner Zeit von Bedeutung wahr. Auch Dienste wie Joost, Facebook Platform und StudiVZ haben viral ihre Bekanntheit gesteigert. Doch das bleiben Ausnahmen. Die meisten Services müssen andere, umständlichere und kostenintensivere Wege zur eigenen Bewerbung gehen. Bei manchen funktioniert es auch überhaupt nicht.

Ein aktueller Web-2.0-Trend hat dieses Problem nicht: Online-Stammbaumdienste. Deren einfaches Prinzip: Ein Nutzer trägt den Vor- und Nachnamen seiner Eltern ein und gibt deren E-Mail-Adressen an. Beide Elternteile erhalten eine Benachrichtigungsmail und können ihrerseits Eltern, Geschwister etc. eintragen. Natürlich kann man auch selbst Vorarbeit leisten und weitere Verwandte hinzufügen. Aber der Mensch ist faul und die Versuchung groß, minimale Angaben zu machen und dann die Verantwortung an andere Familienmitglieder weiterzureichen. Doch genau das ist es, worauf diese Dienste setzen. Eine große Zahl der Empfänger solcher E-Mails wird die Idee spannend finden und zumindest ein paar weitere Vorfahren oder Nachfahren hinzufügen. Das Funktionieren der Viralität ist hier kaum zu bezweifeln.

Doch natürlich ist die Verlässlichkeit, mit der die Nutzer die Stammbäume gemeinsam erweitern, nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gegeben. Sobald derartige Dienste überall aus dem Boden sprießen und jeder bereits fünf bis zehn Mails erhalten hat, die zum Vervollständigen des Stammbaums auffordern, ist die Luft raus. Im deutschsprachigen Markt konkurrieren FamiliyOne und verwandt.de um die User. Im englischsprachigen Internet existieren mit Geni, Kincafe.com, Ancestry.com und Famiva bereits diverse Seiten zum kollektiven Erstellen des Familienstammbaums. Fazit: Bereits jetzt entscheidet sich, wer die ultimative Genealogie-Plattform wird. Hat ein Anbieter genug Mitglieder, werden andere keine Chance mehr haben. Dazu ist das Thema Stammbäume nicht dehnbar genug.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Rafa

    schrieb am 21. Juni 2007 um 17:46 Uhr (#)

    Hm, der Artikel geht ja jetzt auf zwei Themengebiete ein. Andererseits virales Marketing und andererseits Genealogie-Plattformen (mit einem kleinen Bezug zum Marketing).

    Ich denke, dass bei Twitter gerade die kritische Betrachtungsweise für viel Interesse gesorgt hat und Benutzer angezogen hat. Andere Plattformen wie das StudiVZ existierten nicht wirklich und auch hier haben sicherlich das schlechte Image und die vielen Sicherheitslücken geholfen die Bekanntheit zu steigern.

    Wie überall gilt auch hier: Innovation ist oft das A und O. Es gibt viele altbekannte Mittel eine Verbreitung zu erzielen, ändert oder pfeilt man ein wenig an ihnen, so ist es gut möglich auf einmal viele Benutzer zu erreichen.

  2. Martin Weigert

    schrieb am 21. Juni 2007 um 18:08 Uhr (#)

    Genau. Eine richtige Faustregel oder gar mathematische Formel, die den Erfolg eines Projektes garantiert, gibt es aber nicht ;)


1 Trackback

  1. Verwandt.de: Deutschlands neuer Web-2.0-Liebling » Beitrag » zweinull.cc
    (15. Juli 2007 12:31)

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