.ch kommt bis ins Haus

Nach wochenlangen Spekulationen spricht Kommunikationsberater Sacha Wigdorovits erstmals über sein Zeitungsprojekt. Das neue Gratisblatt mit dem Namen .ch soll von den Lesern aus Zeitungsständern vor und in Wohnhäusern abgeholt werden.

Sacha WigdorovitsSacha Wigdorovits, Ex-Blick-Chefredaktor, ehemaliger Bridge-Spieler (national expert), Lebenspartner von Fernsehchefin Ingrid Deltenre und Kommunkationsberater in der Agentur Contract Media, weiss, wie man die Leute neugierig macht. Seit Wochen schreiben die Medien und ihre Newsdienste über sein neues Projekt, kriegen aber keinerlei Anhaltspunkte über die Details. Nichts als vage Gerüchte sickerten bisher an die Öffentlichkeit.

Im März 2006 sagte er der NZZ am Sonntag, er habe ein Konzept entwickelt. Im April 2007 soll er dafür Leute eingestellt haben. Im Mai 2007 soll er Investoren gefunden haben. Im Mai 2007 fragte man sich, ob es sich dabei um den Verlag Holtzbrinck handle. Im Mai 2007 sorgten günstige Tarife für rote Köpfe. Im Juni 2007 fand er mit dem NZZ-Redaktor Balts Livio einen Partner (Ersatz?) für seine bisherige Firma. Im Juni 2007 kam aus, dass für die Gratiszeitung ein eigener Verlag gegründet wird.

Und heute endlich durfte die NZZ am Sonntag genaueres schreiben zum Projekt, vor dem die Schweizer Zeitungsbranche zittert. Nachdem ihn letzte Woche der Tages-Anzeiger ausschliesslich zu seiner Person, aber nicht zum Projekt befragen durfte (Text leider nicht online).

Warum die Schweizer Zeitungsbranche zittert? Weil Sacha Wigdorovits einer der Männer ist, die die Gratiszeitung 20 Minuten lancierten. Was daraus geworden ist, weiss die Bezahlblattbranche nur zu gut. Ein tägliches Blatt, das unterdessen so viele Leser hat wie Blick und Tages-Anzeiger zusammen. Das von den Anzeigenkunden geliebt wird. Das, wenn die Trends anhalten, auch online bald Nummer 1 sein wird.

Der Kleinreport meint, das Projekt sei mit dem damaligen Launch von 20 Minuten kaum vergleichbar. Es fehle “die ganze Sozial- und Fachkompetenz”.

Am 19.09.2007 soll es soweit sein:

Was? Eine kostenlose und politisch neutrale Schnelllesezeitung mit Qualität.

Wieviel? 425 000 Exemplare. 70% davon in den Zentren Zürich, Bern, Basel, Luzern und St. Gallen, 30% in Boxen auf dem Netz des öffentlichen Verkehrs sowie von Handverteilern abgegeben.

Wo? Vor oder in Liegenschaften mit mindestens 5 Mietparteien, in in 35’000 Zeitungsständern von 70 cm Höhe.

Wann? Wochentäglich, vor 7 Uhr.

Format? Tabloid.

Anspruch? Klar oberhalb von 20 Minuten und Blick.

Zielgruppe? 19- bis 59-Jährige.

Mit dabei? Rolf Leeb (Chefredaktor), Marcel Siegenthaler (stv. Chefredaktor), Caroline Thoma (Geschäftsführerin), Thomas Held, Alain Sutter, Stefan Gubser, Oliver Stock (Kolumnisten), ev. auch Kurt W. Zimmermann (Kolumnist). Insgesamt 38 Journalisten und 17 Mitarbeiter des neu gegründeten Verlags.

Geldgeber? Nach eigener Aussage handelt es sich um “private Investoren aus der Schweiz und dem Ausland”, die teilweise nicht genannt werden möchten. Im Verwaltungsrat sitzen Hans Ziegler (Vorsitz), Andy Rihs, Michael Grabner, Eugen Russ, Werner Bonadurer und Sacha Wigdorovits (Delegierter).

Ziel? Die Gewinnschwelle in drei bis sechs Jahren.

Der Name ist bedingt originell und auch nur bedingt brauchbar, denn Satzzeichen in Titeln sind schwierig zu zitieren und stellen die einheitliche Marke in Frage. Punkt CH heisst bereits eine Sendung des Schweizer Fernsehens (mit der man übrigens 200 Schweizer Franken verdienen kann – wenn man darüber lacht). Wie ein Kommentator bei medienspiegel.ch schreibt, läuft für den Wikipedia-Artikel zu .ch bereits ein Löschantrag.

Zum Schluss möchte ich noch diese Aussagen von Wigdorovits notieren:

Wenn unsere Zeitungsständer gestohlen werden, ist das beste Werbung für uns. Es wird kein Papier herumliegen.

Ausserdem verzichten wir bewusst auf Werbebeilagen, die aus der Zeitung flattern könnten.

Wir werden Erfolg haben.

Vielleicht kann man darauf mal zurückkommen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Mehr lesen

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

Printartikel online weiterempfehlen: Paperboy erkennt über  180 Zeitungen aus D-A-CH

10.10.2011, 4 KommentarePrintartikel online weiterempfehlen:
Paperboy erkennt über 180 Zeitungen aus D-A-CH

Mit Paperboy können Inhalte aus den Print-Versionen von Tageszeitungen per Smartphone in hochaufgelöster digitaler Form weiterempfohlen werden. Jetzt expandiert der Dienst aus Zürich in D-A-CH und weltweit.

Paper Pile: Applikation macht aus  RSS-Feeds eine iPad-Zeitung

26.5.2010, 15 KommentarePaper Pile:
Applikation macht aus RSS-Feeds eine iPad-Zeitung

Nicht jeder mag die Listendarstellung herkömmlicher RSS-Reader. Die iPad-Anwendung Paper Pile stellt beliebige Feeds im Format einer traditionellen Zeitung dar.

Fusion in der Schweiz: Tamedia übernimmt Edipresse

3.3.2009, 3 KommentareFusion in der Schweiz:
Tamedia übernimmt Edipresse

Die Verlage Edipresse und Tamedia führen ihre Schweizer Geschäfte zusammen, bis zum Jahr 2013 soll die Fusion komplett sein. Internationale Aktivitäten der Edipresse sind ausgeschlossen.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.