Flickr-Gründer:
“Derzeit nichts zu sagen”

Peter Sennhauser, 16. Juni 2007 08:56 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Stewart Butterfield entschuldigt sich für Flickrs Vorgehen und sein Schweigen – und liefert den Hack zur Umgehung der Zensur.

Aus dem Blog von Flickr-Sprecherin Heather Champ: Die Europa-Reise des Flickr-Teams ist von der fröhlichen Lancierungsparty zur endlosen Telefonkonferenz verkommen.

Stewart Butterfield, der Gründer der von Yahoo übernommenen Foto-Webseite Flickr, hat sich endlich zur Kontroverse rund um die “Zensur” der Fotoseite für deutschsprachige Kunden verlauten lassen. Fazit: Wir hören Euch zu, aber wir können derzeit leider nichts Substantielles zur Diskussion beitragen. Und: Schweizer und Österreicher können auf eine neue Yahoo-ID ausweichen…

“Wir haben nichts verlauten lassen, weil wir bis zum jetzigen Zeitpunkt nichts Substantielles anzukündigen oder Neues zu sagen haben. Wir könnten regelmässig posten, um zu sagen, dass es “nichts Neues” gibt, aber ich zweifle daran, dass das etwas helfen würde.

Weil sich die Ereignisse zum Wochenende hin sowohl hier wie auch in Europa etwas verlangsamen, zweifle ich daran, dass wir in den nächsten paar Tagen mit Neuheiten aufwarten können, sicher aber irgendwann. [...]

Es tut uns leid, dass dies alles überhaupt passiert ist, und wir wünschten, wir hätten mehr zu sagen: Es gibt kaum etwas in der Welt was ich weniger gern tun möchte als erwachsenen Deutschen zu sagen was sie sehen dürfen und was nicht. [...] Wenn wir sofort etwas unternehmen könnten, würden wir das tun [...] In der Zwischenzeit werden wir weiter mitlesen und zuhören – aber wir können ganz einfach von unserer Seite nichts zur Konversation beitragen.”

Am Donnerstag hatte bereits zunächst Heather Champ und danach die deutsche Presseabteilung von Yahoo ein Statement abgegeben, wonach die unumgehbare Sperrung aller Bilder, die in den USA als “möglicherweise anstössig” (“moderate”) klassiert sind, auf der ungleich strengeren deutschen Gesetzeslage bezüglich Jugendschutz beruht:

“Die Entscheidung, Flickr in Deutschland anders aufzusetzen, hatte in keinster Weise etwas mit Zensur zu tun. Vielmehr ging es darum, die deutsche Gesetzgebung zu berücksichtigen und entsprechend umzusetzen. Deutschland hat in Bezug auf Altersverifizierung eine strengere Gesetzgebung als die meisten Nachbarländer und damit einhergehend auch ein härteres Strafmaß. Aus diesem Grund können die Nutzer von Flickr in Deutschland derzeit nur die Inhalte sehen, die als “sicher” eingestuft sind. Wir sind gerade aktiv dabei, verschiedene Ansätze und Lösungen zu prüfen, die die Nutzererfahrung verbessern, gleichzeitig jedoch die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen.”

Bei genauerem Hinsehen scheint es darauf hinauszulaufen, dass die Yahoo-Anwälte in letzter Minute begriffen haben, dass die deutschen Gesetze eine aktive Altersverifizierung verlangen für den Fall, das pornographische Inhalte angeboten werden (eine vorgeschaltete Webseite, die vor den Inhalten warnt, entlässt den Anbieter nicht aus der Verantwortung).

Mangels anderer Mechanismen scheint sich Flickr dann darauf verlegt zu haben, das Klassierungssystem des amerkanischen Dienstes, das dort dazu dient, dass Menschen, die keine nackte Haut sehen wollen, solche Bilder ausblenden können, für die erzwungene Sperrung für alle Deutschen einzusetzen.

Die überstürzte Lösung kumuliert zwei Standards: Die strengen Deutschen Gesetze zum Schutz Jugendlicher vor Pornographie und die amerikanische Definition von Pornographie. Es ist der klassische Kulturgraben. In den USA werden staatliche Vorschriften verabscheut, die Einhaltung der teilweise extrem engen Moralvorstellungen sind Sache des einzelnen; in Kontinentaleuropa werden einer weitreichenden moralischen Freizügigkeit nur an den Extremen umso schärfere gesetzliche Grenzen gesetzt.

Nur fragen sich jetzt die erbosten Anwender, die in den letzten zwei Tagen in einem wahren Proteststurm Flickr mit “Zensur!”-Bildern und grauen Flächen zukleisterten, in seitenlangen Diskussionen über den Fotodienst und sein Mutterhaus Yahoo herfallen und in Protestgruppen von bis zu 9000 Mitgliedern den kollektiven Wechsel zu einem alternativen Anbieter diskutieren, warum Flickr ausgerechnet dieses eine strenge deutsche Gesetz eingehalten, andere aber krass verletzt hat.

Ganz speziell regen sich einige der Nutzer, die teilweise nicht einmal mehr ihre eigenen (halb-) Nacktbilder sehen können, darüber auf, dass sie als zahlende Kunden das in Deutschland gesetzlich garantierte Recht auf eine Kündigung des Dienstes vor Änderung der Nutzungsbedingungen nicht zugestanden erhielten.

Ausserdem nehme es Flickr.de weder mit dem Verbot der Darstellung von Nazi-Emblemen vergleichsweise ernst, noch weise die Webseite das gesetzlich vorgeschriebene Impressum auf.

Inzwischen ist die Flickr.de-Seite nicht mehr online, Aufrufe des URL werden auf Flickr.com umgeleitet.

Den Schweizern und den Österreichern liefert Stewart übrigens in einem Posting gleich selbst eine Anleitung, wie sie die Sperrung, die ja nur für Deutsche gelten soll, umgehen können:

“[Sie] brauchen keine Yahoo! Deutschland-IDs zu benutzen (und können den Dienst dennoch auf Deutsch einsetzen – die Sprachwahl ist unabhängig von der Jurisdiktion) Es ist möglich, auf yahoo.com ein Konto zu eröffnen und dabei das Land auf Österreich oder die Schweiz zu schalten. Danach kann die alte ID mit dem ID-Transfer-Tool übertragen werden und danch das Neue Konto genutzt werden.”

Medienberichte

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. ?????
    schrieb am 16. Juni 2007 um 12:51 Uhr (#)

    Apropos Yahoo!-ID: Sind überhaupt noch brauchbare Namen verfügbar? Yahoo! löscht ja leider keine IDs?

  2. Ingo Vogelmann
    schrieb am 26. Juni 2007 um 04:14 Uhr (#)

    Ich brauche so einen Blödsinn nicht, ich bin Deutscher in Deutschland und muss das nicht vor Yahoo! verstecken.

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