Schwarz wie die taz

Florian Steglich, 14. Juni 2007 21:22 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Der nächste Relaunch einer Tageszeitungs-Website ist da: Seit heute erscheint die taz in neuem Gewand. In neuem, aber nicht unbedingt besserem.

Das erste, was auffällt beim Besuch der neuen taz-Website, das ist der massige schwarze Balken, der am linken Seitenrand klebt und am oberen Ende nach rechts abknickt, um sich zwischen Werbebanner und Hauptnavigation zu quetschen.

http://netzwertig.com/wp-content/uploads/2007/06/taz_relaunch_screenshot1_s.jpg
Screenshot klicken für größere Ansicht

Drei Fragen zu diesem Balken:

1. Was?
2. soll?
3. das?

Es schien mir vorhin fast, als sei mein Browserfenster links etwas abgesackt, zusammengebrochen unter der Last dieses schwarzen Dingsbums. Danach habe ich mich kurz gefragt, ob ich möglicherweise mit Safari auf Windows surfe, aber das war nicht der Fall. Kurze Zeit später sah die ganze Seite aus wie eine monströse Traueranzeige, als sich nämlich am rechten Rand zusätzlich noch ein größtenteils schwarzes Skyscraper-Werbebanner befand. Überhaupt, die Werbung: Liegt das nur am fehlenden Gewöhnungseffekt, dass sie so aufdringlich wirkt? Oder gar am restlichen Layout?

Ebenso wie der Balken klebt auch die obere Werbung am linken Rand, wodurch die Seite ordentlich Schieflage kriegt. Scrollt man weiter runter, ist es zum Glück nicht mehr ganz so schlimm; dann sieht es nur noch so aus, als habe die taz links eine Werbefläche nicht verkauft bekommen und darum lieber schwarz gelassen. ‘Hier könnte Ihre Anzeige stehen.’

Atemberaubend schülerzeitungsmäßig ist auch das hochkant geschriebene “taz.de”. Reinstes Notlösungsdesign. Und noch höher heben sich die Augenbrauen, weil der Rest der Seite so überhaupt nicht dazu passt. Der Rest nämlich ist durchaus ansehnlich. Etwas undurchsichtig zwar die Mouse-Over-Effekte bei den Links (mal werden sie unterstrichen, mal tut sich gar nichts), und etwas eng der Abstand zwischen Überschriften und Dachzeilen, aber sonst: aufgeräumt. Geradezu hervorragend das breite Aufmacherbild, das sogar gelungener eingebunden ist als das von Spiegel Online:

http://netzwertig.com/wp-content/uploads/2007/06/taz_relaunch_screenshot2.jpg
Ja, der angeblich betrunkene Sarkozy, über den wir hier vorgestern schrieben, ist aktuell “Europa“-Aufmacher bei taz.de.

Zusammen mit den serifenlosen Schriften bekommt taz.de so einen sehr magazinigen Anstrich. Das passt gut zum Vorsatz der Redaktion, nicht bloß fixes “Online First” zu bieten, sondern auch “entschleunigten” Journalismus. Kontemplation is the new APO. Zum Entschleunigungskonzept gehört auch die neue Rubrik “Große Fragen” für die dauerhafteren Themen der Zeit. Eine schöne Idee, die zur taz passt, auch wenn die Überschriften ebenso der BILD entstammen könnten (“Wie retten wir das Klima?”, “Was schert uns die RAF?”).

‘Was schert uns RSS?’, hat sich offenbar die taz-Redaktion gefragt und darauf verzichtet. Das ist mehr als ärgerlich, handelt es sich schließlich bei RSS nicht um irgendein überflüssiges Web-2.0-Hype-Spielzeug. So müssen wir uns also dem schwarzen Depressionsbalken stellen, wenn wir taz online lesen wollen.

Das unbefriedigende Fazit: Inhaltlich-strukturell schön ausgedacht, aber reichlich hässlich verpackt. Sagen wir mal: Das ist so auf jeden Fall besser als andersherum.

Weitere Reaktionen:
Peter Turi vom Medienblog turi2 findet die neue taz.de “geil“, denn Schwarz, Weiß und Rot seien “Trendfarben”. Klar, turi2 ist ebenfalls schwarz-weiß-rot. Wie war noch gleich dieser Spruch? Für Journalisten sind zwei Beispiele ein Trend? Thomas Mrazek schreibt für onlinejournalismus.de: Det war nüscht und bezweifelt auch, dass sich der Aufwand für die taz rechnet. Christian Jakubetz vergibt die “Knallerbse des Jahres” und ist nicht sicher, ob sich die Macher beim Relaunch überhaupt irgendwas gedacht haben. Die meisten Leser von taz.de sind ähnlich unzufrieden. Maik Söhler von der Netzeitung immerhin findet die Seite insgesamt ansehnlich und höchstens “ein wenig unübersichtlich“.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Max
    schrieb am 15. Juni 2007 um 12:40 Uhr (#)

    Wir haben unten links etwas Platz gelassen, damit die Anzeigen oben, linksoben, rechts, untenrechts und hintenrum etwas “Luft” haben. Den entstehenden Freiraum wollen wir nutzen, gelegentlich ausgewählte redaktionelle Inhalte zu plazieren – in ständiger Abstimmung mit unseren Werbepartnern.

    http://www.titanic-magazin.de/rss.952

    will mal wissen warum man deutsche news seiten (spon/tagespiegel/zeit[800px!]) nicht wie (nyt/guardian) zentriert angezeigt bekommt.)
    ist auf größeren monitoren echt ein graus; immer erst mit platypus rüber rödeln nervt.

  2. Max
    schrieb am 15. Juni 2007 um 15:27 Uhr (#)

    übrigens CNN stellt auch grade sein Layout um:
    http://www.beta.cnn.com/

  3. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 16. Juni 2007 um 17:09 Uhr (#)

    Max: CNN erinnert mich sehr ans neue Focus Online.

  4. Karsten
    schrieb am 17. Juni 2007 um 10:59 Uhr (#)

    NutzerInnen von Firefox können mit der Erweiterung Greasemonkey und ein paar Skripten von mir taz.de so verändern, dass das Layout wieder unaufgeregter wird. Außerdem lässt sich zusätzlicher Content hinzufügen. URL: http://schmiertatze.blogs…te-ich-ein-paar.html

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