Wellness-Tage am G8-Gipfel

Ronnie Grob, 8. Juni 2007 15:33 Uhr, 10 Kommentare Kommentare

Um die 5000 Journalisten arbeiten im Pressezentrum Kühlungsborn an der Berichterstattung über den G8-Gipfel in Heiligendamm. Da aber dort wenig passiert, trinken einige von ihnen Champagner, lassen sich massieren und sitzen in der Sonne.

G8-Wellness
Screenshot spiegel.de

Journalist ein toller Beruf, hab ich gestern beim halbstündigen Zapp-Lobpreis auf guten Journalismus gelernt. Das Medienmagazin ist bei seinen Nachforschungen “auf engagierte Aufklärer und mutige Reporter, vorbildliche Rechercheure und solche, die es werden wollen” gestossen. Auch ich habe dort knallharte Recherchen, die zur Entlarvung von Wirtschaftsskandalen führen, Reportagen unter Einsatz des Lebens an NPD-Veranstaltungen und Menschen, die jeden Tag die bösen Seiten der Bild -Zeitung rapportieren, gesehen. Das Journalisten-Leben kann also anstrengend sein, aber auch befriedigend.

Nur: Was genau machen die 5000 akkreditierten Journalisten am G8-Gipfel? Yasemin Yüksel von Spiegel TV hat es herausgefunden (Video, 2:31 Minuten). Sie sitzen in der Sonne, trinken vor der Arbeit Champagner und lassen sich den Rücken massieren. Und kriegen Gratispostkarten, Handcremes, Frisbee-Scheiben, Müsli, Handtücher und Rezeptbücher für Milkshakes geschenkt.

Das ist aber noch nicht alles. Es gibt gemäss tagesschau.de auch eine “Kennenlern-Party zur Eröffnung des Pressezentrums mit Bars und DJ”, “ein touristisches Rahmenprogramm” und “kostenloses Catering”. Den Journalisten geht es dementsprechend gut. Zitate aus dem Video:

Ich hab bisher nur wenig gearbeitet. Aber zum Entspannen ist es auf jeden Fall ein netter Ort.

Ja, in gewisser Weise finde ich es eine Beeinflussung, dass die Leute von der Strasse gezielt weggelassen werden oder weggelockt werden. Grade toben draussen Demonstrationen und so weiter. Und hier drin lassen es sich alle gutgehen (ich mir auch) [hebt zur Veranschaulichung das Champagnerglas].

Sieht man diese Bilder, findet man es zwar noch immer tragisch, dass rund 20 Kollegen da nicht dabei sein dürfen. Wenn auch aus anderen Gründen. Sieht man andere Bilder, wird man an einen Kindergeburtstag erinnert.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung schreibt:

Frust macht sich breit unter den Berichterstattern am zweiten Tag des Gipfels. Das eigentliche Geschehen spielt sich in Heiligendamm ab, der Großteil der Journaille aber sitzt im Nachbarort, einige Kilometer entfernt vom Gipfelhotel. Es fehlt den Journalisten an nichts in Kühlungsborn – außer an der Möglichkeit der freien Berichterstattung.

Von Kühlungsborn bis Heiligendamm sind es übrigens gemäss Google Maps 9.5 Kilometer. Die werden mit einem einspurigen historischen Dampfzug namens “Molli” überwunden. Wenn der nicht gerade besetzt ist.

Ich weiss nicht mehr, wo ich es gesehen habe und ob es sich um die Anreise zum Pressezentrum oder an den Heiligendamm handelte. Aber eine Journalistin erzählte in einem Videobeitrag entrüstet, wie sie auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz viermal kontrolliert wurde. Das gibt der Situation eine weitere absurde Komponente. Das heisst nämlich, dass es strenge Zugriffskontrollen gibt. Um nichts zu sehen.

Und das, was die Journalisten tatsächlich beobachten können, nämlich das vom Küstenschutz abgedrängte Greenpeace-Schnellboot, können sie wahrscheinlich, noch bevor sie ihre eigene Wahrnehmung in ein Produkt gefasst haben, an einem TV-Schirm re-live und aus einer besseren Perspektive nachgucken.

Wie gut auch da die Worte passen. Wie der gekühlte Champagner liegen die Journalisten am Kühlungsborn (Born = Quelle/Brunnen). Ab und zu fahren sie in der dicken “Molli” rüber, um die unzugänglichen Heiligen auf dem Damm aus der Ferne zu begutachten. Dass die Vertreter der Macht nichts anderes im Sinn haben, als ihre Wächter und Kritiker vollzustopfen und ruhigzustellen, ist dabei offensichtlich. Dass diese das mit sich anstellen lassen, ist ein anderer Punkt. Ich meine, dass sich viele Medien hätten sparen können, ihre Journalisten in einem Wellness-Center einzuquartieren. Guter Journalismus – das hat uns Zapp diese Woche gezeigt – entsteht nicht dort, wo alle anderen stehen. Und sicher nicht dort, wo Journalisten miteinander Alkohol trinken oder Volleyball spielen.

Mehr dazu bei Buchstaben in Bewegung und bei Peter Turi. Und generell zum G8-Gipfel im Tagesschau-Blog.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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10 Kommentare

  1. Etienne Rheindahlen
    schrieb am 8. Juni 2007 um 17:21 Uhr (#)

    Gut beobachtet – gut beschrieben. Sehe ich als ein von zu vielen “Mainstream”-Kollegen aufgrund Wahrnehmung meiner Recherche-Pflichten isolierter Berufungs-Journalist genauso.

    Mehr unter:
    http://etiennerheindahlen…levard-heiligendamm/

  2. Stefan
    schrieb am 13. Juni 2007 um 09:34 Uhr (#)

    kleiner Tipp – der H2-Tag ist für Überschrifften gedacht (“Headline 2″). Die Tatsache dass der Anreißertext hier so formatiert ist, lässt ihn im Reader nervig groß erscheinen.

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