“Und daran wird sich auch nichts ändern”

Ronnie Grob, 1. Juni 2007 16:40 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Christian Lüscher, der für die Werbewoche mal einen Text von medienlese.com abkupferte (und sich dafür entschuldigte), hat wieder zugeschlagen.

Sein Text mit dem Titel “2.0-Hype relativiert” entspringt diesmal zwar offenbar eigenen Gedanken, was aber noch nicht heissen muss, dass die auch richtig oder schlüssig wären.

Er schreibt:

Die Internetnutzung hat sich in den letzten acht Jahren kaum verändert. Der Web-2.0-Rummel in den Medien bezieht sich im Grunde nur auf fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, die das Web 2.0 täglich nutzen. Die Mehrheit tummelt sich woanders. Mehrheitlich auf Suchmaschinenseiten oder im geschützten Bereich des Homebankings. Nummer eins aller Internetanwendungen ist seit Jahren die E-Mail-Kommunikation. Und daran wird sich auch nichts ändern.

“Und daran wird sich auch nichts ändern” haben schon viele gesagt. Trotzdem ist die Mauer gefallen und die Erde in der Sichtweise ihrer Bewohner keine Scheibe mehr. Konfuzius sagt dazu: “Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern”.

Aber rechnen wir mal aus: 5% der Gesamtbevölkerung (6’600’000’000), das sind 330 Millionen Menschen. Und die alle sollen das Web 2.0 täglich nutzen? Ganz schön viel – das hätte ich gar nicht gedacht. Aber viel ist relativ, wie uns die nächsten Sätze zeigen:

Web 2.0 ist also bloss das Spielfeld einer kleinen Minderheit. Das Profil seiner Nutzer entspricht demjenigen der Internetpioniere vor 20 Jahren: männlich, überdurchschnittliches Einkommen und sehr gut ausgebildet. Genutzt würden überwiegend Videocommunities und Wiki-Sites, wobei die Online-Enzyklopädie Wikipedia zur populärsten Anwendung der Community 2.0 gehört.

Vor 20 Jahren? Das war 1987. In der Wikipedia heisst es dazu:

Rasanten Auftrieb erhielt das Internet seit 1993 durch das World Wide Web, kurz WWW, als der erste grafikfähige Webbrowser namens Mosaic veröffentlicht und zum kostenlosen Download angeboten wurde. Das WWW wurde 1989 im CERN (bei Genf) von Tim Berners-Lee entwickelt.

Wenn ich das richtig verstanden habe, kann also das Profil der Web-2.0-Nutzer mit demjenigen der Internetpioniere verglichen werden. Können wir folglich auch annehmen, dass das Web 2.0 einen ähnlichen Siegeszug machen wird wie das Internet? Also bei so einer Ausgangslage wäre ich auf so eine These gekommen. Aber das muss ja nicht sein.

Der kurze Text ist aber noch nicht zu Ende:

Laut Ergebnissen produziere und gestalte gerade mal ein Drittel der Web-2.0-Nutzer Inhalte. Der Rest seien «Unterhaltungssucher» und «Infosucher», die keine Mitgestaltungsmöglichkeiten suchten, sondern in der Regel nur Inhalte konsumieren würden.

Genau, von dieser Studie, die etwas später noch relativiert wurde, habe ich doch auch gelesen. Dort ist von 0,16 Prozent, von 2 Prozent, von 5 Prozent, von rund 12 Prozent und von 13 Prozent die Rede. Aber nie habe ich etwas von einem Drittel der Web-2.0-Nutzer gelesen.

Der Artikel endet mit diesem Satz:

Die hohe Glaubwürdigkeit der klassischen Medien und ihr Qualitätsverständnis, so kommen die Verfasser des Berichts zum Schluss, blieben wichtige Kategorien, die ihren Platz in einer sich wandelnden Angebotswelt sichern.

Das sehe ich auch so. Hohe Glaubwürdigkeit und Qualitätsverständnis sind wichtige Kategorien, um sich einen Platz in der wandelnden Angebotswelt zu sichern. Fragt sich nur, ob Christian Lüscher das auch kann. Doch vielleicht war dieser Text nur dazu da, verunsicherte Werber zu beruhigen.

Offenlegung (inspiriert von Felix Schwenzel): Ich habe Christian Lüscher im Frühjahr am Blogcamp in Zürich persönlich kennengelernt. Er ist ein netter Kerl.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Pesche
    schrieb am 2. Juni 2007 um 13:03 Uhr (#)

    Ich finde diese immer wiederkehrende Aufregung übertrieben. Dass viele Leute mit 2.0 nichts anfangen können, ist eine Tatsache, keine Beleidigung und schon gar keine Menschenrechtsverletzung. Trotzdem wird im Bloggergärtchen jedes Mal laut aufgeheult, sobald ein x-beliebiger Journalist in einem x-beliebigen Text findet, dass der Hype etwas gar gross sei.
    Wenn du in der Kassenschlange, im Tram oder in der Badi mal herumfragst, wer das Internet wozu nutzt, findest du nun mal sehr wenige Leute, die bloggen, flickern und zweinullen. Den meisten reicht Surfen und Skypen. Die meisten Leute sind schon froh, wenn sie mit dem Computer einigermassen zu Gang kommen und sich keine Viren einfangen. Wer den Compi bedienen kann und versteht, ist in einer Minderheit, und wer auch noch 2.0-Kram macht, ist in der Minderheit einer Minderheit. Aber das ist ja auch gar nicht schlimm. Manchem von uns täte es gut, den Computer öfter runterzufahren und wieder mehr unter die Leute zu gehen. Das Leben, ganz ohne Versionsnummer, ist immer noch besser als der virtuelle Kram. Oder seh ich das falsch?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 3. Juni 2007 um 10:49 Uhr (#)

    @Pesche: Sehe ich durchaus auch so. Ist doch aber kein Grund, einen Text voller Ungenauigkeiten und falscher Schlüsse zu schreiben. Ausserdem erinnern wir uns: Vor ein paar Jahren war E-Mailen auch noch keine Selbstverständlichkeit. Und Skypen? Davon wissen vermutlich sowenige wie von Web 2.0. Aber wer es erklärt gekriegt bekommt oder sich darin einarbeitet und es dann nützen kann, ist in der Regel recht dankbar über das neuerlangte Wissen (und möchte die neuen Möglichkeiten dann nicht mehr hergeben).

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 5. Juni 2007 um 05:42 Uhr (#)

    Hallo Pesche
    Schon richtig, dass man heute im Supermarkt wenig Leute findet, die bloggen.
    Aber wieso sollte sich das nicht irgendwann ändern? Und dabei meine ich nicht bloggen im engeren Sinne, sondern Inhalte im Netz publizieren. Ich habe neulich unter dem Titel Internet ist, wenn es irgendwann alle machen schon geschrieben, wie faszinierend ich allein die Entwicklung meiner Eltern finde. Wenn mir einer 1995 gesagt hätte, dass meine Eltern mal beide ein Handy haben werden und dass ich mit denen per SMS kommuniziere (und per E-Mail und Skype), hätte ich gesagt, der spinnt. Es ist aber eingetreten. Und deswegen finde ich “Und daran wird sich auch nichts ändern”-Titel absolut kurzsichtig.
    Wohlverstanden: Niemand “heult auf” (das “Aufheulen in Blogs” ist übrigens auch eine Standardformulierung), weil “wir” heute etwas fundamental anderes beobachten als “ihr”. Es geht nur um die Fantasie über die Zukunft. Wenn es gestern ganz anders war als heute, wieso soll ab heute alles gleich bleiben?

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