Frankfurter Rundschau goes Tabloid

Die Frankfurter Rundschau versucht ein letztes Mal, sich am Leben zu erhalten und handelt mit einer Umstellung des Formats. Wir schreiben ein paar spontane Eindrücke über die Erstausgabe sowie eine Presseschau dazu.

Frankfurter Rundschau CoverDass es sich um die letzte Chance der Frankfurter Rundschau handelt, ist keine Erfindung von mir, sondern steht in der Konkurrenz aus Frankfurt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Volker von rhein-main.net prophezeit gar “in nicht allzu langer Zukunft den Weg alles Irdischen”.

Zumindest am Tag 1 im Tabloidformat war sie begehrt. Bei meinem Zeitschriftenhändler hab ich gerade noch die Letzte gekriegt, doch Roland Grün fand sie im ganzen Haus nicht, obwohl sie normalerweise immer im Raucherraum der Redaktion rumliegt.

Zusammenfassend wurde die neue FR graphisch gut, inhaltlich eher unbeeindruckt aufgenommen. Das Tabloid-Format wird von den Meisten befürwortet (was daran liegen könnte, dass die Kritiker des neuen Formats keine Weblogs haben, sondern irgendwann einfach ihr Abo kündigen).

Nun aber zu den Details.

Page Impressions:

- Das Format ist auch im Tabloid noch gross, aber nicht unhandlich.

- Saubere, übersichtliche und angenehme Gestaltung, dazu eine Schriftart, die mir recht gut gefällt.

- Das Papier liegt ganz gut in der Hand, scheint nicht ganz billig zu sein. (Update am Tag 2: Sie sieht, zerlesen, auch nicht mehr anders aus als jede andere alte Zeitung, ich nehm den Eindruck wegen Irrelevanz wieder zurück)

Bronski- Fast keine Werbung in der Erstausgabe (Absicht oder keine Kunden?). Die meisten abgedruckten Werbungen sind Hinweise auf das eigene Blatt (FR-Shop) oder Inserate anderer Druckerzeugnisse. Vielleicht wollte man die Erstausgabe nicht von Werbekunden verunstaltet.

- Mit dem Aufmacher hat man zwar alle wichtigen Leute auf dem Cover, die Studie dazu überzeugt mich aber überhaupt nicht. Dass Angela Merkel 62% Beliebtheit kriegt in Deutschland und George W. Bush nur 20% sagt mehr über deutschen Patriotismus aus als über die betreffenden Personen (gefragt wurde nach den “Sympathiewerten der Staats- und Regierungschefs auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten. Basis: diejenigen, die den Politiker kennen. 1002 Befrage. Quelle: Forsa”). Mehr zu diesen Zahlen erfährt der Leser nicht. Urteil: Niveau Boulevardzeitung.

- Blättert man die Zeitung durch, hat man durchaus das Gefühl, eine Qualitätszeitung in der Hand zu halten. Allerdings handelt es sich im vorliegenden Fall um eine Ausgabe, in die sicher viel Aufwand gesteckt wurde. Im Alltag ist dieses Niveau nicht mehr so leicht zu erreichen. Die Qualität steckt zudem immer in und nicht an den Artikeln.

- Heftklammern fehlen (aus Umweltschutzgründen oder wegen den Materialkosten?). Ist definitiv ein Nachteil. Wind und Wetter lassen die Ausgabe so am Ende des Tages unlesbar irgendwo in nicht mehr zusammenpassenden Einzelteilen vor sich hin gammeln.

-Bronski ist unser Mann. Bronski kämpft für Leser und mit Lesern. Kämpft er auch gegen Leser? “Wir nennen ihn den Leserversteher” ist ein wunderbar ehrlicher Satz, der zeigt, wie genervt und geärgert Journalisten sind, die es sich immer weniger erlauben können, Leserbriefe in den Papierkorb zu werfen. Dank Bronski ist die Redaktion fein raus und schiebt einfach alles auf Bronski. Um wieviele Personen es sich wohl bei Bronski handelt? Ich nehme mal an, um einen. Ich finde Bronski gut. Sieht auch gut aus. Schöner Rollkragenpullover.

Stier und Bär

Vier Punkte- Ab der Mitte der Zeitung hat jede Seite am Rand 3 x je einen schwarzen, blauen, pinken und gelben Punkt. Um sehr naiv zu fragen: Muss das sein? Gehen die wieder weg?

- Herausgenommen werden kann nur ein kleiner Regionalmittelteil, der sich “Rhein-Main” nennt. Vielleicht variiert das ja täglich, aber ich mag es nicht, wenn sich eine Zeitung unmöglich auf mehrere Leute aufteilen lässt. Eine Aufteilung in zwei oder auch drei Teile lässt soziales Lesen zu. Sinn macht das natürlich nur bei umfangreichen Zeitungen (was bei derFR der Fall zu sein scheint).

- Stier oder Bär? Die Grafiken zu den Börsenkursen verstehe ich nicht. Steigende Börsenkurse sind ein Stier, fallende ein Bär? Oder ist die Börsenseite von diesem Prefa-Dach gesponsert, das stark wie ein Stier sein will? Sind alle Gewinner Stiere und alle Verlierer Bären? Sind alle Stiere Gewinner und alle Bären Verlierer? Ich bitte um Aufklärung.

Was schreiben andere darüber?

Das schönste Zitat zuerst: “Heute erschien die Frankfurter Rundschau im neuen Tabloid-Format, was ich sensationell toll fände, wenn ich die Zeitung lesen würde.” Inforadio.de erklärt, um was es sich bei der Frankfurter Rundschau überhaupt handelt: “Früher war das die Zeitung für diejenigen, denen die tageszeitung zu unseriös war, die sich aber trotzdem zum Linkssein bekannten. In den letzten Jahren ging?s der FR nicht so gut, weil die Linken angefangen hatten, die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu lesen, wenn sie nicht sowieso die Süddeutsche Zeitung abonniert hatten.”

Marius hat sofort einen S-Bahn-Test gemacht und herausgefunden, dass Rundschau lesen nun sehr viel besser funktioniert. Dem Flaneur liegen die Seiten seltsam schwer in der Hand und versucht, diese Probleme mit Hanteltraining in den Griff zu kriegen. Der Taxiblogger war mit der Ausgabe schneller durch als sonst, allerdings fiel sie ihm aber auch dauernd vom Lenkrad. Der Zeittotschläger lobt das handliche Format gegenüber den Mammutformaten wie der Zeit: “Sicher, so einen riesen Fetzen Papier vor sich zu halten mag etwas weltmännisches haben, aber nur, solange man nicht umblättern oder zusammenfalten muss.”

Thomas Wanhoff fehlt eine Online-Verbindung, ist aber sonst begeistert: “Handlich, übersichtlich, inhaltlich ohnehin gehaltvoll – so muss Zeitung der Zukunft mindestens mal aussehen.” Das Aussehen wurde allgemein freundlich aufgenommen: “Da kann sich so mancher Webdesigner ?ne Scheibe abschneiden.” meinte man bei vault-13.com. Auch Dichtung & Wahrung ist erstaunt und registrierte eine komplett neue Gestaltung, die “nicht mehr an die blasse Optik einer monatlichen Verbandszeitung erinnert”. Dem Grupetto fiel auf, dass insgesamt viele Bilder freigestellt sind, was das Blatt etwas luftiger mache und aus ihrem starren Korsett ausbrechen lasse.

Sonst wurde eine Umorientierung hin zu einem wahren crossmedialen Angebot vermisst. Dafür aber wurden marodierende Affenweibchen über dem Zeitungskopf gefunden.

Was schreiben die Profis von der Konkurrenz?

DWDL-Blattkritik zur neuen “Frankfurter Rundschau”
(dwdl.de, Thomas Lückrath)
Gefühlt mehr Inhalt: Die neue “Frankfurter Rundschau” im Tabloid-Format gefällt auf Anhieb. Kritik gibt es trotzdem, nur versteckt sich der Teufel eher im Detail. Das Medienmagazin DWDL.de hat sich den Erstling des Teams um Chefredakteur Uwe Vorkötter ganz genau angeschaut. Die DWDL-Blattkritik.

Ungewohnte Meinung
(tagesspiegel.de, Klaus Staeck)
Die ?Frankfurter Rundschau? erstmals im neuen Format – eine Gast-Kritik.

Hallo, kleines Blatt
(taz.de, Steffen Grimberg)
Die “Frankfurter Rundschau” ist geschrumpft und wirkt nach dem mutigen Schritt in die Zukunft leider weiter arm – und überhaupt noch nicht sexy.

Die letzte Chance
(faz.net, Michael Hanfeld)
Zum ersten Mal ist die ?Frankfurter Rundschau? als Tabloid erschienen. Die erste Titelseite gibt sich populär, das Konzept scheint an Sonntagszeitungen angelehnt. Die Umstellung auf das Halbformat war die letzte Chance für die krisengeplagte Tageszeitung.

Alles neu macht am End” der Mai
(stuttgarter-zeitung.de, Tim Schleider)
Als erste große deutsche Tageszeitung erscheint die “Frankfurter Rundschau” nun im kleinen Format.

“Bitte die Zeitung einfach umdrehen”
(spiegel.de, Christian Buß)
Heute erscheint die “Frankfurter Rundschau” zum ersten Mal im Tabloid-Format. Mit anrührender Leserbetreuung wird die alte linksliberale Klientel bei der Stange gehalten. Die Jungen will man mit nicht immer formvollendeter Schnittigkeit ködern.

Zum Schluss noch ein Bild aus der Zeitung:

Leser Zeitung

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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11 Kommentare

  1. Dafür geht «CASH» definitiv über den Jordan (http://www.cash.ch/news/story/449/124217/40/40)?

  2. Wenn die FAZ schreibt, dass ihr lokaler Rivale “Frankfurter Rundschau” seine letzte Chance nutzen muss, dann ist das so aussagekräftig, wie wenn der BLICK schreibt, dass “20 Minuten” keine Chance habe. Pipifax…

    Dass die neue FR jetzt keine Bünde und keine Heftung mehr hat, ist aber wirklich suboptimal. Dafür finde ich den Bronski, wenn die Redaktion die Idee durchzieht, im doppelten Sinne des Wortes einmalig!

  3. @Krusenstern: Den Bronski gibt es schon länger bei der FR und soweit ich das beurteilen kann, macht er seinen sicher harten Job nicht schlecht.

  4. Zur Börse: Stier und Bär

    Es handelt sich nicht um einen Stier, sondern einen Bullen. Und dieser ist in der Tat das Zeichen für steigende Kurse, während der Bär für sinkende Kurse steht. In Frankfurt stehen beide Tiere z.B. vor der Börse – daher also durchaus passend..!

    siehe auch Eintrag zu “Bullen- und Bärenmarkt” in der Wikipedia.

  5. Es handelt sich nicht um einen Stier, sondern einen Bullen.

    Worin unterscheiden sich Bulle und Stier?

  6. Worin unterscheiden sich Bulle und Stier?

    gute frage.. ;) eigentlich ja gar nicht. aber es geht ja darum, die richtigen begriffe zu verwenden – und im zusammenhang mit der börse wird eben von einem “bullen” und nicht von einem “stier” gesprochen – that’s it!

  7. Danke für die Aufklärung. Solange ich solche Sachen nicht weiss, gewinne ich bei Jauch nie die Million.

  8. Für die Kuh macht es keinen Unteschied: Ob Bulle oder Stier, das ist Hans was Heiri. (Schmunzeln) Der tierische Börsenausdruck soll sich übrigens nicht von Zuchtbullen oder -stieren ableiten, sondern von den Adjektiven “bullish” und “bearish”.

  9. Aus dem oben verlinkten Wikipedia-Artikel:

    “Die Begriffe kommen von einem Schaukampf, den kalifornische Goldgräber zu ihrer Belustigung organisierten. Dabei wurde ein Bär an einen Pfahl gebunden und ein Stier auf ihn losgelassen. Entweder warf der Bulle den Bären mit seinen Hörnern hoch in die Luft oder der Bär rang den Bullen nach unten. Entsprechend haben sich auch die Begriffe für steigende bzw. fallende Kurse eingebürgert.”

  10. Wenn mich meine Ausbildung nicht täuscht, dann gehen die Punkte nie weg, denn die sind zur Farbüberprüfung bei 4c notwendig und sind auch nicht erst seit der Tabloidausgabe in der FR, wie auch in anderen Zeitungen, zu finden. Nur dann eben am unteren linken Rand (glaube ich).

  11. @Mainbube: Könnten wir in Blogs vielleicht auch einführen. Sieht doch ganz schick aus.

8 Pingbacks

  1. [...] zwischenzeitlich auch getan (eine sehr sch??ersicht ? die Reaktionen darauf findet sich bei medienlese.com). Der f?ich spannendste Aspekt: Da hat man nun also reichlich Energien in ein g?lich neues [...]

  2. [...] Ronnie Grob von der Medienlese hat sich kleine Rundschau heute mal ganz genau angeschaut. [...]

  3. [...] Frankfurter Rundschau erschien erstmals im Tabloid-Format und die Schweizer Wirtschafts-Wochenzeitung Cash wurde eingestellt. Der Chefredaktor des [...]

  4. [...] und alles in allem: Es ist dem Tagesspiegel ähnlich wie der Frankfurter Rundschau mit ihrem magazinigen Tabloid zu wünschen, dass Mut belohnt wird. Die neue Seite ist so schick geworden, dass man sogar den [...]

  5. [...] Foto auf der Titelseite? “Willkommen im Club!” ätzt Arno Widmann in der jüngst gelifteten Frankfurter Rundschau. Man habe zwar die Unverwechselbarkeit aufgegeben, dafür aber erkannt, [...]

  6. [...] Frankfurter Rundschau erscheint von nun an im kleinen Tabloid-Format und erfindet damit mindestens die Zeitung neu. Die neue FR ist am Kiosk unter all den [...]

  7. [...] regelmäßig diese Beispiele. In Amerika wird also alles schon längst so gemacht, womit hier erst Frankfurter Rundschau und Welt Kompakt (junge) Leser [...]

  8. [...] Leser entgegen. In Deutschland sind die kleinen Formate traditionell kaum verbreitet, allein die Frankfurter Rundschau erscheint als überregionale Qualitätszeitung in einem sogenannten Tabloid-Format. Mit dem [...]