Google:
Währt Ehrlichkeit wirklich am längsten?

Martin Weigert, 24. Mai 2007 12:01 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Gestern zitierte die Financial Times Deutschland laut heise online Googles CEO Eric Schmidt mit den Worten, das Ziel des Unternehmen sei es, noch mehr Daten der Nutzer sammeln zu wollen. Man möchte in der Lage sein, dem User irgendwann sagen zu können, welchen Job er wählen und was er morgen machen sollte.

Auch wenn diese Ehrlichkeit löblich und bei wenigen Weltkonzernen üblich ist, so wirft ein solch offenes Bekenntnis zum gläsernen Nutzer einige Fragen auf. Die erste wäre, ob man sich im Hause Google überhaupt bewusst ist, dass viele User der totalen Transparenz sehr kritisch gegenüberstehen. Daraus folgt die zweite Frage: Sofern man das weiß, wieso betreibt man dann derartiges Anti-Marketing? Die dritte Unklarheit liegt darin, wie weit der Datenhunger von Google eigentlich geht. Bisher assoziierte ich Googles Ziel, alle Informationen der Welt verfügbar machen zu wollen, hauptsächlich mit einer Digitalisierung (alter) Medien. Anscheinend bezieht sich Google jedoch verstärkt auf Informationen über die Nutzer selbst, mit dem Ziel komplexer Persönlichkeitsprofile.

Man muss kein Datenschutzfanatiker sein, um bei diesem Bestreben ein gewisses Unbehagen zu spüren. Vor einem Jahr hätte ich Schmidts Aussage vielleicht noch lockerer genommen. Doch nach der milliardenschweren Übernahme von Doubleclick und dem globalen Einfluss, den Google erreicht hat, hinterlässt das Statement ein ungutes Gefühl. Dabei ist es nicht die Tatsache, das Google Dank der Nutzerprofile zielgerichtete Werbung ausliefern kann - das ist im Grunde eine gute Sache. Problematisch ist eher, dass ein einzelnes Unternehmen über eine derartigen Menge an Daten verfügt und damit in der Informationsgesellschaft eine enorme Macht besitzt. Auch wenn Google diese Macht derzeit dafür verwendet, um möglicherweise erstrebenswerte Ziele zu erreichen – niemand weiß, ob Googles Motto «Don’t be evil« («Sei nicht böse«) für immer halten wird. Wenn der Zeitpunkt kommen sollte, an dem man sich bei Google von der häufig propagierten Wohltätigkeit verabschiedet, spätestens dann würde manch einer sich vielleicht wünschen, der Internet( und Werbe-)riese wüsste nicht so viel über die eigene Person.

Das eine Äußerung wie die von Eric Schmidt kontraproduktiv ist, habe ich gestern an meinem eigenen Nutzungsverhalten beobachten können. Ich wollte eine relativ komplexe Sammlung von Excel-Daten zum gleichzeitigen Bearbeiten durch verschiedene Personen online ablegen. Google bietet mit Text & Tabellen einen entsprechenden Service. Doch ich wählte Zoho, ein anderer Dienst für Online-Office-Anwendungen. Warum? Hinsichtlich der Funktionen sind sich beide relativ ähnlich. Daher entschied ich mich, meine Daten in die Hände des Dienstes zu legen, der weiter davon entfernt ist, alles über seine Nutzer zu wissen. Und ich behaupte, dass immer mehr User bei dem Vorhandensein verschiedener vergleichbarer Produkte den Anbieter wählen, der nicht Google heißt. Man sollte zumindest darüber nachdenken.

Eins muss man dem Weltkonzern aus Mountain View lassen: Ehrlich über die Ambitionen zu sprechen, ist angesichts des Firmenmottos konsequent und äußerst glaubwürdig. Doch aus strategischer Sicht sind positive Effekte anzuzweifeln. Es scheint fast so, als würde die an und für sich vorbildliche Firmenphilosophie Googles am Schluss zu immer mehr Widersprüchen und Konflikten führen, die einen langfristig anhaltenden Erfolg in Frage stellen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Tom

    schrieb am 24. Mai 2007 um 15:12 Uhr (#)

    “…Doch ich wählte Zoho…”, diese Möglichkeit seine Daten zu streuen ist praktikabel aber nur solange Google nicht an eine Übernahme von Zoho denkt, ein durchaus gefällige Strategie für Google um Konkurrenz zu verdrängen - unter Berücksichtigung ihrer enormen Finanz- und Marktmacht. Somit stellen nur kartellrechtliche oder datenschutzrechtliche Regularien hier eine Möglichkeit dar Google in seiner Datensammlung zu “bremsen”. Die Mehrheit der Nutzer von Google und im Allgemeinen von Web 2.0 Diensten scheint nämlich kein Problem damit zu haben - teilweise gerade zu erpicht darauf zu sein - Daten aus ihrem persönlichem Umfeld preiszugeben solange sie bspw. 1 GB Email Speicher als “Gegenleistung” bekommen oder ihren Freunden den neuesten Vollrausch per Bildergalerie vor Augen führen können.

  2. Ralf Eggert

    schrieb am 24. Mai 2007 um 15:16 Uhr (#)

    Vielleicht ist Google EPIC 2014 [1] doch nicht das Ergebnis kreativer Flash Anwender, sondern eine Botschaft aus der fernen Zukunft gewesen? ;-)

    Disclaimer: Ich weiss, dass das Thema ernst zu nehmen ist, also bitte den Kommentar nicht falsch verstehen.

    [1] http://de.wikipedia.org/wiki/Google_EPIC

  3. Martin

    schrieb am 24. Mai 2007 um 17:03 Uhr (#)

    @ Tom
    Das stimmt. Gerade den Hype um Google Mail kann ich auch nicht wirklich verstehen. Ich zahle lieber einen geringen Euro-Betrag pro Monat und nutze dafür unbegrenzten Speicher und vor allem IMAP. Ich denke und hoffe, dass die Erkenntnis bei vielen Usern nach und nach einsetzt, und manch einer vielleicht versucht, seine Daten zu streuen.

    @ Ralf
    Selbst bei einem Thema muss ein bisschen Spaß sein. Und sooo abwegig ist Deine Theorie gar nicht… ;)


1 Trackback

  1. Google der Quasi-Monopolist » Beitrag » zweinull.cc
    (12. Oktober 2007 10:55)

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