Tagi schluckt BZ-Verlag

Tamedia und Espace Media Groupe schliessen sich zusammen: Das Zürcher Verlagshaus von “Tages-Anzeiger”, “Sonntags Zeitung”, “Facts” und andern übernimmt für 205 Millionen CHF und 600’000 Aktien den Verlag von “Berner Zeitung”, “Bund” und anderen.

espace media groupDer Berner “Bund” berichtet auf seiner Online-Frontseite an erster Stelle über die Bedenken der Gewerkschaften gegenüber dem Zusammenschluss, der am Donnerstag (24 Mai) Morgen in einem Communiqué der Tamedia und der Espace Group verkündet wird. Dieweil sucht das Flaggschiff der Espace-Group, die boulevardeske “Berner Zeitung”, auf ihrer Hompage weiterhin einen halbnackten “Mr. Bern”. Viel besser lässt sich der Unterschied zwischen den Zeitungen, die beide vom Hause Espace Media Group herausgegeben werden, kaum illustrieren.

Ich weiss nicht, ob sich die Übernahme der Berner durch die Zürcher abgezeichnet hat – persönlich fürchte ich indes um die Existenz des Traditionsblattes “Der Bund” (für das ich vier spannende Jahre gearbeitet habe).

Das Qualitätsblatt, das neben der sehr viel boulevardeskeren “Berner Zeitung” seit Jahrzehnten ein Schattendasein fristete, hat die neunziger Jahre nur dank einer Beteiligung von Ringier und nach deren Ausstieg mit jährlichen Finanzspritzen vom NZZ-Verlag überlebt; es ist bereits vor Jahren an die Espace Media Group übergeben worden und wird seither unter dem “Zwei Zeitungen unter einem Dach”-Modell herausgegeben.

Allerdings war es nie ein Geheimnis, dass die Weiterexistenz des kriselnden Blattes vor allem dem Doyen der Berner Medienszene, dem Espace-Mitbesitzer und Berner-Zeitung Verleger Charles von Graffenried zu verdanken war, der als Anhänger des fast ausschliesslich in der Stadt Bern von Meinungsführern gelesenen “Bund” gilt.

Mit dem Aktientausch erhält jetzt von Graffenried neben der zweiten Espace-Haupteigentümerfamilie, Erwin Reinhardt-Scherz, allerdings eine ansehliche Beteiligung an der Zürche Tamedia und soll laut Communiqué in den Verwaltungsrat der Tamedia gewählt werden (interessante Wendung: “soll in den Verwaltungsrat gewählt werden”. Demokratie, wie sie nur in klaren Mehrheitsverhältnissen oder bei gigantischen Aktienmehrheiten möglich ist).

Die Pressekonferenz in Bern dürfte inzwischen beendet sein, und schon bald werden in den Online-Medien neue Fakten auftauchen. Klar ist indes bereits, dass sich der neue Verlags-Gigant im Schweizer Medienwesen von zwei Lokalradiosendern (Basilisk in Basel und Canal3 in Biel) trennen will, weil das Schweizerische Mediengesetz nicht zulässt, dass mehr als zwei Privatradios sich in der Hand von ein und demselben Besitzer befinden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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