Google, Fleisch und Daumennägel

Googles’ universale Suche ist weit mehr als ein bisschen Kosmetik – und eine riesige technische Herausforderung, denn das Rotlichtmilieu wittert seine Chance.

Ich war, wie wohl so mancher Kollege, gestern am Google Searchology-Event etwas überrumpelt. Der Anlass begann dermassen harmlos, ja langweilig, dass ich bald mehr der hübschen Fotografin von Bloomberg zugeguckt habe, als die langfädigen Ausführungen beispielsweise von Technologie-Direktor Craig Silverstein (dem ersten echten Angestellten Mitarbeiter von Sergey Brin und Larry Page, Bilder weiter unten: 1. Craig, 2. Sergey) zu beachten. Dabei waren all die theoretischen Einführungen in die Suchtechnologie nur der Auftakt zur Meldung, dass Google ab sofort alle Medienkategorien in die Hauptsuche einbezieht. Die Mitteilung kam übrigens am gleichen Tag, an welchem der oberste Gerichtshof in den USA für Google entschieden hatte, dass kleine Vorschaubildchen (“Thumbnails”, daumennagelgrosse Vorschaubilder) von andern Webseiten keine Copyrightverletzung, sondern sogenannter “fair use” sind.

google (1 of 2)

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Craig Silverstein, Technology Director Google

Nach dieser Mitteilung, über die ich gestern auf neuerdings berichtet habe (und heute realisierte, dass es eigentlich eher eine Mediengeschichte ist), wussten wir Presseknilche zunächst alle nicht genau, was davon zu halten ist, und als Sergey Brin schliesslich auftauchte, fragten ihn die Kollegen mangels Bedenkzeit allerhand langweiligen Kram (und eine Kollegin vom San Jose Mercury gratulierte ihm am Mikrofon zur stinkgeheimen Hochzeit, was Brin sichtlich nervte: “Bleiben wir beim Thema Suche, ja?” – das dürfte die Aufmerksamkeit noch mehr auf das nette Celebrity-Geschichtlein im Mercury von heute gesteuert haben …).

Ich habe jedenfalls erst im Auto auf dem Heimweg kapiert, was neben der enormen zusätzlichen Rechnerlast an Problemen auf Google zukommt, wenn die Suchmaschine jetzt auch Fotos und Videos in jede Anfrage einbezieht. Eine der Hürden dürften darin bestehen, die Tricks des Internet-Rotlichtviertels zu blockieren, sich in die Suchresultate einzuschleichen.

Was bei Texten relativ einfach geht, ist bei Bildern, die vorerst von Maschinen nur aufgrund ihres Dateinamens und des Kontext der Webseite erkannt werden können, wesentlich schwieriger: Beispielsweise Pronografie auszufiltern. Bisher tauchten Pornoseiten nicht in Googles Index auf, und die Anbieter habenwohl auch nicht wirklich versucht, das System zu schlagen – die Leute fanden sie auch so. Aber via Pornobildern auf gefälschten, inhaltlich (für die Maschinen) seriösen Webseiten könnten sie sich jetzt auch in die Suchergebnisse nach ganz anderen Resultaten einschleichen.

google (2 of 2)

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Sergey Brin, Google-Gründer (Mitte)

Ich hätte Sergey demnach fragen sollen, ob Google vor der Aktivierung der Mischsuche einen hautfarben-Filter für Fotos eingebaut hat. Ansonsten könnten wir nämlich bald schon mitten in den Google-Resultaten Bilder wie das ganz oben (ohne Zensurbalken) mitten in wissenschaftlichen Abfragen antreffen. Stattdessen habe ich es der attraktiven Bloomberg-Kollegin gleichgetan und mich wie ein Papparazzo benommen, während Karsten Lemm vom Stern Sergey beim Lunch die Welt erklärte.

Jedenfalls haben uns heute gescheitere Leute, zum Beispiel Journalismus-Professor Jeff Jarvis, erklärt, was es mit der Mischsuche wirklich auf sich hat. Google erhebt Video, Fotos und selbst Landkarten auf das gleiche inhaltliche Niveau wie Text. Und wer das als Kosmetik mit einem Schulterzucken abtut, hat nichts kapiert.

Die kulturellen Folgen sind kaum abzuschätzen. Bringt Google noch die anderen angekündigten Neuerungen – geographische Anzeige der Suchresultate und sprachübergreifende Suche – dann ist die Welt dem Schlagwort des längst abgehängten Bill Gates’ von der “Information At Your Fingertips” deutlich näher. Und Video, Fotos und Podcasts nehmen ihren verdienten Platz in der Reihe der relevanten Quellen ein.

Ausserdem hat Google, wie Robert Scoble bemerkt, mit einem gehörigen understatement allen im Valley klargemacht, warum es sich gelohnt hat, für das unprofitable YouTube 1,6 Milliarden Dollar hin zu blättern. Die Site selbst bleibt ein Spassgefäss für Teenager, aber die Integration der Inhalte in die Google-Suche katapultiert den Marktführer gleich wieder ein paar Hürden vor Yahoo und Microsoft, deren Suchmaschinen qualitativ dicht an den Riesen aus Mountain View herangekommen waren.

Diesen einen Schritt, den Einbezug von Video in ihre Suchresultate, können sie nicht nachvollziehen, denn der grösste Anbieter der Inhalte ist Google selbst mit YouTube – und Microsoft wird niemals Benutzer via Weblink zur Konkurrenz schicken, ebenso wenig wie das Medienunternehmen Yahoo; während die Suchmaschine Google kein Problem damit hat, wenn jeder zehnte Videolink in ihren Suchresultaten zu Revver oder Metacafé führt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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Ein Kommentar

  1. Ich frage mich, ob die Integrierung aller Medientypen wirklich das ist, was wir alle suchen/brauchen und es nicht einfach davon ablenken soll, dass die Suchresultate von Google einfach immer mehr zu ‘nem grauen Matsch mutieren. Insbesondere Suchen im Bereich CE werden mehr und mehr zu einem Who-is-Who der Preissuchmaschinen, Auctionsportale und Rating-Seiten (à la ciao.com). Bis man bekommt, was man sucht, dauert es oft bis zur Seite 3. Da jetzt noch Bilder und Videos reinzumischen, die deutlich schlechter klassifizierbar sind, halte ich doch für einen sehr gewagten Schritt — mindestens im Sinne der User Experience. Für Werbekunden dürfte es natürlich interessant sein, was mich aber einmal mehr in meinem Verdacht bestätigt, Google legt das Verhalten einer Zeitung an den Tag: Der Content und die Leser sind nur noch Mittel zur Generierung von Werbeeinnahmen.