(J)Ö-Schau – die Medienwoche in Österreich
Die Fachzeitung
Letztens meinte eine finnische Publizistik-Gaststudentin zu mir, dass die österreichische Medienszene in all ihren Ausprägungen an ein dunkles Entwicklungsland erinnere, in dem die Hofberichterstattung als von missionarischem Eifer geprägter Journalismus getarnt wird – und die Tarnung so allumfassend ist, dass die heimischen Medienmacher mittlerweile sogar selbst an ihre Rolle als vierte Kraft im Staate glauben.
Das Wirtschaftsblatt etwa erklärt Ex-Finanzminister Grasser anlässlich seines “Coups”, den Aufsichtsratsvorsitz in einem kleinen Wiener Fondsunternehmen zu übernehmen, zum “fulminant strahlkräftigen Zugpferd”. Mit dessen Hilfe für das Fondsunternehmen die Sonne ab sofort auf allen Börseplätzen scheinen wird. Hausse ohne Ende, quasi. Blöd nur, dass die grammatikalische Darstellung mit der Jubelmeldung keineswegs mithalten konnte.
So war der Einzug von Grasser ins Kontrollgremium “sogar die Süddeutsche eine Notiz wert”. Was ja vielleicht noch unter “übersehen” abgelegt werden könnte. Aber etwa zehn Zeilen weiter heißt es, dass die Expansion “ein lange geplantes Konzept” sei; und jetzt sehe sich Kooperationspartner AWD zur Personalaufstockung genötigt. Lange geplant, nichts geahnt, oder wie?
Der ORF indes macht sich an die Reform der erst vor knapp vier Wochen präsentierten Ergebnisse der “größten Reform aller Zeiten”. Programmdirektor Wolfgang Lorenz zufolge sei das selbsternannte Zugpferd, die Sitcom “Mitten im Achten”, “in der Sprache verwildert”. Es seien Grenzen zur “Fäkalsprachlichkeit überschritten” worden, so Lorenz in News – und ein paar der Minderjährigen in der Serie haben etwas geraucht, das wie ein Joint aussah, was für die Leser der Krone einem kategorischen “Ja zum Drogenmissbrauch” gleichkam.
Eine Null-Info bringt das Format – und präsentiert es als Aufdeckerstory von ungemeiner Brisanz. Demnach hat der Generaldirektor der Erste Bank, Andreas Treichl, einen Wochenend-Ausflug nach Moskauf aus seiner eigenen Tasche gezahlt (!). Und die Schreiber fanden es auch noch der Mühe wert, den Wert des Ausflugs zu eruieren (22.700 EUR, für die, die es interessiert – und auch für die, die es nicht interessiert)
Und auch so genannte Qualitätsmedien nehmen es mit der objektivierten Berichterstattung nicht immer so genau, wie uns diese Woche Der Standard bewies. Angesichts eines Minus bei einem heimischen Forschungsunternehmen wird dem die Forscher prüfenden Rechnungshof de facto der Weg gewiesen. Der Prüfung werde es “an Stoff nicht mangeln”. So seien etwa 20 Mio. EUR Material- und Sachaufwand ein “lohnendes Betätigungsfeld” für die Kontrollinstanz. Sachwalterschaft, wo bist du? Wieder erinnert man sich dunkel an die Einrichtung eines Presserats – in Österreich derzeit eine Illusion. Aber vielleicht will man sich hierzulande auch nur mit der Medienszene von Weißrussland oder Simbabwe vergleichen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.























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