Web 2.0 Dienste, von denen es nun genug gibt

Michael Osl, 1. Mai 2007 11:13 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Angesicht des vielen Kapitals, das derzeit auf der Jagd nach Web 2.0-Startups ist, schmieden beginnend beim Hartz-4 Empfänger, der von Gärtner zum Webdesigner umgeschult wurde, bis hin zum Vorstandsvorsitzenden eines Multi-Millionen-Konzerns die unterschiedlichsten Menschen eifrig Pläne, wie auch sie mit dem Web 2.0 das große Geld machen können.

Aber womit groß durchstarten? Angesichts der ungeschriebenen Regel im Web 2.0, dass immer nur die größten Anbieter in jedem Segment erfolgreich sein können, eine knifflige Frage. In jedem Bereich vereinen die wenigen großen Anbieter einen Großteil der User (auch hier kann man vermutlich von einem Long-Tail-ähnlichem Prinzip sprechen). Zu jedem MySpace gibt es nämliche hunderte Ableger, von denen noch nie jemand gehört hat und die nur über eine äußerst bescheidene Anzahl an Nutzern verfügen.

Besonders im deutschsprachigen Web ist es recht beliebt, US-Vorbilder zu klonen. Natürlich lassen sich dabei viele von Erfolgsmeldungen wie jener von StudiVZ beflügeln. Mittlerweile ist es jedoch so, dass nahezu jeder große US-Web 2.0-Dienst auch über erfolgreiche deutschsprachige Pendants verfügt.

Auch die Strategie, einen bestehenden Dienst zu klonen um dann mit noch mehr Features, noch coolerem Design und viel besserem Support das Original abzuhängen, scheint aussichtslos: Hat ein Dienst es erst mal geschafft, eine große Nutzerbasis aufzubauen, dann ist es nahezu ausgeschlossen, dass man den Großteil der Nutzer dazu bewegen kann, von einem Dienst zum nächsten zu wechseln. Jedenfalls ist mir kein solcher Fall einer «Massenflucht« bekannt.

Innovationen sind deshalb gefragt - eine gute Idee zu haben und der Erste seiner Nische zu sein, der es schafft, die Sache groß raus zu bringen. Doch leider scheint es mit den originellen Ideen nicht immer allzu weit hergeholt zu sein. Ich will deshalb hier mal eine Liste von Diensten bringen, von denen es meiner Meinung nach mittlerweile genug (erfolgreiche) Anbieter gibt und die es sich schlichtweg nicht mehr lohnt, zu klonen. Wer seine Idee auf dieser Liste wieder findet, sollte es sich vielleicht deshalb noch mal überlegen.

Social Networks und Kontaktportale

Wie Martin schon schrieb: Es wird eng! Nicht nur, dass es schon viele etablierte Portale wie MySpace, Xing und StudiVZ gibt, wird der Markt derzeit auch noch von neuen Anbietern wie unddu oder jubii regelrecht überschwemmt. Angesichts einer Einwohnerzahl von 100 Millionen Menschen im deutschsprachigem Raum scheint zwar durchaus noch Potential da zu sein, ein großes Netzwerk aufzubauen (siehe jedoch auch: «Digitale Spaltung: Wenn der Begriff «Blog» für fragende Blicke sorgt«) - für Startups dürft es allerdings denkbar schwierig sein, sich einen Teil dieses Kuchens zu sichern: Die meisten der bestehenden Portale sind nämlich sowohl mit massig Kapital für Entwicklung und Marketing als auch einer großen bestehenden Nutzerbasis ausgestattet. Die einzige Chance besteht möglicherweise darin, eine absolute Nische mit hohem Nutzwert für seine Zielgruppe zu besetzen.

Platzhirsche

Twitter Clones

Ist schon die Sinnhaftigkeit des Originales sehr stark zu anzuzweifeln, wird das deutschsprachige Internet derzeit zusätzlich noch mit einer regelrechten Flut an Twitter-Clones überschwemmt. Wer also heimlich davon träumt, mit einem weiteren Twitter-Plagiat groß raus zu kommen, der darf mir getrost glauben: Nein, die Welt braucht keinen weiteren Twitter-Klon.

Platzhirsch

Videoportale

YouTube gilt als das Web 2.0-Märchen schlechthin: Im Februar 2005 in einer Garage gegründet steigt es quasi über Nacht kometenhaft auf, um anschließend im November 2006 von Google um die stolze Summe von 1,65 Milliarden US-Dollar übernommen zu werden. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es erfolgreiche Anbieter wie etwa sevenload, hinter denen meist große Medienkonzerne stehen. Angesichts solcher Big Player gibt es für Startups außer vielen rechtlichen Problemen in diesem Segmenten also wohl eher nichts zu holen.

Platzhirsche

Social Bookmarks
Social Bookmarking-Portale sind nur bei einer großen Anzahl an Nutzern und Bookmarks wirklich interessant. Nur so ist es möglich, aktuelle Trends abzubilden und eine vernünftige Bewertung der Webseiten vorzunehmen. Platzhirsche mit Millionen an Bookmarks und breit gestreuter Nutzerbasis wie del.icio.us oder Mister Wong zu verdrängen, dürfte schwer fallen. Auch unter reinen News-Bookmarking-Portalen wie Digg bzw. deren deutsche Pendants Yigg und Webnews ist der Kuchen bereits verteilt.

Platzhirsche

Preisvergleichsportale
Vielleicht nicht unbedingt Web 2.0 in seiner reinsten Form – allerdings versuchen zusehends mehr Anbieter, ihre Preisvergleichsportale mit Web 2.0-Fetures aufzupeppen. Neuankömmlingen erwartet in diesem Segment nicht nur beinharte Konkurrenz, sondern auch hoher Pflegeaufwand.

Platzhirsche

  • Einfach mal bei Google nach einem beliebigen aktuellen Produkt suchen

Frage-Antwort-Seiten

User stellt eine Frage, User bekommt Antworten. Das kann sowohl ernst gemeint sein (Yahoo! Answers) als auch leichten Blödelcharakter haben wie bei Antwortr oder Fragr zu sehen. Eines ist jedoch klar: Auch davon gibt’s mittlerweile genug. Zumal es die breite Masse nicht immer brennend interessieren dürfte, wenn sich jemand öffentlich fragt, warum er im Kino immer neben Asis sitzt.

Platzhirsche

Fazit
Natürlich sollte sich niemand entmutigen lassen – Vermutlich wehte auch Sergey Brin und Larry Page von Google heftiger Wind der Sorte «Was, noch ‘ne Suchmaschine? Es gibt doch schon Altavista«) entgegen, als sie ihre Pläne präsentierten, eine neue Suchmaschine zu entwickeln. Trotzdem schafften sie es in nicht mal zehn Jahren, ein Milliardenimperium aufzubauen und den damaligen Tonangeber Altavista in die völlige Bedeutungslosigkeit zu versenken. Gleichwohl es natürlich etwas anderes ist, ein mühsam aufgebautes und gepflegtes soziales Netze zu einem anderen Anbieter zu transferieren, als mal eben www.google.com statt altavista.digital.com in den Browser einzutippen. Dennoch dürften Startups in der Regel besser beraten sein, vielleicht etwas länger Brainstorming zu betreiben, statt blindlings einfach irgendwas zu kopieren.

PS: Natürlich bist Du gerne eingeladen, ein Kommentar zu hinterlassen, wenn du noch ein Segment kennst, das hier nicht erwähnt ist.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Oliver Stark

    schrieb am 1. Mai 2007 um 18:12 Uhr (#)

    Schöner artikel. Viel Wahrheit - besonders im Fazit.

  2. Robert Lender

    schrieb am 1. Mai 2007 um 22:03 Uhr (#)

    Danke für diese Zusammenfassung.
    Was vielleicht erwähnenswert wäre, wären Online-Feed-Reader wie Bloglines und Google Reader (sofern du zweiteres nicht zum Gesamt-Google-”Imperium” zählst) und Do-it-Yourself Portalseiten wie Netvibes (da dürfte es einiges mehr geben).

  3. Gregor Einetter

    schrieb am 3. Mai 2007 um 15:01 Uhr (#)

    Schöne Analyse. Größtenteils teile ich Deine Einschätzungen. Jedoch enstehen meiner Meinung nach immer wieder aussichtsreiche Nischen für deutschsprachige Pendants zu erfolgreichen US-Web 2.0-Diensten. Dieses ‘Imitieren’ und erfolgreiche Übertragen einer Geschäftsidee auf einen weiteren Markt sollte m.E. nicht unterschätzt werden. Wie heißt es so schön? “Besser gut geklaut als schlecht selber gemacht.”


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