medienlese – der Wochenrückblick

Markus Spillmann, seit dem 01.04.2006 Chefredaktor der NZZ, gab zum ersten Jahrestag seiner Tätigkeit gleich zwei Publikationen ein langes Interview, der Werbewoche (hier) und dem Magazin Klartext (hier). Er äusserte darin Zweifel, “ob ‘online first’ wirklich die Lösung aller Probleme ist”. Versuche mit Podcasts und Online-Tagebüchern seien Teilprojekte, bei denen getestet würde, wie sie bei der Leserschaft ankommen. Doch: “Wir haben noch technische Limiten und können nicht alles machen, was wir wollen.” Auf die Frage, ob ihn die Onlineaktivitäten des Konkurrenzverlages Riniger beunruhigen, sagte er: “Ich gebe zu, es kann einen beunruhigen, wenn man links und rechts schaut und sieht, was da alles so passiert. Ich bin mir jedoch nicht so sicher, ob das, was wir da sehen, wirklich so goldig ist, wie es daher kommt. Man soll Tempo nicht mit Erfolg gleichsetzen.” Zu Bürgerjournalismus: “Als Journalist finde ich Bürgerjournalismus nicht besonders toll. Wenn tout le monde einfach von sich aus im weitesten Sinn journalistisch tätig sein kann, dann entwertet das womöglich sehr schnell unsere Funktion als Journalisten.” Seine Branche sieht er im “wahrscheinlich profundesten Wandel seit der Erfindung des Computers. Die Veränderung des Nutzungsverhaltens, der Strukturwandel im Bereich der Anzeigen, die Hedonisierung der Gesellschaft – das sind alles Faktoren, die uns und alle anderen zwingen, unsere Hausaufgaben zu machen.” Er bekundete auch Freude am den für Lokalpolitiker zur Verfügung gestellten Blogs von nzzvotum.ch (dem anderswo sinkende Nutzungszahlen bescheinigt werden): “es ist smart, wird gut genutzt, eine gute Form von intelligentem, crossmedialem Zusammenwirken zwischen Print und Online. Wir möchten gerne in diese Richtung weitergehen. Mein Anspruch dabei ist: Wir wollen die Besten sein”.

Der Bund schrieb am 27.04.2007 auf Seite 20 in einem Bericht mit dem Titel “‘Untragbare Zustände’ rund um die Gassenküche” folgenden, merkwürdigen Satz: “Die beiden Organisationen seien zur Heiliggeistkirche und zum Vorplatz der UBS ausgewichen, wo die Platzverhältnisse noch beengter seien und wo es bereits zu Friktionen mit Pasantinnen und Passanten gekommen sei”. Es ging darin um den Entscheid des Berner Gemeinderats, ab sofort die Essensabgabe an Drogenabhängige um den Berner Bahnhof zu verbieten (weil eine von den Vereinen SchülerInnen-Koordination, SIKB und Elternvereinigung drogenabhängiger Jugendlicher (EVDAJ) durchgeführte Gassenküche zu “untragbaren Zuständen” geführt habe. “In der Regel seien beim Burgerspital, wo die Gassenküche-Mitarbeiter jeweils ihre Kochtöpfe aufstellten, 50 und mehr Drogenabhängige anwesend, die neben dem Essen auch öffentlich fixten und dealten”.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung entdeckte begeistert die in weiten Teilen der Bevölkerung vermutlich noch komplett unbekannte Site googlefight.com. Niels Ruf sagte: “Die größte Fernseh-Sau ist meiner Meinung nach Johannes B. Kerner. Wie der die Leute immer ausfragt. Der kriecht da ja regelrecht rein. ‘Und wie fühlten Sie sich so, als Sie vergewaltigt wurden?’ Solche Fragen kann der allen Ernstes stellen, ohne dass ihm das einer übel nimmt. Da muss man erstmal hinkommen.” Es häuften sich Gerüchte über Diego Armando Maradonas Tod und die WOZ führte ein Exklusiv-Interview mit der “Sozialpädagogin und linksradikalen Politaktivistin” Andrea Stauffacher. Sie sagte: “Die Leute glauben den Zeitungen viel weniger, als man denkt”. Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer entdeckte ungenau in Frauenparkplätze geparkte Autos und schrieb: “Immer, wenn ich mal einen Kaffee trinke, gucke ich in Twitter und denke: Was für ein Scheiß”. Tom kriegte ein unverlangtes Werbemail in die Inbox und entschied sich, in den nächsten Tagen einen (dank einer Gesetzesänderung seit 01.04.2007 möglichen) Strafantrag vorzunehmen. Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel betätigte sich als DJ und eröffnete sein Set mit ?Highway To Hell? von AC/DC. Darauf spielte er zwei Mainstream-Disco-Hits und begründete das so: “Man muss die Leute ja nicht gleich intellektuell überfordern!” Spiegel Online titelte einen Text “Kahn spielt jetzt beim FC Schnulli-Bulli” und bei Burda nahm die Titelbildknappheit dramatische Ausmasse an. Es musste nun schon zum dritten Mal das gleiche Bild verwendet werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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