Invitations im Web 2.0:
Hinter verschlossenen Türen

Martin Weigert, 26. April 2007 11:41 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Das Internet war bisher ein sehr öffentlicher Raum. Fast überall hatten die User unbeschränkten Zutritt, häufig ohne, manchmal mit Anmeldung. In einigen Fällen öffneten sich die Türen zu einer Seite auch erst, nachdem man Bares auf den Tisch gelegt hatte – beispielsweise bei Erotikseiten oder anderen kostenpflichtigen Mehrwertdiensten. Abgesehen von der gesetzlichen Altersgrenze konnte aber jeder User rein, wenn er nur bereit war, zu bezahlen.

Mit dem Web 2.0 verändert sich dies. Die Nutzer werden plötzlich mit einer steigenden Zahl von Webangeboten konfrontiert, die nicht mehr jedem Einlass gewähren. «Invitations« sind angesagt. Wer bereits Mitglied ist, kann eine begrenzte Zahl von Freunden einladen. Wer keinen Member kennt, muss draußen bleiben und fragt sich, wie das mit den Einladungen ablief, als der Dienst nach dem Start noch gar keine Mitglieder hatte.

Die Motive dafür, warum man ein Produkt nur einer begrenzten Nutzerzahl zugänglich macht, sind unterschiedlich. Im Grunde kann man zwischen drei Herangehensweisen unterscheiden.

Die klassische Begründung ist der Beta-Launch einer Website, die tatsächlich noch in der Entwicklung ist und die das Beta-Logo nicht nur trägt, weil es derzeit trendig ist. Indem man einer kleinen, technik- und internetaffinen Nutzergruppe den Zugang zu einer noch nicht komplett fertigen Seite ermöglicht, spart man sich unter Umständen eine eigene Qualitätssicherung und kann sich auf das Weiterentwickeln der Plattform konzentrieren. Das Feedback und die Fehlermeldungen kommen von den Beta-Testern. Diese haben Verständnis für auftretende Fehler und sind fleißiger im Problemreporting als Durchschnittsanwender. Außerdem sind sie froh, zu den wenigen, ausgewählten Testern zu gehören. Indem man den Usern eine geringe Anzahl Einladungen zur Verfügung stellt, sorgt man für eine kontrollierte, aber permanent steigende Nutzerzahl, um beim finalen Start schon über eine nennenswerte Userbasis verfügen zu können.

Die öffentliche Internetdatenbank Freebase ist ein Beispiel für diese Art Invite-Only-System. Google Mail war über Jahre hinweg nur für eingeladene Mitglieder verfügbar. Auch die derzeitige Beta-Version von Joost ist erst nach dem Erhalt einer Invitation downloadbar. Doch bei beiden letztgenanten Diensten spielt bzw. spielte mit Sicherheit noch ein zweiter Grund eine Rolle für das Einführung des Invite-Only-Systems. Häufig wird versucht, damit einen Hype um einen neuen Webservice zu kreieren. Dies kann allerdings nur bei Projekten funktionieren, die dem User einen bisher noch nicht da gewesenen Mehrwert bieten. Bei Google Mail war das der unbegrenzte Speicherplatz. Bei Joost ist es das Gesamtprojekt an sich, welches in dieser Form bisher nicht existiert. Beide Anbieter verließen sich auf die virale Kraft des Internets und es funktionierte. Per Mail, in Foren und Blogs fragen Internetnutzer Freunde und andere User nach Einladungen. Bei der Blogsuchmaschine Technorati war der Suchbegriff “joost invite” tagelang auf Platz 1 (derzeit Platz 5).

Doch Invite-Only aus Marketinggründen ist nicht immer sinnvoll. Ein x-beliebiges Webangebot ohne echtes Alleinstellungsmerkmal monatelange nur per Einladung zur Verfügung zu stellen und mit der Beta-Phase zu argumentieren, ist wenig sinnvoll. An jeder Ecke findet man neue Webprojekte und Social Networks, die alles dafür tun, um User anzuziehen und zum Mitmachen zu bewegen. Das Community-Portal 7just7 wirbt derzeit damit, dem User eine Million Euro zu zahlen, der als erster eine Million Freundschaften bei 7just7 geschlossen hat. Da erscheint es teilweise schon widersinnig, wenn andere Webunternehmer ihre wenig innovativen Angebote der Allgemeinheit aus Marketingkalkül vorenthalten. Beispiel Middio: Ein US-Dienst, der verspricht, bei YouTube hochgeladene Musikvideos übersichtlich zu organisieren. Der Start ist für den 5. Mai geplant, bis dahin läuft die Beta-Phase auf Invite-Only-Basis. Der Verdacht, dass man versucht, einen viralen Hype loszutreten, liegt nahe. Angesichts des wenig einfallsreichen Produkts ist die Wahrscheinlickeit dafür aber eher gering.

Der dritte Grund, warum man die uneingeschränkte Registrierung bei einer Website unterbindet, ist dauerhafte Exklusivität. Hier geht es nicht um einen gesteuerten Mitgliederzuwachs in der Entwicklungsphase und auch nicht primär um eine Marketingaktion, sondern um Schaffung eines exklusiven Bereichs im Internet für ausgesuchte Mitglieder. Vor kurzem ist mit Cosmonited eine neue Community online gegangen, bei der man sich nur auf Einladung durch einen Freund/eine Freundin anmelden kann. Man versucht, mit einem exklusiven Netzwerk eigene Akzente zu setzen, um anders zu sein als die führenden Mainstream-Communities. Dies kann funktionieren, genauso wie es auch im realen Leben geht: Exklusive Clubs in urbanen Städten, bei denen nicht jeder reinkommt, wo dafür aber die Gästeliste lang ist.

Aber sicher ist auch im Bereich der Edel-Communities nicht Platz für unzählige Anbieter. Ähnlich wie Cosmonited ist auch die Kölner Plattform schwarzekarte bestrebt, Menschen zusammenzubringen, “die eine breite Basis an Gemeinsamkeiten, wie Bildung, private und berufliche Interessen haben”. Eine Möglichkeit zum Registrieren gibt es nicht, neue Mitglieder werden von bestehenden eingeladen. Ein Vorbild für Cosmonited und schwarzekarte ist möglicherweise aSmallWorld, eine “private Community” für den internationalen Jet-Set und Hochadel. Laut Netzeitung liegt das Durchschnittsalter der bei aSmallWorld registrierten 160.000 Nutzer bei 32 Jahren. Angemeldet sind angeblich die Blairs, Clintons, Paris Hilton, Brad Pitt und andere internationale Berühmtheiten. Im Gegensatz zu Cosmonited und schwarzekarte verzichtet man bei aSmallWorld auch auf ein hochwertig wirkendes Design - zumindest bei der Startseite für Nicht-Mitglieder. Aber auch diese Erscheinung hat wohl sein Gegenstück im “Real Life”: Gerade in Metropolen wie Berlin oder London sind die mitunter angesagtesten Clubs die von außen unauffälligsten.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

» Weitere Analysen lesen.

» Nächster Artikel: Kostenlos telefonieren mit Jubii: Erster Einblick in den neuen Dienst
» Älterer Artikel: Unddu.de geht online - erstes Fazit

» Drucken
» Merken/E-Mail

0 Kommentare zu diesem Artikel


1 Trackback

  1. zweinull.cc » Blog Archiv » Viralität und die Online-Stammbaumdienste
    (21. Juni 2007 14:45)

Einen Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
blogoscoop slug