Ein Geheimpapier mit bekanntem Inhalt

Ich bin noch immer mehr oder weniger konsterniert, dass sich die Fax-Affäre, der grosse Knall am Anfang des letzten Jahres, einfach so in nichts und wieder nichts aufgelöst hat. Wochenlang also haben der SonntagsBlick, der Blick und sehr viele andere Medien ab Januar 2006 über eine Enthüllung berichtet, die gar keine Enthüllung war, sondern nichts mehr als ein aufgefundenes Fax, das in seinen Inhalten aus bereits vorher von der Washington Post veröffentlichen Fakten bestand. Fast könnte man sagen: Zum Glück für den SonntagsBlick gibt es dieses antiquiert anmutende Militärgericht 6, das die Diskussion über den Fall auf eine ganz andere Schiene gebracht hat. Von einer Meldung ohne Inhalt zum Opfer einer Militärbürokratie.

Der Freispruch des Gerichts war richtig, keine Frage: Die Sicherheit der Schweiz wurde durch die Veröffentlichung in keiner Weise gefährdet. Dass die Bundeskasse die Gerichtskosten übernimmt und jedem der drei angeklagten Journalisten 20’000 Schweizer Franken ausbezahlt wurden, könnte schon eher Anstoss nehmen. Nun gut, die Journalisten hatten eine Menge Ärger, Erwerbsausfall und vermutlich auch Rufschädigung, daher könnte ein “Schmerzensgeld” vertretbar sein. Dagegen stehen die von der Nichtigkeit der SonntagsBlick-Kampagne ablenkende Eingriff des Militärgerichts und die damit verbunde Publizität und Gratiswerbung. Ein Kommentator bei blick.ch schreibt:

Urteil ist richtig, die je 20’000.- Entschädigung sollten für einen karitativen Zweck gestiftet werden.

Auch ich habe dort einen Kommentar abgegeben. Leider wurde er bisher noch nicht veröffentlicht – die Schaltfläche

Blick alle kommentare

ist somit leicht irreführend. Richtig müsste es “Alle freigeschalteten Kommentare” heissen.

Das ist nur ein Detail, doch ich kann gerne noch ein anderes liefern: Wer kann sich erinnern an den Anfang des Swissair-Prozesses Anfang 2007? Damals wurde während einer Woche im Print-Blick allen Vorgeladenen, die keine Aussage machten, per Fotomontage ein Pflaster auf den Mund geklebt. “300 Fragen – und keine einzige Antwort” hiess es damals beispielsweise. Wirtschaftsredaktor Gerd Löhrer schrieb im Text “Wie wärs mit einem Sorry?“:

Die beiden Schweiger bestätigen das Bild, das sich viele Schweizer seit dem Grounding vom Versagerrat machen: Diese Leute sind eingebildet und arrogant.

Das notabene am Tag 1 des Prozesses, an dem die Schuldsprüche noch weit weg sind. Wieso erwähnen wir das? Weil die drei Journalisten ebenfalls nichts, bzw. fast nichts sagten auf die Fragen des Gerichts. 20 Minuten schreibt:

Ebenso wie auch die Verteidigung hatten die drei Journalisten während des Prozesses die Legitimität des Gerichts bestritten und sich auf eine Wächterfunktion im Interesse der Öffentlichkeit berufen. Zur Sache haben sie sich dagegen nicht geäussert.

Eine Wächterfunktion im Interesse der Öffentlichkeit? Das kann man angesichts der offenbaren Fakten kaum nachvollziehen. So auch nicht die Aussage des Präsidents des Schweizer Presserats, Peter Studer, die Veröffentlichung des Fax sei sinnvoll gewesen, weil er die Diskussion angekurbelt habe. Eine seriöse eigene Recherche, eine Übersetzung des Washington Post-Artikels mit Quellenangabe oder eine Kombination aus beidem – das alles wäre sinnvoller gewesen als ein spektakulär aufgefundener, hochgeheimer Fax mit bekanntem Inhalt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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