medienlese – der Wochenrückblick

Berlin zeigte sich von Mittwoch bis Freitag von seiner schönsten Seite, mit viel Sonnenschein, piepsenden Vögeln, kurzen Röcken und einer daraus resultierenden gedämpften Aggression seiner Bewohner. Den Besuchern und Besucherinnen der re:publica 2007 war das Wetter aber egal: Sie zogen sich in eine Kalkscheune zurück, um dort mit allen möglichen Geräten die nur im Innenhof etwas sonnige Welt einzufangen und diese via ihre Laptops wieder auszuspucken. Alte Freunde konnten getroffen und neue Kontakte geknüpft werden. Wenn man Glück hatte, konnte man unbekannte Gesichter bekannten Blogs zuordnen, denn die winzigen und ungeschriebenen Gesetzen gemäss stets auf die Seite der Sponsoren gedrehten Namensschilder förderten unhöfliches auf den Bauch starren – eine echte Unmöglichkeit an einem Zusammentreffen potentiell Kurzsichtiger. Wer sich noch vor kurzem gegenseitig virtuell mit siedendem Öl übergossen hatte, ging dem jeweilig anderen höflich-freundlich-desinteressiert aus dem Weg. Draufgehauen wurde nur auf die, die nicht da waren. Überhaupt, es herrschte eine Eintracht, wie in jedem anderen spiessigen Verein auch, wenn die Geschäfte gut laufen oder sich wenigstens zufriedenstellend zu entwickeln scheinen. Persönliches wurde wenn immer möglich vermieden, ganz wie es unter Geschäftsleuten üblich ist. Am Anlass latent dubios auftreten wäre ein Leichtes gewesen: Man hätte nur einen blitzsauberen Anzug mit perfekt geschlungenem Schlips tragen und alle grundsätzlich siezen müssen. Ein solcher Punk war aber, unvollständige Beobachtungen berücksichtigt, nicht zu erblicken.

Die Berichterstatter sahen dicke podcasterinnen sich durch selbsternannte ?citizen journalists? drängeln, einige selbsternannte Bloggerkönige, nicht nur kommunikative, sondern auch trinkfeste Blogger, den Eindruck getrügt, dass sich alle Blogger als kleine Revoluzzer verstehen, die im Dienst der Gegenöffentlichkeit den etablierten Massenmedien an den Karren fahren und einen etwas einsam im Vorraum stehenden und für seine schnoddrigen Kommentare bekannten Blogger Felix Schwenzel.

Ueli Maurer, Präsident der Schweizer SVP, wurde von Citizen Journalists beim Falafel-Essen geblitzt, doch nur vermeintlich, es handelte sich um ein Lookalike, das auch Klaus J. Stöhlker hätte sein können. “Der früherer Blick-Chefradaktor Sacha Wigdorovits” (werbewoche.ch) plante vielleicht eine neue Zeitung und Giovanni Trapattoni sagte auch in Salzburg mal, was Sache ist. Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel verteilte unter der Woche seine eigene Zeitschrift an Studenten und verkündigte einen Auftritt am 20.04.2007 als DJ in Zürich. Einem Blog mit dem sinnigen Namen medienpiraten.tv wurde ein Text entwendet und die NZZ behauptete, es gäbe pro Tagebuchschreiber kaum mehr als 0,3 konsumierende Augenpaare. Der Blick ging bei einer angeblichen “Terrorklasse” vorbei und fand sich in einer Schülertraube wieder: “Die Schüler schubsen, schreien. Ein paar machen Fotos mit ihren Handys. Ein Mädchen zielt mit einem dicken Gummi ins Gesicht eines Kollegen.” Der Tages-Anzeiger, vermutlich danebenstehend, notierte: “He, Sie – machen Sie mich weltberühmt!”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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