Die Medien(r)evolution – re-live von der re:publica

Re-Live-Blogging der Veranstaltung

Wie überholt sind die alten Medien, wie innovativ die neuen?

Teilnehmende:

Mercedes Bunz (mb)
Johnny Haeusler (jh)
Jochen Wegner (jw)
Thomas Knüwer (tk)

Moderator: Tim Pritlove (tp)

10:07: Das Panel beginnt mit einem Buzzword-Bingo, in vom Publikum Buzzwords gesucht werden. Eine spontane Idee mit dem Ziel, sie nicht zu verwenden. Dabei: “Relaunch 2.0, Crossmedia, Dorsten, Sind Blogger die neuen Journalisten?, Glaubwürdigkeit, etc.”. Die genaue Liste wird hier später veröffentlicht.

10:10: jh ist noch nicht aufgetaucht, tp streut das Gerücht, er sei ein Avatar, kurz darauf gesellt er sich dazu. Er stellt mal die anderen Leute hinter dem Tisch auf dem Podium vor. Im Saal befinden sich kaum mehr als 50 Leute – das gestrige Powerpoint-Karaoke und die Biere am Konzert von Toni Mahoni haben offenbar ein paar Langschläfer nach sich gezogen.

10:15: mb sieht alte und neue Medien nicht als ein Gegeneinander. Man solle immer das Medium wählen, das einem liegt und das passt. Sie glaubt, das Internet gehe trendmässig wieder mehr in Richtung Gestaltung, wie zb Etsy. Ihr gefällt, dass es im Internet keine Deadlines gibt und man immer wieder nachbessern kann. Das Internet habe das Telefon abgelöst als Quellensuche, eine Aussage, die auf Widerspruch stösst im Publikum, worauf sich eine kurze Diskussion entspinnt. Auf ihrem eigenen Blog mache sie Ideenszizzen. die “urbanen Penner” habe übrigens nicht sie erfunden, sondern ist ein Kommentator in ihrem Blog.

10:23: tk sagt, dass Nachrichtenagenturen massiv an Qualität eingebüsst haben und erntet massive Gegenstimmen aus dem Publikum. Er sagt, dass vor allem junge Leute, die noch keinen Einstieg bei den Zeitungen oder Zeitschriften gefunden haben, dort arbeiten. Er sei nun 12 Jahre beim Handelsblatt und dort sei nun ein sehr kritischer Punkt erreicht.: Vor allem ältere Kollegen verlören ihre Arbeitsplätze und sagen: “Ihr seid die Verräter” und geben dem Internet direkt oder indirekt die Schuld daran. Für die Zukunft sieht er einen aufziehenden Kulturkrieg, der in nächster Zeit ausgefochten wird.

10:27: jw sagt, dass vom Springer-Verlag vom Guardian übernommene “Online First” so noch nicht funktioniere. “Online first” würden zwar viele sagen, aber nicht umsetzen. Wenn man beispielsweise ein exklusives Interview habe mit Angela Merkel, dann werde das selbstverständlich für die Printausgabe verwendet und nicht einfach mal online gestellt. In seiner Online-Redaktion (deren Chef er ist) versuchten 50 Leute, einen 24-Stunden-Nachrichtenbetrieb zu sein. Mindestens 20 eigene Geschichten würden täglich online gestellt, dazu das Agenturmaterial und die Stories aus der Printausgabe.

10:35: tk stellt fest, dass nur immer die Glaubwürdigkeit von Blogs in Frage gestellt werde. Er aber glaubt, dass die Printmedien auch im hohen zweistelligen Bereich unglaubwürdig seien. So auch das TV. Er erzählt die Geschichte vom Beitrag der ARD-Tagesthemen, in dem Moderatorin Anne Will zum Schluss eines Berichts über “Second Life” sagte, sie wüssten halt auch nicht, was ein Avatar sei. Obwohl dieses Wissen heutzutage innert Sekunden zugänglich ist.

10:36: jh versucht jeden Morgen Zeitung zu lesen, Frankfurter, taz. Er habe auch schon für Printmedien geschrieben, hält es aber für ein ganz anderes Schreiben als im Blog. Er vermisst für Print die Möglichkeit, Links zu setzen und direktes Feedback durch Kommentare zu erhalten. Ohne Links sei es ein anderes Schreiben, denn ein Blogartikel bestehte auch immer aus den weiterführenden Texten. Viele Journalisten hätten das Gefühl, die Blogszene sei in sich geschlossen und alle kennten sich, doch das sei oft gar nicht der Fall.

10:40: tp stellt die These auf, dass die Verlage in eine Experimentzeit eintreten, worauf jw anmerkt, dass die wohl gar nicht mehr vorbei gehe.

10:41: Der Saal füllt sich unterdessen sehr gut. Es sind nun auch die Vorabendgeschädigten eingetroffen.

10:42: mb erklärt die Probleme von Zitty, deren Chefredakteurin sie bis vor kurzem war. Dabei entfällt ihr für zwei Sekunden der Name des bekanntesten Stadtmagazins der Welt, TimeOut. Ich jedenfalls möchte nicht wissen, was mir alles vor ein paar hundert Leuten entfallen würde. Stadtmagazine kämen im Internet kaum an und seien ein Phänomen der 70ern. Sie machte die Beobachtung, dass die Vorbehalte der Printredaktion gegenüber dem Internet in den letzten Monaten gefallen seien. Zusammenlegungen von Online- mit Printredaktionen findet sie einen Fehler. Sie spricht von grottigen technischen Zuständen und schwierigen Bedingungen in den Redaktionen, in denen sie ihr Geld verdient.

10:45: tk schaltet sich ein und fände ein richtig funktionierendes Redaktionssystem eine Super-Geschäftsidee.

10:48: jh rennt kurz raus und holt die erste Printausgabe von Spreeblick mit dem Titel “Print ist tot”. Als er wieder kommt, outet er sich als langjähriger Printleser. Ihm gefällt die Haptik von Papier.

10:49: tk findet die Layouts der deutschen Printzeitungen ein Desaster, sie seien irgendwann in den 80ern stehengeblieben.

10:52: Die Spreeblick-Sonderausgabe wird an alle Teilnehmer verteilt, was einen interessanten Effekt hat auf die Aufmerksamkeit und niemand interessiert sich mehr, was die auf der Bühne sagen. Es gucken alle in das Blatt. Print gewinnt über Online.

10:56: tk findet den Satz “Das müssen wir haben!” für einen ganz schlimmen Satz. Es fördere eine solche Haltung: Zuerst müssen wir die Nachrichtenlage abdecken und dann können wir den Rest bedienen.

10:57: Frage aus dem Publikum: Verlieren die Leitmedien ihren Anspruch, findet eine totale Zerspiltterung statt?

mb: Ansätze sieht man jetzt schon, die Konvergenz wird gerade im TV-Bereich zunehmen. Man wird in Zukunft stärker auf Marken vertrauen.

jw: Was bleibt überhaupt am Ende? Ist nicht der Produzent der Information, die Quelle das, was übrig bleibt? Focus gebe sich jedenfalls “wahnsinnig viel Mühe”. Beobachte man Technorati, findet man heraus, dass Blogs bisher nicht zu den meistzitierten Medien gehören, aber immer weiter hochkommen.

jh: Das Vertrauen in eine Quelle hat viel mit Erfahrung zu tun. Man muss ein Gefühl entwickeln dafür. Auch Spreeblick gibt sich ganz viel Mühe.

11:08: Torsten Kleinz, aus dem Publikum, sagt: Blogleser sind erschreckend schlecht informiert, weil sie ausschliesslich Blogs lesen. Ein Informationsdefizit entsteht, wenn sie sich von den Tageszeitungen abwenden.

tk: Die Nachrichten auszuwählen, welche die Leser lesen, das sei die Kunst, eine gute Zeitung zu machen. Weiter hält er “Politik ist das neue Feuilleton”, eine interessante Aussage, die auch mb etwas später als sehr gelungen hält. Konkret heisst das wohl, dass sich immer mehr Leser (und Journalisten) die Politik als ein sehr elitäres und abgehobenes Thema wahrnehmen, das nur noch eine kleine Randgruppe von Informierten wahrnimmt.

11:11: jw konstatiert, dass einem guten Jahr Texte mit grösseren Ausmassen online funktionieren, die früher nicht funktionert haben. Reportagen wie 3 Wochen Afghanistan rentierten nur im Gesamtverbund eines Verlags, der mehrere Standbeine hat. Und nicht, wenn der Kuchen nach Profit aufgeteilt wird.

tk dazu: Die richtigen langen Stücke sterben aus, es hat sich schon ein Verein gegründet mit dem Zweck “Rettet die Reportage” (der aber offenbar nicht online ist).

11:14: Supatyp fehlt das Thema Revolution im Podiumsgespräch, das doch im Titel erwähnt ist. Gegen wen geht die Revolution? Mit wem?

11:15: Ist die Gratiskultur ein Problem? Ein Zuhörer outet sich als Nichtabonnent der Printausgabe, weil die Ausgabe gänzlich im Internet verfügbar ist? mb: Ja, online nimmt Print ein paar leser weg, aber das wird sich ausdiffernzieren zwischen den Lesern. Es hänge auch damit zusammen, wie sich die Trägermedien in der Zukunft verändern. Sie bestätigt jws Aussage, dass im Internet vermehrt längere Stücke gelesen werden.

11:17: Aus dem Publikum taucht die Frage auf, warum die einfachsten Gestaltungsrichtlinien nicht beachtet werden, das Design wird in der Fragestellung mit Fäkalthemen verbunden. tk äussert sich “als Vertreter des orangefarbenen Dschungels”, bestätigt die These der schrecklichen Designs von Zeitungs-Homepages, kann aber auch keine Gründe sagen, warum das so ist.

11:21: Man kommt auf die Revolution zurück. Für jh liegt sie in der Demokratisierung der Produktionsmittel. Das sei ganz klar ein Angriff auf die etablierten Medien. Die weggefallene Produktionshohheit sage aber noch nichts aus über die Qualität des Inhalts. Revolutionär ist für ihn der einfache Fakt, dass die Erreichbarkeit unterdessen genau gleich ist.

11:26: jh ärgert sich, dass die etablierten Medien behaupten, sie hätten auch kein Geld. Denn immerhin hätten sie Geld, Miete, Löhne und Relaunchs zu bezahlen. Blogs hätten das alles nicht.

11:28: tp fragt, ob sich die TV-Sender Sorgen machen müssen. Ja klar, sagt mb, ihr Fernsehkonsum beispielsweise habe radikal abgenommen. Stattdessen sieht sie sich zeitunabhängige DVDs an.

jw erzählt von seinem Videoteam. Einer seiner Redakteure wohne beispielsweise neben Rainer Langhans und sieht ihn täglich am Briefkasten. Bald werde es einen Videocast geben, der ihn beim Öffnen der seltsamen Briefe, die er erhält, zeigt. Weiter ist ihm aufgefallen, dass die User im Netz toleranter sind als gedacht.

tk: Apple TV wird mittelfristig das ganze Fernsehverhalten verändern, weil Apple-Produkte einfach einfacher zu bedienen sind. Im Handelsblatt gibt es zwar Videoformate, doch der Online-Auftritt wird eher textlastig bleiben.

jh: Freut sich darüber, dass Toni Mahoni über 100 Folgen seines Videocasts bei spreeblick.com veröffentlicht hat und auch weiterhin durchhält.

11:34: Die Veranstaltung wird aufgelöst, weil um 11:30 um gleichen Saal die nächste Podiumsdiskussion beginnt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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10 Kommentare

  1. Kleine Korrektur:

    “Blogleser sind erschreckend schlecht informiert, WENN sie ausschliesslich Blogs lesen.”

    Das kommt durchaus vor, ist aber nicht die Regel.

  2. @Torsten: Richtig, danke.

  3. Prima liveblogging! :-)

  4. wo war denn gestern powerpoint-karaoke?

  5. @Simon: An der re:publica, im grossen Saal. Gewinner war ein glänzender Vortrag über Damenschuhe in Übergrösse und ihr Verkauf bei ebay. Beweise gibts hier, wenn auch nicht vom Gewinner-Beitrag.

  6. Tim Pritlove vom CCC wurde an der re:publica leider bestohlen, sein Notebook, usw. sind weg? «Fahndungsinformationen» und Angaben dazu, wie man Tim allenfalls helfen kann, sind in seinem Blog («The Lunatic Fringe») online. Ich hoffe, Tim hat Glück und erhält seinen digitalen Rucksack ASAP wieder zurück!

  7. Na das ist ja eine Katastrophe – ich schliesse mich der Hoffnung an, dass sich das wieder einrenkt. Ein Satz wie “die gesamte digitale Arbeit der letzten zehn Jahre ist vernichtet” ist einfach schrecklich zu lesen. Noch schlimmer nur noch zu schreiben.

  8. Für mich ist das Unglück von Tim Pritlove Anlass genug, wieder einmal meine Datensicherung zu prüfen, das heisst die Daten probeweise tatsächlich zurückzuspielen, sowie meine Verschlüsselung auf dem Notebook zu überprüfen. Eventuell wäre das auch mal ein Thema für imgriff.com oder neuerdings.com, bei Bedarf gebe ich gerne ein paar Tipps? ;)

  9. Ich bin auch sehr empathisch. Habe mein WM-Erlebnis aus Dortmund noch lebhaft in Erinnerung, auch wenn damals der Laptop nicht weg war, weil ich an dem ja tippte, aber eben alles andere.
    Auch sonst wird mir ständig irgendwas geklaut, zum Beispiel Handy und Portemonnaie vor der Nase weg beim Nickerchen im Zug und so weiter. Ich sollte wirklich auch die Recovery mal sytematisieren.

  10. Do you recognize that this is the best time to receive the home loans, which would make you dreams real.

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  1. [...] Wer vergleichen will, wie sehr die Diskussion von der letztjährigen abweicht – oder eben auch nicht -, kann im Beitrag von 2007 nachsehen: “Die Medien(r)evolution – re-live von der re:publica“. [...]