Wurde Blick-Sportchef wegen Blog-Kommentar entlassen?

Ronnie Grob, 30. März 2007 10:16 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Hat Blick- und SonntagsBlick-Sportchef Marcel Siegenthaler seinen Job verloren, weil er Kommentare gemacht hat im Weltwoche-Blog Nationalmannschaft und diese von der Weltwoche zitiert wurden? Das behauptet jedenfalls Weltwoche-Blogger Walter de Gregorio:

Lieber Marcel Siegenthaler
Du hast heute Deinen Job als Sportchef von “Blick” und “Sonntagsblick” verloren, weil Dich meine Kollegen im Zürcher Hauptstadtbüro im Editorial der “Weltwoche” zitiert haben.
Das finde ich im Fall gar nicht lustig. Dass auch Köbi Kuhn bald entlassen wird, ist ein schwacher Trost.
Aber im Ernst: Ich finde es als Kollege wirklich nicht lustig.
Kopf hoch, lieber Marcel. And take care.
Herzlich, Walter

Der Reihe nach:

23.03.2007: Marcel Siegenthaler macht einen ersten Blog-Kommentar.

24.03.2007: Walter de Gregorio bedankt sich in einem Blog-Posting für die Aufmerksamkeit. Marcel Siegenthaler kommentiert ein zweites Mal.

26.03.2007: Das selbe Spiel nochmals, es folgt ein dritter Kommentar.

29.03.2007: Die Ausgabe 13/07 der Weltwoche erscheint, im Editorial steht:

«Ich freu mich schon jetzt auf den Donnerstag. Auf den neoliberal-historisch-intellektuell-queren Weltwoche-Blick auf unsere Nati», schreibt Marcel Siegenthaler, der Sportchef des Blicks und Sonntagsblicks, im Kommentar zu unserem Blog über die Schweizer Fussballnationalmannschaft. Weltwoche-Reporter Walter De Gregorio hat das Team auf seiner Reise nach Florida begleitet, täglich berichtete er auf unserer Website. Sein Tagebuch wurde nicht nur bei der Konkurrenz viel diskutiert, immer öfters sagten ihm die Spieler: «Bitte schreib das nicht in den Blog.»

29.03.2007: presseverein.ch weiss von anderen Problemen und schreibt:

Marcel Siegenthaler trete auf eigenen Wunsch als Sportchef zurück, heisst es gemäss offizieller Sprachregelung. Vertraute des 39-Jährigen wissen indes auch von einer anderen Version. Ein wichtiger Grund für die Trennung sei Siegenthalers zwielichte Rolle in der jüngste Affäre Blick-Köbi Kuhn gewesen. Siegenthaler hatte sich für Ex-Captain Johan Vogel stark gemacht, den Kuhn in der Fusball-Nati kalt gestellt hat. Zudem galt Siegenthaler als enger Vertrauter des abgetretenen Blickchefs Werner De Schepper, dem bekanntlich ebenfalls das Vertrauen entzogen worden ist.

30.03.2007: Blick zitiert unter Einsatz von zwei Journalisten (Max Kern und Eva Tedesco) ausführlich aus dem Weltwoche-Artikel von Walter de Gregorio.

30.03.2007: Eine Anfrage von kleinreport.ch bei Ringier zu den Umständen des Abgangs zeigt keine Wirkung:

Es gebe keine weiteren Informationen dazu, sagte eine Ringier-Sprecherin auf Anfrage des Klein Reports, «das gehört in die Privatspäre.»

Persönlich nachfragen ist so oder so etwas schwierig, da im Blick-Impressum keine E-Mail-Adressen und keine Telefonnummern stehen. Sollte aber tatsächlich ein Blog-Kommentar mitverantwortlich sein für eine Entlassung, dann ist das bedenkenswert. Das hiesse, dass Redaktionsangestellte in ihrer Meinungsäusserungsfreiheit eingeschränkt würden. Ich kann mich, selbst wenn der Betreffende unserem Blog nicht nur positiv aufgefallen ist, nur dem Bedauern von Walter de Gregorio anschliessen. Wie ich letzte Woche schon geschrieben habe und wie auch Ex-Chefredaktor Peter Übersax gestern in der Weltwoche schrieb, ist der Sportteil des Blicks der aktuell vermutlich wertvollste Teil des Blatts. Übersax (nur für Abonennten):

Der einzige Teil des Blicks, der noch einigermassen nach den Regeln des Metiers gemacht wird, ist der Sport.

Update am 30.03.2007, 17:15 Uhr: persoenlich.com hat Marcel Siegenthaler, ganz dem Namen des Portals gerecht, persönlich gesprochen. Herr Siegenthaler versichert auf Anfrage mit Nachdruck, dass er die Redaktion “auf eigenen Wunsch” verlasse. Und die Gerüchte, persoenlich.com könne keine Links setzen, sind damit auch aus der Welt geschafft.

Update am 30.03.2007, 22:15 Uhr: Auch Walter de Gregorio erfährt “nichts als die Wahrheit“.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. leu
    schrieb am 30. März 2007 um 10:33 Uhr (#)

    Wann wird Köbi entlassen?

  2. David
    schrieb am 30. März 2007 um 16:44 Uhr (#)

    http://persoenlich.com/ne…ews.cfm?newsid=67026

  3. köbi
    schrieb am 30. März 2007 um 18:00 Uhr (#)

    zuerst entlasse ich streller, köppel, leuenberger,zuberbühler, tettamanti, dzeamili und viele anderen geldsäcke.

  4. die mündige leserin
    schrieb am 31. März 2007 um 15:22 Uhr (#)

    lieber medienblogger ronnie

    ein weiterer recherche-input im zusammenhang mit der ww: kwz und sein kurzgedächtnis.

    1. in seiner aktuellen medienkolumne schreibt zimmermann: “die kulturpessimisten in der medienbranche hören es ungern, aber der generelle trend ist sonnenklar. die bezahlte information auf papier ist ein auslaufmodell.”

    2. in der nzz vom 30.11.2001 schrieb das grossmaul: “der kurze rausch ist schon vorbei. warum gratisangebote keine zukunft haben”

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