Ist das Silicon Valley provinziell?
In Deutschland und der Schweiz wirft man sich bekanntlich gern gegenseitig vor, provinziell zu sein. Das passt ja auch gut zur vermeintlichen Mentalität dieser Länder.
provinziell/Adj./ [.. winzi-ell] <lat.> veraltend oft abwertend vom kulturellen Geschehen, den (modischen) Neuerungen der Hauptstadt, einer Großstadt wenig berührt, kleinstädtisch beschränkt
Das Silicon Valley, dieser innovationsstrotzende Geburtsplatz der IT-Branche, wird hingegen aus europäischer Perspektive oft als Inbegriff der kreativen Weltoffenheit gesehen, als das pure Gegenteil deutschsprachiger Provinzialität.
Aber bei meinem Besuch dort letzte Woche fragte ich mich oft: Ist das wirklich wahr? Oder ist Silicon Valley nicht einfach Provinz mit einem glitzernden High-Tech-Anstrich?
Auf den ersten Blick ist das sicher nicht so, denn es gibt wohl nur wenige Weltgegenden, die einen bunteren Mix von Nationalitäten anziehen als diese gut 30 Meilen zwischen San Mateo und San Jose.
Aber wenn man etwas tiefer gräbt, ändert sich das Bild drastisch.
Mein Eindruck war: Valley-Bewohner sind extrem auf ihre Region (und ihre Branche) bezogen und ignorieren fast komplett, was im Rest der Welt vor sich geht — ein bisschen wie in einer deutschen Kleinstadt. Dass jemand nicht in der Tech-Branche arbeiten könnte, wird als sehr merkwürdig, exotisch und eigentlich unvorstellbar empfunden — wie in einem Bauerndorf, nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Praktisch jeder Venture Capitalist im Valley sagt einem das gleiche: Am liebsten investieren wir in Firmen, die nicht weiter als 10 Meilen von unserem Büro entfernt liegen. Wenn man mehr als 20 Minuten zum Board-Meeting fahren muss, wird das schon als schlimme Unannehmlichkeit empfunden. Vielleicht investiert man notfalls mal noch in Seattle, zwei Flugstunden entfernt. Die amerikanische Ostküste hingegen gilt schon als richtig exotisch, dort sind darum auch andere VC-Firmen tätig.
Indien und China finden alle toll, weil dort angeblich fast drei Milliarden potentielle Kunden leben und man billige Arbeitskräfte kriegt. Viel mehr als das weiss aber auch kaum jemand, und wirklich dort Zeit verbracht haben noch viel weniger. Europa? Das ist doch dieser dunkle Kontinent mit den seltsamen Sprachen und dem unsäglichen Arbeitsrecht. Davon will man schon gar nichts wissen.
Und gerade die scheinbar so innovationshungrige Venture-Capital-Branche ist extrem clubby und hat eine strikte Hackordnung. Entweder gehört man dazu, oder eben nicht. Genau wie bei den Bankgnomen der Zürcher Bahnhofstrasse.
Und was ist mit den vielen Unternehmerpersönlichkeiten? Kamen die wenigstens aus der grossen, weiten Welt und überwanden alle geographischen Hindernisse, um ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen? Mehrheitlich Fehlanzeige. Steve Jobs ist ein “local boy”, der seine Firma gleich um die Ecke seines Elternhauses aufgemacht hat. Yahoo-Gründer Jerry Yang ist auch im Valley aufgewachsen, und Sergey und Larry von Google haben dort studiert. Selbst unter den älteren Valley-Legenden wie Andy Grove oder Hewlett und Packard findet sich kaum einer, der nicht in der Region aufgewachsen oder zumindest sein Studium dort absolviert hat. Wie in jeder normalen Universitätsstadt bleiben die Leute auch in der Umgebung von Stanford einfach hängen und bauen sich dort ihre bescheidene (oder nicht so bescheidene) Existenz auf.
Tja, menschliche Gemeinschaften scheinen überall etwa ähnlich zu funktionieren, High-Tech hin oder her.
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