medienlese – der Wochenrückblick

Ronnie Grob, 25. März 2007 13:24 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Wochenhöhepunkt, jedenfalls für die noch überschaubare Schweizer Blogszene, war das Blogcamp an der Zürcher ETH am Samstag. Von den über 200 angemeldeten Teilnehmern erschienen etwa 150, darunter, prozentual angeschaut, einiges mehr an Frauen als beispielsweise an der CeBIT. Man kann sich alle fotografierten Teilnehmer hier in 23 Sekunden ansehen. Ob der neue Stern am Bloggerhimmel, Christoph Blogger, auch dabei ist, ist nur schwer zu sagen. Für Furore sorgte der Auftritt des von Google aus dem Index genommenen blog.benbit.ch. Mit Sonnenbrille und Mütze zumindest vorübergehend unkenntlich gemacht zeigte er einem gut gefüllten und staunenden Saal, wie man durch XSS-Löcher schlüpft und an persönliche Userdaten herankommt. “Sagt mir irgendeine Seite” rief er aus, und, tatsächlich, auch auf der spontan zugerufenen und noch brandneuen Seite ringier.ch fand der Vortragende ein XSS-Loch. Nicht so begeistert waren von den Vorwürfen betroffene anwesende Informatiker – es ergab sich bald eine emotional geführte Debatte. Sprach man danach mit mit der Materie Vertrauten, so gaben diese zwar zu, dass seine Kritikpunkte Hand und Fuss hätten, sagten aber auch, dass er sich viel zu wichtig mache und nur beschränkt Bescheid wisse in der Sache. Zu erfahren am Blogcamp war auch das Gerücht, dass Team 1 + 2 der Blick-Flick-Teams aufgelöst seien und dass nicht dem ein Sternenhimmel aus der Brusttasche strahlenden Citoyen Frank A. Meyer, sondern dem verlagseigenen Chefredaktor der unterdessen erfolgreichen Abend-Gratiszeitung Heute, Bernhard Weissberg, der Vorzug für die neue Leitung der hoffentlich nicht hoffnungslosen Aktion gegeben wurde. Das in der Blogberichterstattung führende Heute war dann auch gleich mit zwei Leuten da (Thomas Benkö und Benjamin Rüegg) – ein paar Fotos vom Anlass wurden bereits gebloggt. Der anonym anwesende Kleinreport sprach vor allem mit dem Tagesfotografen, einem “intimen Kenner der Szene” und beobachtete sonst die “einschlägige Szene”. Persönliches Highlight des Tages war die Information, dass medienlese.com von mindestens einem Chefredaktor der holzverarbeitenden Industrie regelmässig gelesen wird. You’re welcome!

Bundesrat Moritz Leuenberger brachte den Lesern seines Blogs Techniken gegen Erkältungen bei (Mantel anziehen und Kissen aus der Wandelhalle klauen) und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, die SP, eröffnete nicht nur einen Blog, wie es die SonntagsZeitung behauptete, sondern gleich zwei. Ebenfalls in der SonntagsZeitung wurde ein Leserbrief von Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel abgedruckt, in dem er sich der Behauptung widersetzte, er habe Interviewfälscher Tom Kummer dazu aufgefordert, “mehr Stoff” zu liefern. Etwas weiter hinten, im Wirtschaftsteil, durfte er dann lesen, dass er zum “Journalisten des Jahres 2006″ gar nicht mit einer Mehrheit der 29köpfigen Jury, sondern nur durch wenige, aber treue Fans, von denen ihm offenbar viele das Maximum (aus 1, 4, 7 oder 10 Punkten) gegeben hatten, gewählt wurde. Die NZZ beobachtete Journalisten vom Tages-Anzeiger, die sich auf nzzvotum.ch in die Diskussion einbrachten. Wir beobachteten Journalisten vom Blick, die im aktuellen Weltwoche-Blog vom Wetter in der Schweiz erzählten.

Bereits am 09.03.2007 enthüllte Bronski vom frblog.de, dass der Zürcher Tages-Anzeiger schon lange eine Online-Blattkritik macht (weiss jemand, wo die zu finden ist?). Mit dem Erscheinen von mehreren Abgesängen überschritt das Spiel Second Life den Zenit der deutschsprachigen Medienaufmerksamkeit und wird bald wieder so unbeachtet wie die meisten Online-Aktivitäten sein. Bilder aus dem Spiel zeigen aber weiterhin sehr schön, wie das Grössenverhältnis des Einzelnen zum Gesamten ist. Wenige Figuren streunen meist alleine und etwas verloren durch eine riesige Welt – ganz im Gegensatz zur Welt vor der Tür, die aus überfüllten Mediamärkten, Verkehrsmitteln und Unis besteht. Journalisten konnten sich auch im März 2007 nicht für Blogs begeistern. Stephan Ramming schrieb: “Denn ein Blog ist keinesfalls, wie wir bis anhin vermeinten, eine Müllhalde von schriftlichen Absonderungen zwieliechtiger Herkunft in zweifelhafter Orthographie, sondern vielmehr eine Müllhalde von schriftlichen Absonderungen zwielichtiger Herkunft in zweifelhafter Orthographie.” Und die Junge Welt fand heraus, dass Blogs nichts wollen, als aufgekauft werden, “diese verdammten Nutten”: “Ihr Bemühen um Originalität ist anstrengend bis peinlich.”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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