Beobachtungen im Silicon Valley

Andreas Göldi, 23. März 2007 17:05 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Diese Woche habe ich im Rahmen meines Studienprogramms im Silicon Valley verbracht. Hier einige Impressionen.

Teures Pflaster. Ein Einheimischer erklärt mir: Wenn man hier weniger als $200′000 im Jahr verdient, kann man sich kaum ein Haus leisten, das im Rest der USA als gerade mal knapp Mittelklasse empfunden würde. Im Silicon Valley leben schätzungsweise 250′000 Millionäre, und jede Woche kommen etwa 60 neue dazu. Das verdirbt die Preise.

Aber irgendwer muss ja all die Porsches, Ferraris und Aston Martins kaufen, die von zahlreichen Händlern entlang der Autobahn feilgeboten werden. Besonders interessant ist der kleine Autohändler in Los Gatos, der in seinem winzigen Showroom irgendwie einen fetten Lamborghini und einen ebenso dicken Rolls Royce untergebracht hat.

Trotz all der automobilen Herrlichkeit hat man irgendwie vergessen, auch anständige Strassen zu bauen. Die meisten Drittweltländer haben Autobahnen, die deutlich besser in Schuss sind als Freeway 101.

Alles so schön bunt hier. Besuch auf dem Googleplex. Es sieht alles so aus, wie man es aus den Medien kennt: Die Lavalampen, die Massagestühle, die Cafeterias, der Teppich aus Recyclingmaterial, die Lego-Spielecken. Im Garten steht ein lebensgrosses Tyrannosaurus-Rex-Skelett. Gerade neu angeschafft, weil Larry und Sergey Dinosaurier mögen, erklärt man uns.

Die Google-Führerin plappert fröhlich drauflos und ist etwas erstaunt, dass unsere Gruppe aus Managern im mittleren Alter nicht so enthusiastisch reagiert, wie sie das sonst offenbar gewöhnt ist: “You’re a quiet group”. Als jemand fragt, was denn dieses “AdWords” genau ist, kriegt sie einen leicht verzweifelten Gesichtsausdruck.

An den Wänden kleben alle Arten von kleinen Plakaten. Teilweise geht es um praktische Dinge wie die Parkplatzregelung (die Firmen in der Umgebung haben auf ihren Parkplätzen als Verteidigungsmassnahme schon Schilder mit “No Google Parking” angebracht und lassen gnadenlos abschleppen), oft handelt es sich aber auch um bunte Beschreibungen neuer, experimenteller Google-APIs.

Umnutzung. Silicon-Valley-Firmen bauen auf den Gräbern ihrer Vorgänger, sozusagen. Der Googleplex hat früher mal Silicon Graphics gehört. Und CRM-Star Salesforce.com residiert im Gebäude seines untergegangenen Erzfeindes Siebel Systems.

Aber ganz offensichtlich ist der Boom noch längst nicht wieder da. Vor allem im südlichen Valley, wo die Netzwerkfirmen zu Hause sind, steht fast jedes zweite Bürogebäude leer.

Mac Valley. Kaffeetrinken im “Coupa Cafe” in Palo Alto. Der beste Kaffee, den ich in den USA je hatte, und gratis WiFi gibt es auch. An etwa jedem zweiten Tisch arbeitet jemand am Laptop. Von 11 Maschinen sind genau drei PCs, die anderen 8 sind Macs.

Extreme Telepresence. Zu Gast bei Cisco. Im Sitzungszimmer hängt ein “Terror Alert”-Plakat mit dem aktuellen Bedrohungsstatus (heute gerade “gelb”). Hier wird normalerweise wohl an staatliche Kunden verkauft.

Man demonstriert uns die neue Telepresence-Lösung von Cisco, eine Art Ultra-Videokonferenzsystem mit 3 Full-HD-Kanälen. Die Bildqualität ist tatsächlich atemberaubend. Wenn sich sowas durchsetzt, kann man sich wirklich einige Reisen sparen.

Der Chef der Abteilung spricht remote mit seiner Sekretärin. Die sitzt nämlich in Texas und wird zu seinem Vorzimmer in Kalifornien den ganzen Tag lang per Telepresence-System übertragen. Hinter dem Schreibtisch sitzt buchstäblich ein Bildschirm, auf dem die gute Frau zu sehen ist. Man kann auch alles übertreiben…

Kein Kulturstrick. Die fast einzigen, die hier Kravatten tragen, sind wohl Hotelangestellte. In etwa einem Dutzend Meetings sind mir genau zwei andere Kravattenträger begegnet. Und die haben ihren Schlips dem Muster nach zu schliessen in den frühen 80er Jahren erworben.

Living in a Bubble. Gespräch mit Venture Capitalists. Wir haben keine Bubble, meinen sie. Höchstens ein bisschen eine im Web-2.0-Bereich. Weil jeder das nächste YouTube haben will.

Ganz offensichtlich leben die VCs aber in ihrer eigenen Blase in Isolation von der Aussenwelt. Wenn man sie reden hört, könnte man meinen, sie würden danach bezahlt, wie viele Jargon-Ausdrücke sie in einem einzigen Satz unterbringen können. Der eine beklagt sich, dass er als GP downstream heutzutage oft keinen Carry, sondern nur die 2% kriegt. Ja, schlimm, so was.

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