Vorteil von Printmedien:
Man kann sie wegwerfen

Ronnie Grob, 19. März 2007 18:00 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Für die Zeitungen stellen die neuen Medien keine tödliche Gefahr dar, zwingen aber zur Neupositionierung, zur Besinnung auf die eigenen, printspezifischen Stärken. Printprodukte haben unersetzbare Materialqualitäten, die man optimieren kann: bequem zu handhaben, gut zu lesen, rascher Überblick, Tastbarkeit – und nicht zu vergessen: Man kann sie wegwerfen. Das werden die Zeitung und Zeitschrift der Online-Welt immer voraushaben – und das lässt sie überleben.

Das schreibt Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, im heutigen Tages-Anzeiger im Kulturteil auf Seite 45.

Ich habe zwar noch nie länger darüber nachgedacht, aber ist es nicht so, dass man Printmedien entsorgen muss? Mit Schnur bündeln und an einem bestimmten Samstag, den man regelmässig vergisst, auf die Strasse stellen muss? Während man bei Online-Medien nichts wegwerfen muss, die gleiche Information hingegen so speichern kann, dass man sie später mit der Technik des Kopierens und Einfügens weiter zu verwerten ist?

Für mich ist einer der grössten Vorteil der Printmedien die Mobilität (lesen im Bett, in der Badewanne, im Liegestuhl oder im Zug), doch lustigerweise wird das im Artikel gar nicht erwähnt. Es heisst stattdessen:

Ähnlich wie das vollständig passive Medium Fernsehen ist auch das Zeitunglesen ein Ritual. Viele brauchen die Zeitung wie den Morgenkaffee. Man sollte sich also vom Phantom des (inter-)aktiven Komsumenten, das die Software-Industrie beschwört, nicht den Blick für die trivialen Realitäten des Alltags verstellen lassen.

Das ist naürlich wahr. Wenn auch damit subtil auf Eigenschaften wie Trägheit, Gewohnheitshandeln oder gar Sucht angespielt wird. Wollen wir mal hoffen, dass das Leser von Printmedien nicht in den falschen Hals kriegen.

Den Gang ins Internet sieht er als eine Scheinalternative, weil der Cyberspace kein Territorium ist, das man kartografieren könnte und weil es keine “natürlichen” Darstellungsformen gibt im Cyberspace und diese angewiesen seien auf Hilfskonstruktionen der alten Medien:

Die alten Medien dienen als metaphorische Orientierungshilfen im Digitalen. So gibt es bekanntlich digitale Schreibtische, Aktenordner, Papierkörbe, aber auch Zooms oder “Bausteine”. Und das heisst, es geht nicht ohne die stabile Illusion vertrauter Welten. Denn der digitale Datenraum bietet Menschen keine Orientierungschance. So muss die Medienevolution selbst für eine humane Kompensation ihrer posthumanen Anforderungen sorgen.

Gut. Aber so alt sind Zeitungen und Zeitschriften auch noch nicht. Und zur Benennung musste damals auch zu Hilfskonstruktionen gegriffen werden. So wie immer, wenn etwas neu ist. Würde heute noch jemand sagen, dass Zeitungen und Zeitschriften keine Orientierungschance bieten?

Im Einführungstext des Artikels (nehmen wir mal an, der ist der Tages-Anzeiger-Redaktion und nicht Norbert Bolz zuzuschreiben) steht:

Haben Zeitungen eine Zukunft? Und wie sieht sie aus? Norbert Bolz, Medienwissenschaftler in Berlin, sprach in Solothurn über die Bedeutung der alten Medien: Orientierung liefern nur sie.

Na denn. Klappen Sie schleunigst das Internet zu und eine Zeitung auf. Hier werden sie nur desorientiert. Schliessen wir also lieber mit noch einem Satz von Herr Bolz:

Massenmedien wirken vor allem deshalb, weil niemand Zeit hat, die Nachrichten zu überprüfen. Statt Informationen zur Weiterverarbeitung vorzulegen, versorgen sie uns mit einem Gerüst von Überzeugungen und Wünschen. So entsteht für den Zuschauer eine Welt der vereinfachten Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

Gute Seiten: Blog und Lesezirkel für Magazine

28.4.2009, 3 KommentareGute Seiten:
Blog und Lesezirkel für Magazine

Sie nennen es Holzmedienclub: Auf "Gute Seiten" dreht sich alles um unabhängige Magazine und ihre Macher, ausgesuchte Hefte werden über eine Zinothek verliehen - und es wird gefeiert.

Bye-bye Programmies: Im Internet gibt’s was zu sehen

3.2.2009, 10 KommentareBye-bye Programmies:
Im Internet gibt’s was zu sehen

Von einfachen Listen bis zu multimedialen Communities mit individueller Planung: Wie das Fernsehprogramm aus dem Internet die gedruckten Programmzeitschriften ersetzt.

Alles über Magazine: Zehn Blogs über Zeitschriften

19.1.2009, 2 KommentareAlles über Magazine:
Zehn Blogs über Zeitschriften

Wir stellen zehn Blogs vor, die sich mit Magazinen und Zeitschriften beschäftigen – mit schöner Gestaltung glänzender Seiten wie mit dem Wandel der Printbranche.

Fusion in der Schweiz: Tamedia übernimmt Edipresse

3.3.2009, 3 KommentareFusion in der Schweiz:
Tamedia übernimmt Edipresse

Die Verlage Edipresse und Tamedia führen ihre Schweizer Geschäfte zusammen, bis zum Jahr 2013 soll die Fusion komplett sein. Internationale Aktivitäten der Edipresse sind ausgeschlossen.

Nicht verpassen: Lokale Anzeigen als Chance

18.2.2009, 1 KommentareNicht verpassen:
Lokale Anzeigen als Chance

Kleine, regionale Unternehmen brauchen mehr als nur Anzeigen in Zeitungen und im Internet – Jeff Jarvis sieht hier Chancen für neue, zielgerichtete Angebote.

12.2.2009, 13 KommentareZukunft der Medien in 50 Zitaten:
Journalismus ohne Zeitung

Was in den vergangenen Monaten alles gesagt wurde ...

4 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 20. März 2007 um 07:17 Uhr (#)

    Mit Schnur bündeln und an einem bestimmten Samstag, den man regelmässig vergisst, auf die Strasse stellen muss?

    Stimmt, aber sicher nicht an einem Samstag.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 20. März 2007 um 07:23 Uhr (#)

    Na also da wo ich wohne, wechseln sich als Termine die Samstage und Dienstage ab. Wobei ich das aber so oder so vergesse und verpasse und irgendwann mit Bergen von Papier dastehe.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 20. März 2007 um 07:47 Uhr (#)

    Ich dachte, seit das an Private übertragen ist, ist es nirgends mehr Samstag. Ist vielleicht bei Euch da draussen noch anders.

  4. mds
    schrieb am 20. März 2007 um 12:05 Uhr (#)

    Sammeln in St.Gallen nun nicht mehr die Stadtwerke?

    Vielerorts ist das Papiersammeln (immer noch) eine wichtige Einnahmequelle für Vereine, das heisst sie sammeln ein bis zwei Mal pro Jahr an einem Samstag das Altpapier und erhalten dafür eine Entschädigung.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.