Kriegsgrund YouTube? Verantwortung und «User generated Content»

Die Videoplattform verliert ihre Unschuld: Der Flaming-Krieg zwischen türkischen und griechischen Jugendlichen ist ein Fanal.

Nachdem schon ein brasilianisches Gericht den dortigen Internetprovidern die Sperrung des Videodienstes YouTube wegen eines Paparazzi-Videos eines Promi-Sternchens beim Sexspiel befohlen hatte, und Kasachstan die Borat-Webseite aus seiner Domäne verbannt hatte, zieht jetzt das türkische Obergericht nach: Weil irgendein griechischer Teenager ein Video des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk gepostet hatte, in dem dieser sich als homosexuell bezeichnet, ist Youtube vorerst in der Türkei nicht mehr erreichbar.

Nach empörten Kampagnen der berüchtigten türkischen Boulevard-Zeitungen sollen angeblich Hundertausende von Türken YouTube mit Antwort-Mails und -Postings von nicht minder primitivem Inhalt geflutet haben. Am Mittwoch wurde die Seite dann aufgrund eines Urteils des ersten Strafgerichtshofs des Instanbuler Friedensgerichts durch die Internetprovider gesperrt.

Bleibt der Krieg der Teenager online?

Weniger als das Gerichtsurteil gibt in diesem Fall der Flaming-Krieg der ohnehin nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechenden Nationen oder ihrer Jugendlichen zu Denken.

Dass einige initiative Moslems die Karrikaturen einer dänischen Zeitung, die den Propheten Mohammed mit Bombenterror in Zusammenhang brachten, mit monatelangem Lobbying in der islamischen Welt zum Thema machen konnten und dann von der Macht des Volkszorns selber überrascht waren, ist angesichts der herrschenden Animositäten zwischen den Kulturen nicht verwunderlich.

Wenn jetzt aber jedes dümmliche Spott-Video eines verirrten Jugendlichen Brandstifters internationale Konflikte verschärfen kann, wird sich YouTube wohl bald schon eine Form der Zensur überlegen müssen. das wird spätestens dann geschehen, wenn aufgrund solcher Vorfälle erste Tote zu beklagen sind, weil die Flaming-Kriege in der Offline-Welt eine Fortsetzung gefunden haben.

Denn mit Grösse und Reichweite eines Mediums – und sei es auch eines «lesergenerierten» – kommt eine Verantwortung, der sich die Betreiber der Plattform nicht ganz so leicht entziehen können wie den Klagen Hollywoods durch Lizenzzahlungen aus der Google’schen Portokasse.

«Bei Bedarf» nachrecherchieren?

Damit wird einmal mehr auch deutlich, dass all die Propheten des “Bürgerjournalismus”, wie eben grade am Europäischen Verlegerforum einen Punkt nicht deutlich genug sehen: Medien sind – oder waren zumindest bisher – nicht nur die Gefässe für Inhalte, sie tragen die Verantwortung für ihren Stoff, und dazu brauchte es Redaktoren und -innen. Aus dem Bericht des «Medienfachverlag Oberauer GmbH» im Originaltextservice auf presseportal.ch:

Nicolaus Fest, bei “Bild” in Hamburg für das Projekt Leserreporter
verantwortlich, relativierte die Rolle der Amateurjournalisten, die
jetzt auch bei Deutschlands größter Tageszeitung mitarbeiten und
dafür Honorare zwischen 100 und 500 Euro erhalten. Allerdings: “Für
Nachrichtenjournalismus gibt es keine Alternative zum Leserreporter.
Ohne die Hilfe der Leser wird man in Zukunft nicht mehr auskommen”,
sagte Fest. Täglich erreichen die Redaktion 1.000 Bilder. Sechs
Fotojournalisten und weitere sechs Journalisten sind damit
beschäftigt, das Material zu sichten und bei Bedarf gegen zu
recherchieren
.

Bei Bedarf? Und wer entscheidet, wann Bedarf besteht und wann nicht? Und wer übernimmt die Verantwortung, auch juristisch, die bisher innerhalb von redaktionen klar nach dem Kaskadenprinzip vom Text- oder Bildautor nach oben bis zum Verlag reicht?

“Leserreporter sind kein Instrument um Geld zu sparen, sondern um
die Qualität der Zeitung zu erhöhen”, sagte Stefan Herbst,
Chefredakteur der “Saarbrücker Zeitung” beim Editors Forum in Wien.
In Saarbrücken beteiligen sich die Leser vor allem mit Informationen
über Brände und schwere Unfälle. “Die Hinweise auf Ereignisse kommen
früher als von der Polizei”, sagte Herbst.

Es mag kurzfristig kommerziell gesehen für die Verleger spannend sein, der Konkurrenz nach einem tödlichen Autounfall mit “Bürgervideos” der Leichen auf der Strasse zuvor zu kommen.

Längerfristig bleiben dabei mit Sicherheit die Sorgfalt und die Medienethik auf der Strecke. Und wenn der erste Leser für einen Beitrag verurteilt worden ist, werden die «Bürgerjournalisten» selber sich Gedanken darüber zu machen beginnen, was genau sie den Verlagen da für ein Trinkgeld verkaufen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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