Leserbrief an die Werbewoche

Ronnie Grob, 15. Februar 2007 10:46 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Liebe Werbewoche

Heute morgen schmerzte mein Auge. Als ich vor dem Spiegel stand, sah ich, dass es halb zugeschwollen war. Keine Ahnung, wie und warum das passiert ist, vielleicht eine Entzündung. Es hinderte mich aber nicht daran, einen Text bei werbewoche.ch zu lesen, der mir sehr bekannt vorkam. Nicht nur bekannt, nein, es war mir, als hätte ich ihn eigenhändig geschrieben. Doch dem war nicht so, wie ich bei genauerem Hinsehen bemerkte. Autor des Texts war nicht ich, sondern Christian Lüscher. Nur rein zufällig verwendeten wir an der gleichen Stelle das gleiche Bild: Eine richtig schön kreative Version einer Schweizerkarte aus einem Artikel von stern.de. Der Inhalt dagegen war ganz anders. Es ging um DAS Thema der Gegenwart: Horden von deutschen Einwanderern, die alle ins Land drängen und den Schweizern die Jobs wegnehmen wollen.

Lustigerweise sind Christian Lüscher ganz viele Sachen aufgefallen, die mir auch aufgefallen sind. Zuerst mal der gleiche Artikel auf stern.de, dann, dass der Titel in die Irre führt. Dass den Text Schweiz Tourismus nicht besser hätte texten können. Dass es lobenswert ist, wenn der Stern seine Illustrationen selbst produziert. Dass die Grafik etwas seltsam aussieht. Dass da eine komische Ausbuchtung im Tessin ist. Dass Bern etwas sehr nordwestlich ist. Dass der deutschlandnahe Bodensee auf die Karte darf, aber der flächenmässig grössere Genfersee nicht mal eingezeichnet ist.

Gut, dachte ich mir, es gibt seltsame Ereignisse. Manchmal ist etwas in der Luft und an verschiedenen Stellen auf der Erde wird das Gleiche gedacht und getan. Manchmal nur mit einer Differenz von zwei Tagen. Ich dachte weiter: Wenn ich mir das geschwollene Auge nicht erklären kann, dann kann ich mir auch das nicht erklären. Dass Christian Lüscher medienlese.com liest und dann, ohne das Blog zu zitieren, eine andere Version des Texts der Werbewoche verkauft, konnte ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Es wäre ja ziemlich blöd gewesen, darauf zu hoffen, ein Typ, der jeden Morgen zwei Stunden Online-Medien liest, würde den Text nicht lesen, vielleicht, weil sein Auge so weit zugeschwollen ist, dass er gar nicht mehr bis zum Monitor sieht.

Sollte sich aber diese sicher irrige Annahme bestätigen, dann wäre ich etwas enttäuscht. Schliesslich hätte mir die Werbewoche doch auch ein Mail schreiben können und in Verhandlungen über Denkarbeit treten können. Ich bin ja nur wertvoll, nicht unbezahlbar.

Freundlich,

Euer treuer Leser

Ronnie Grob

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. leu
    schrieb am 15. Februar 2007 um 11:43 Uhr (#)

    Ist ja dreist, gestern entführe ich das 6 vor 9 und heute macht die Werbewoche Copy&Paste. Komisch.

  2. Christian Lüscher
    schrieb am 15. Februar 2007 um 12:10 Uhr (#)

    Verstehe den Vorwurf und entschuldige mich hiermit bei Ronnie. Aufgefallen ist uns die Karte nicht auf stern.de, sondern auf Medienlese.com . Ich werde mich dafür einsetzen, damit das in der nächsten Ausgabe berichtigt wird.
    Grüsse aus Rüschlikon
    Christian

  3. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 15. Februar 2007 um 13:53 Uhr (#)

    @Christian Lüscher: Danke für Deine Ehrlichkeit, und wenn sie spät kommt. Richtig sauer aber macht mich, dass Du die beiden wirklich lustigen Links am Schluss der Story nicht auch übernommen hast. ;-)

  4. Christian Lüscher
    schrieb am 15. Februar 2007 um 15:47 Uhr (#)

    @Ronnie: Das nächste Mal werde ich Dich zitieren à la gefunden auf X von Y. Aber Du kennst das ja sicher: Wenns eilt, dann übersieht man schnell mal was. Das soll aber keine Ausrede sein.
    Gruss
    Chris

  5. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 16. Februar 2007 um 07:57 Uhr (#)

    Hallo Christian

    Finde es super, dass Du dich hier der Diskussion stellst. Echt. Ich sage in jeder Blog-Schulung, dass man das so machen muss, und wenn man nett antwortet, ist sofort die (allfällige) Schärfe aus der Diskussion raus. Das stelle ich auch hier fest.

    Aber eine inhaltliche Anmerkung habe ich trotzdem noch. Unter Bloggern würde man es wohl so halten: Entweder, man zitiert den Ursprung und entwickelt dann die Geschichte mit eigenen Worten in einem neuen Post im eigenen Blog weiter. Beispiel: BloggingTom, der etwas bei mir gefunden hatte (allerletzter Absatz), aber eine zu rund zwei Dritteln neue Geschichte daraus macht (man verzeihe mir das banale Beispiel).

    Wenn man dagegen nur auf eine «komplette» Geschichte hinweist, der man selbst nicht viel hinzuzufügen hat, dann reicht es auch, wenn man sie einfach verlinkt, wie der deutsche Top-Blogger Robert Basic es oft macht, etwa hier.

    Die Frage ist nun, wie funktioniert das in einem Print-Magazin? Linken kann man ja nicht («heute» macht es allerdings mehr oder weniger in seiner Rubrik «Daily Blogging», wo auch nur in einem Satz etwas angerissen wird – die ganze Geschichte muss sich der Leser im Netz holen.) Denn wenn Dein Artikel einfach genauso im Heft gestanden hätte, mit einem Verweis «gefunden in einem Beitrag von Ronnie Grob bei medienlese», dann aber mit acht mehr oder weniger wörtlichen Zitaten, die alle nicht als solche gekennzeichnet sind, dann hätte ich trotzdem noch ein schales Gefühl gehabt.

    Gruss, Peter

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