ArgYou und Webdienstleister:
Die Nachlese

Mein Post von neulich

über die fragwürdige neue Studie von Argyou.com zum Thema Webdienstleister hat inzwischen doch noch einiges an Reaktionen hervorgebracht.

Die Fachzeitschrift Netzwoche bringt in ihrer neuen Ausgabe (06-2007, online nicht zugänglich) einen ziemlich scharfen Artikel, in dem ich unter anderem auch zitiert werde. Im Editorial schreibt Redakteur Michael Fritschi:

“Mehr als eine magere Pressemitteilung dazu [zur Studie von ArgYou] gibt es auch diesmal nicht. Seriöse Marktforschungsunternehmen stellen der Öffentlichkeit zumindest eine Management Summary zur Verfügung, auf der die wichtigsten Resultate begründet sind. Dies gehört ebenso zum Standard wie die persönliche Verfügbarkeit für Presseanfragen nach dem Versand einer Medienmittteilung.

Stattdessen bewertet Glauser [der Inhaber von ArgYou.com] kritische Anmerkungen zum Zustandekommen seiner Studien bereits als rufschädigend. Doch die Frage der Rufschädigung stellt sich viel eher bei seinen Resultaten.”

In meinem Blog habe ich auch einige Kommentare gekriegt, mehrheitlich zustimmende.

Kritisch meinem Beitrag gegenüber hat sich Aseantic-Chef Gian-Franco Salvato geäussert, der die Studie ursprünglich in Auftrag gegeben hat. Sein Vorwurf, dass mein “Gegentest” mit Google-Suchbegriffen nicht repräsentativ sei, trifft natürlich zu, aber das hatte ich ja auch ausführlich so deklariert. Es ging darum zu zeigen, dass man die Validität der Studie mit einem ganz einfachen Experiment widerlegen kann. Den Anspruch, eine verlässliche Gegenthese aufzustellen, hatte ich nie. Ich bin ja kein Marktforscher.

Gian-Francos Methode allerdings, die Relevanz eines Suchbegriffs nach der Zahl der total gefunden Treffer auf Google zu beurteilen — “Internet-Dienstleister” wird ca. 11’000mal gefunden, “Web-Dienstleister” hingegen nur 742mal — , halte ich hingegen für problematisch. Nach der gleichen Logik wäre Paris Hilton (428’000 Treffer bei Google Schweiz) für die Schweiz die relevantere Person als Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (347’000 Treffer). Die Diskussion sparen wir uns lieber…

Besonders interessant ist der Kommentar von “Dr. Julian Jobee aus Kalifornien”:

“Erstens wundere ich mich über die Argumentation von Herrn Göldi, der in Boston sitzt nicht mehr für Namics arbeitet und nach Angabe von ArgYou AG noch nie eine Studie von ArgYou in der Hand gehalten hat, sich aber trotzdem berufen fühlt sich darüber massenhaft öffentlich auszulassen.”

Nun, ArgYou und namics haben mehrere gemeinsame Kunden, weshalb ich versichern kann, dass ich selbstverständlich Zugang zu ArgYou-Studien hatte. Der Sinn der Studien wäre ja gerade, eine Website zu verbessern, und das macht bei den meisten Firmen eben der externe Webdienstleister.

“Wir als Kunde von ArgYou AG sind äusserst zufrieden über die unabhängige wissenschaftliche Expertise, welche uns hilft international den Überblick zu behalten und gleichzeitig unsere Konkurrenz im Auge zu behalten. Vorher wurden wir von Webfactories regelmässig übers Ohr gehauen und angeschummelt. Wir empfehlen Ihnen einfach ArgYou zu nutzen oder für immer zu schweigen!”

Nun gut. Deutliche Worte.

Dieser User hinterlässt als URL “www.ebay.de”, was zusammen mit dem “aus Kalifornien” den Eindruck erwecken könnte, dass hier ein Vertreter von eBay als zufriedener ArgYou-Kunde schreibt. Und da würde es mich natürlich ehren, dass sich Dr. Jobee extra über meine aktuellen beruflichen Verhältnisse informiert hat.

Aber ist das wirklich so? Was im öffentlichen Blog nicht ersichtlich ist, aber bei meiner internen Kommentardatenbank: Dr. Julian Jobee hinterliess als Kontakt-e-Mail eine Adresse bei Yahoo. Interessant, ist das nicht ein eBay-Konkurrent? Wenn man Dr. Jobee googelt, findet man nur einen Treffer, und zwar eine überschwänglich positive Antwort auf einen ZDNet-Artikel über ArgYou.com. Keine Spur von einer Verbindung zu eBay.

Noch interessanter: Der Beitrag wurde verfasst von einer IP-Adresse aus, die nicht in Kalifornien, sondern in der Schweiz bei Cablecom registriert ist. Und rein zufällig werden die Webserver von ArgYou offensichtlich im gleichen Subnet betrieben (eine bzw. zwei IP-Adressen Differenz) wie diese IP-Adresse. Allem Anschein nach wurde dieser Kommentar also im Netz von ArgYou geschrieben.

Die wohlwollende Interpretation dieser Sachverhalte wäre: Dr. Julian Jobee ist ein begeisterter ArgYou-Kunde, gibt aber zur Spam-Vermeidung lieber seine private e-Mail-Adresse an und war gerade zufällig auf Arbeitsbesuch in den ArgYou-Büros, als er diesen Blogkommentar schrieb.

Die weniger wohlwollende Interpretation: ArgYou erlaubt sich, hin und wieder mal unter falschen Namen Kommentare in eigener Sache zu verfassen.

Ich überlasse gern dem Leser die Bewertung…

UPDATE: Jörg Eugster verweist unten in einem Kommentar auf einen seiner Blog-Einträge, auf dem unter anderem eine echte ArgYou-Studie herunterladbar ist. Sehr lesenswert (der Blog-Eintrag, nicht die Studie). Die Inhalte der Beispielstudie entsprechen etwa dem, was ich selbst in mehreren Fällen von ArgYou gesehen habe.

1 Kommentar

  1. Ilg W.
    schrieb am 16. August 2008 um 22:08 Uhr (#)

    Ich berate Firmen, die die Leistungen der Firma nutzen und denen die Studien sehr nützlich sind. Sie erlaubten für günstiges Geld unmittelbar umsetzbare praktische Empfehlungen zu gewinnen, welche den Nutzen der Interntauftritte spürbar – messbar an Umsatzgewinn –
    erhöhten. Mehr brauchte es nicht!

    Die Auseinandersetzung riecht für mich nach byzantinischen Querelen und Neidspielchen. Ziemlich befremdend.

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