Vanitas vanitatum, et omnia vanitas

Ronnie Grob, 14. Februar 2007 14:44 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

VanitasZwischen richtig und falsch ist heute oft gar nicht mehr so leicht zu entscheiden. Mindestens ein Fall konnte nun aber in der Vanity Fair auf Seite 259 klar gemacht werden, wo sich die Geschichte der Zeitschrift und ihres Namens findet: “Vanity Fair” heisst “Jahrmarkt der Eitelkeit” und nicht etwa “Jahrmarkt der Eitelkeiten”.

Autor Dietmar Bartz, der die Hintergründe dazu ausführlich erklärt, vermutet, die korrekte Übersetzung von Tom Wolfes Roman “Bonfire of the Vanities” habe zur Verwirrung beigetragen und zählt genüsslich alle möglichen Quellen auf, die auf den falschen Plural gesetzt haben: Michael Foerster, Chef der Charité-Augenklinik in Berlin, Fussballmanager Reiner Calmund, Wolfgang Schäuble, das ARD-Magazin Brisant, die Tageszeitung die Welt, das Westfalen-Blatt, selbst in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek habe sich ein falsch erfasster “Jahrmarkt der Eitelkeiten” geschlichen. Google melde sogar mehr falsche als richtige Übersetzungen. Ja, auch wir haben den Plural benutzt.

Nach einer kleinen Sprachkunde mit den Begriffen eitel, vain und idle kommt er auf einen anderen bekannten Spruch zu sprechen:

Doch in Deutschland hat besonders Martin Luther für viel Verwirrung gesorgt. Er übersetzte die prominente Stelle “Vanitas vanitatum, dixit ecclesiastes, vanitas vanitatum, et omnia vanitas” (Prediger 1, 2) so:

“Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.”

Das hätten viele Gläubige als Schelte alles Diesseitigen missverstanden. Luther wird diese Übersetzung aber nicht vorgeworfen, “ihm stand kein anderes Vokabular zur Verfügung”, nur den Kirchen, die diese Übersetzung bis heute mitschleppten. Besser gefällt dem Autor die ökumenische Bibelübersetzung aus dem Jahr 1997:

Völlig sinnlos ist alles, pflegte der Philosoph zu sagen, völlig sinnlos. Was auch geschieht, es hat alles keinen Sinn.

Das ist aber bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit. Im Internet werden die verschiedensten Übersetzungen angeboten:

Wikipedia I: ?Eitelkeit, Eitelkeit, alles ist Eitelkeit.?

Wikipedia II: “Vergänglichkeit des Vergänglichen, und alles ist vergänglich.”

spreadshirt.net: “Es ist alles ganz eitel.”

comedix.de: “Eitelkeiten der Eitelkeiten, und alles ist Eitelkeit!” oder “Es ist alles eitel!”

kreienbuehl.ch: “Eitelkeit der Eitelkeit und alles ist eitel; blosser Schein.”

lerntippsammlung.de: “Es ist alles gantz eytel.”

Es gibt sicher noch mehr. Worauf ich hinaus will: Als ich zur Schule ging (noch gar nicht so lange her), gab es nur eine Lösung. Etwas vor meiner Zeit gab auch nur eine Bibel, eine Zeitung, einen Lehrer, einen Vater, einen Gott, eine richtige Übersetzung und eine Strafaufgabe, wenn sie falsch war. Wohl auch, weil es nicht so einfach war, die Alternativen zu überprüfen und um “dumme Fragen” zum Vornherein auszuschliessen.

Heute gibt es mehrere Bibeln, Weblogs, ein Kollegium, Vaterschaftstests und Glaubensgemeinschaften. Und unzählige Antworten in immerhin nur einem Internet, wo sich sich überforderte Lehrer und Schüler tummeln, die zusammen surfen, Wahrheiten abwägen und die Welt erkunden. Wie gesagt: Die Entscheidung zwischen richtig und falsch ist gar nicht mehr so einfach. Schon gar nicht für mich, der ich keine Ahnung von Latein habe. So nimmt jeder, was ihm gefällt (ich in diesem Fall Andreas Gryphius).

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. Praetor
    schrieb am 15. Februar 2007 um 07:51 Uhr (#)

    Aliquis semper haeret. Zur Not halt nur ein ergoogelter Titel.

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