medienlese – der Wochenrückblick

Die Wochenendbeilage des Tages-Anzeigers, Das Magazin, druckte exklusiv Auszüge aus dem Tagebuch der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja. Da der Text nicht online ist und das Magazin im Ausland nicht erhältlich, werden das mal wieder nur Bewohner der Schweiz lesen können. Online hingegen ist die Antwort von Michèle Roten auf einen Leserbrief einer “ehemaligen deutschen Frau”, die sich über die Aussage “Deutsche Frauen sind geile Säue” geärgert hat und nun ihre Juristentochter und den Blick einschalten will. Als Strafe für die gute Antwort wurde sie bereits am Dienstag in der Fernsehsendung Club von Moderatorin Christine Maier auf ihren nervösen Fuss hingewiesen. Die deutsche Ausgabe von Vanity Fair ist erstmals erschienen und niemand schrieb darüber eine Lobeshymne. Stattdessen wurden schon im Editorial Fehler gefunden, man fand Werbung anstelle der journalistischen Inhalte und weder Till Schweiger noch sein Zicklein konnten verhindern, dass die Hochglanzpostille verrissen wurde. Deutsche Blogger stellten Aufnahmen ins Internet, auf denen die gewaltsame Zerstörung eines Hefts zu sehen war. Arthur Sulzberger Jr., Herausgeber der New York Times, sagte, er wisse nicht, ob sie die Zeitung in fünf Jahren immer noch ausdrucken würden, und, wissen sie was, es ist ihm auch egal. Sacha Lobo, digitaler Bohèmist mit origineller Frisur, war in eine Talkshow eingeladen und lernte dort, dass man sich wild bewegen und schreien muss, um von den Kameras wahrgenommen zu werden. Er schrieb auf spreeblick.de einen schönen Satz über Sahra Wagenknecht: “Aber ihr meckeriger, anschuldigender Ton ist bei egal welchem Inhalt so schwer verdaulich wie ein kinderkopfgrosser Klumpen aus einem Steinmehl-Heizöl-Gemisch.”

Rainer Meyer war in drei Teilen auf netzeitung.de und sagte dort, er möchte nicht sein wie Don Alphonso. Ausserdem würde er Gründertypen keinen Cent anvertrauen und will, dass PR aufs Maul bekommt. Immer wieder. Seine teilweise auf Medienrecht spezialisierte Juristenfamilie freut sich auf etwaige Klagen. Das NZZ Folio war in Teheran und fand heraus, dass dort Popmusik, Alkohol, Homosexualität und sich in der Öffentlichkeit küssen illegal sind und bei Vergehen dagegen mit Peitschenhieben gerechnet werden muss. Der E-Mail-Verkehr hingegen sei unkontrolliert und Magazine wie Spiegel oder Newsweek nicht verboten. Rupert Murdoch sagte, er amüsiere sich derart gut – er möchte einfach für immer leben.

Jetzt.de durfte lernen, dass Rotaugen total auf Zwiebackmehl abfahren und dass Kartoffelbrei viel langsamer verdaut wird, wenn man sich vorher 30ml Olivenöl reinzieht während die Weltwoche fernsehseriensüchtige Menschen besuchte, die nach dem “Weggucken aller Vorräte” verzweifelt sind, weil sie nun wieder miteinander reden müssen. Gion Mathis Cavelty enthüllte ein paar Seiten weiter hinten, dass Wickie ein Junge ist. In einer Szene, in der er mit zwei Robben nackt im Meer bade, sei eindeutig etwas zu sehen, was er vorsichtig als “Riesenapparat” bezeichnen würde. Güzin Kar fragte sich, wer einen einhodigen Mann spielen will und in einem nicht leicht verständlichen Text der NZZ rügte Professor Otfried Jarren die Medien, besser zu kommunizieren. In der F.A.Z. wurden Laternen per SMS eingeschaltet und der Blick wertete eine eigene Online-Umfrage als Volkswillen und fragte sich, ob der Fussball-Nationaltrainer nach einer Niederlage in einem Freundschaftsspiel noch weiter tragbar sei. Die Jungle World las im Erotikmagazin Feigenblatt ein angeblich interessantes Interview mit der Prostituierten Lolette, die den Beruf erst mit 49 Jahren ergriffen und dadurch ihre manisch-depressive Erkrankung bewältigt hat. Klaus J. Stöhlker grämte sich über die glanzlose Verabschiedung des langjährigen NZZ-Chefredaktors Hugo Bütler derweil der Sonntagsblick YouTube-Videos schauen ging und aus der Erfahrung schloss, dass unsere Politiker Lachnummern sind. “Unglaublich, dass so ein Trottel Präsident der Schweiz ist”, kommentierte ein Zuschauer.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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