Amerika, Du hast es besser? Technologieunternehmertum in den USA und Europa
Von Andreas Göldi am 11. Februar 2007 um 17:21 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Analysen
Das World Wide Web, MP3, Skype (also Peer-to-Peer VoIP), Linux: Diese vier Schlüsselinnovationen haben eines gemeinsam: Sie wurden in Europa erfunden, aber das Geld verdienen damit heute primär amerikanische Konzerne, und zwar fast ausnahmslos relativ junge Firmen wie Microsoft, Google, eBay, Amazon und Yahoo. Und das bestätigt scheinbar wieder mal das alte Vorurteil, dass die Europäer vielleicht oft die besseren Forscher, die Amerikaner aber eindeutig die besseren Unternehmer sind.
Warum ist das so? Ich verbringe jetzt schon gut acht Monate hier in Boston am MIT, einem der Zentren amerikanischen Technologieunternehmertums. Vor dem Hintergrund der Einsichten hier vor Ort und meiner europäischen Erfahrungen als Mitgründer einer Internetfirma möchte ich mal ein paar Thesen darüber aufstellen, was in Amerika anders ist für Leute, die eine Firma gründen wollen.
Und was Europa möglicherweise davon lernen könnte.
1. Skala und Sprache: Fangen wir mal mit dem Offensichtlichen an. Die USA sind der grösste homogene Markt der Welt mit einer gemeinsamen Sprache, einem durchgängigen Rechtssystem, einer ausgebauten Infrastruktur und einem einigermassen durchgängigen Wohlstandsniveau. Weder das fragmentierte Europa noch China und Indien mit ihren riesigen Unterschieden zwischen Stadt und Land können da auch nur annähernd mithalten. Ein Startup hat in den USA 300 Millionen potentielle Kunden gleich vor der Haustür, und das ist in der Wachstumsphase ein enormer Vorteil. Internationalisierung ist teuer, und gerade Firmen in frühen Phasen tun sich damit schwer.
Allerdings haben amerikanische Firmen dafür umso mehr Mühe, sich an andere Märkte anzupassen. Das zeigt sich schon in den Details: Ich habe häufig expandierende amerikanische Software-Startups erlebt, die kaum glauben konnten, dass es in Europa tatsächlich verschiedene Währungen gibt und Postleitzahlen nicht immer fünf Stellen haben. Und wie unterschiedliche nationale Mentalitäten in einem Verkaufsgespräch relevant sein könnten, verstanden sie schon gar nicht. Das ist eine Chance für europäische Firmen, denn dort ist man von Anfang an gezwungen, international zu denken.
2. Unternehmertum ist für (fast) jeden erstrebenswert. Kürzlich gelesen: Google lud Schulmädchen aus der siebten Klasse dazu ein, auf dem Googleplex ihre Businesspläne zu präsentieren. Damit will man den Kindern schon in einer frühen Phase beibringen, unternehmerisch zu denken. Hier am MIT kann man sich als Student pausenlos mit Businessplan-Wettbewerben, Venture-Capital-Konferenzen, Startup-Kursen und dergleichen beschäftigen, und praktisch jeder denkt ständig über Startup-Ideen nach. In Europa geht man als Student lieber zur Firmenpräsentation einer soliden Grossbank.
Es ist tatsächlich so: Der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg beflügelt die Amerikaner, und erfolgreiche Unternehmer sind für viele das grösste Vorbild. Sich eine eigene Firma zu wünschen, ist in den USA so selbstverständlich wie es in Europa ist, gleich mal nach dem Staat zu rufen, wenn es wirtschaftlich eng wird.
Dieser grundsätzliche Mentalitätsunterschied ist natürlich kaum zu kopieren, aber für Europa gibt es allemal Hoffnung. Man darf nicht vergessen, dass es auch in Amerika ein relativ neues Phänomen ist, Technologieunternehmer wie Bill Gates und Steve Jobs zu bewundern. Noch in den Glanzzeiten von General Motors in den fünfziger und sechziger Jahren war es allemal erstrebenswerter, bei einem Grossunternehmen zu arbeiten, statt in einer Garage sein Glück als Firmengründer mit obskurer Technologie zu versuchen. Langsam beobachtet man auch in Europa, dass Unternehmertum gesellschaftlich angesehener wird.
3. “Good enough”-Mentalität. Wohl niemand wird Microsoft, Oracle oder Dell bescheinigen können, Produkte makelloser Qualität zu bauen. Ein rechtschaffener europäischer Ingenieur würde sich oft schämen für das, was aus den amerikanischen Software- und Hardwareschmieden teilweise rauskommt. Amerikaner sehen das typischerweise anders: Das Produkt muss nicht perfekt sein, sondern gut genug, dass es der Kunde kauft. Schon an den Unis kann man den Unterschied erleben. Unter Informatikern am MIT erzeugt ein eleganter Hack allemal mehr Bewunderung als eine präzise Ingenieurs-Fleissarbeit.
Man könnte lange darüber streiten, ob das eine sinnvolle Einstellung ist oder eher der Grund für die vielen technischen Probleme, mit denen wir uns alle täglich herumschlagen müssen. Eins ist aber klar: Amerikaner gehen mit Ressourcen in dieser Hinsicht sehr viel sparsamer um und investieren nur so viel Aufwand wie nötig, um ein brauchbares Ergebnis zu erreichen.
Wohlgemerkt: Das funktioniert nur dann gut, wenn wie in der High-Tech-Branche die Produktzyklen sehr kurz sind und Geschwindigkeit und Kreativität wichtiger sind als Perfektion. In reifen Branchen funktioniert das nicht, wie man derzeit drastisch am Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie verfolgen kann.
Vielleicht ist das die Chance für europäische (und auch japanische) Softwarefirmen: Je mehr die Softwarebranche reift, umso mehr verlangen die Kunden Qualität und Exaktheit. Und das können andere besser als die Amerikaner.
4. Die richtige Art von Immigranten. Bei mehr der Hälfte der Silicon-Valley-Startups ist ein Erstgenerations-Immigrant massgeblich an der Gründung beteiligt. Karrieren wie die von Andreas von Bechtolsheim (Sun), Sergey Brin (Google), Jerry Yang (Yahoo) oder Pierre Omidyar (eBay) sprechen eine deutliche Sprache. Den meisten dieser Geschichten ist gemeinsam, dass die erfolgreichen Einwanderer schon in jungen Jahren in die USA kamen, spätestens als Student. Das ist eben der Vorteil eines Einwanderungslandes: Es lässt auch Fremde rein, die erst noch beweisen wollen, was sie drauf haben. Die europäische Einwanderungspolitik ist hingegen mehr darauf abgestützt, Leute erst einwandern zu lassen, wenn sie schon etabliert sind und — die eigentliche Fehlkonstruktion — einen Job vorweisen können bei einer europäischen Firma. So zieht man nicht potentielle Unternehmer an, sondern höchstens brave Konzernsoldaten.
Immerhin, Europa hat jetzt eine grosse Chance, weil Amerika aus Angst vor Terroristen und Überfremdung die Grenzen zunehmend dicht macht. In den neuen EU-Staaten warten zweifelsfrei viele hungrige junge Leute auf eine Chance. Und die sollte man ihnen geben.
5. Eine pragmatischere Rolle des Staates. Wenn europäische Politiker Unternehmertum fördern wollen, lassen sie grosse Technologieparks bauen, in denen Startups sich ansiedeln sollen. Nur sind Ausbaustandard und Preise meist eher für Grossunternehmen als für arme Firmengründer optimiert. Manchmal lehnen sich europäische Politiker auch ganz weit zum Fenster raus und befehlen Innovation von oben, wie beispielsweise beim deutsch-französischen Google-Killer “Quaero”, der inzwischen längst gescheitert ist.
In den USA überlässt man all das, wie in so vielen Bereichen, lieber der privaten Initivative. Für Startups reicht eine Garage oder ein unbenutztes Schlafzimmer, warum soll man da Technoparks bauen? Und die Motivation zur Innovation ensteht aus anderen Quellen als aus politisch motivierten Programmen.
Allerdings: Ganz so “hands off” ist der amerikanische Staat dann doch nicht. Das MIT beispielsweise erhält immer noch einen Grossteil seiner Forschungsgelder aus staatlichen Quellen, oft in der Form von Auftragsforschung für Rüstungsprogramme. Wenn sich dann schlaue Doktoranden mit einer daraus resultierenden Idee selbständig machen, ist das ein absolut erwünschter Nebeneffekt. Der Staat kümmert sich primär darum, bei den Rahmenbedingungen keine Steine in den Weg zu legen.
Aber gerade hier gibt es aktuell auch wieder Chancen für Europa: Nach der Enron-Panik wurden nämlich durch den Sarbanes-Oxley-Act die Regeln für börsennotierte Gesellschaften derart verschärft, dass die IPO-Lust dramatisch gefallen ist. Erste Startups haben sich schon entschlossen, ihren Börsengang lieber in Europa durchzuführen.
Man könnte natürlich noch andere Dinge nennen, aber viele Aspekte — wie z.B. die angeblich so viel höhere Risikofreude der Amerikaner oder die grössere Verfügbarkeit von Risikokapital — sind meiner Meinung nach Resultate aus den oben genannten Faktoren. Ganz offensichtlich handelt es sich aber um Dinge, die sich nicht so leicht imitieren lassen.
Und wie man sieht, gibt es auch in Europa viele Vorteile gegenüber den USA. Ich glaube sogar, dass die Entwicklungsrichtungen im Moment in vielerlei Hinsicht eher für Europa sprechen: Die USA werden geschlossener, Europa öffnet sich (wenn auch langsamer als erhofft). London wird vermutlich bald New York als grösstes Finanzzentrum der Welt überholen, und der amerikanische VC-Markt wirkt derzeit recht orientierungslos. Kreative Firmen und Geschäftsideen aus Europa (wie Skype, FON, Plazes, MySQL, Netvibes, Trolltech) inspirieren potentielle Jungunternehmer, weil sie origineller sind als das meiste, was Silicon Valley derzeit hervorbringt.
Wenn die Dynamik in Europa noch weiter zunimmt und die Europäer weniger zurückhaltend darin werden, ihre Ideen selbstbewusst im grossen Stil zu kommerzialisieren, erwartet uns eine interessante Phase für das Technologieunternehmertum.
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