Windows Vista und der kognitive Overload

Andreas Göldi, 9. Februar 2007 21:12 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Endlich habe ich jetzt mal Zeit gefunden, die finale Version von Windows Vista zu installieren. Meine letzten Vista-Experimente sind schon länger her, und seither hat sich nochmal viel getan. Ich muss sagen: in den meisten Aspekten bin ich positiv überrascht. Aber lange nicht in allen.

Als Versuchskaninchen musste mein Mac Mini herhalten, der per Boot Camp eine zweite Partition mit Vista Enterprise verpasst kriegte. Entgegen aller Befürchtungen verlief die Installation verblüffend problemlos. Keinerlei Fehlermeldungen oder Hardwareprobleme waren zu beklagen, nur das Scrollrad der drahtlosen Mighty Mouse wird komischerweise nicht erkannt.

Die Performance war die nächste Überraschung: Obwohl mein Mac Mini mit nur einem halben Gigabyte RAM und einem 1.83 GHz Core-Duo-Prozessor nicht gerade traumhaft ausgestattet ist, läuft Vista recht flott.

Sogar die ressourcenfressende Aero Glass-Oberfläche lässt sich einschalten und gut bedienen. Subjektiv (wobei man mit solchen Aussagen bei jungfräulich installierten Systemen vorsichtig sein muss) läuft Vista sogar etwas schneller auf der kleinen Kiste als das angestammte Mac OS X.

Als noch relativ frischer Mac-Umsteiger nach vielen Jahren Windows bin ich einigermassen erstaunt, wie stark sich Vista an Mac OS X orientiert. Viele Benutzungskonzepte wurden von Microsoft, äh, übernommen, die mitgelieferten Programme sind fast identisch, die Featuresets stimmen selbst in den Details praktisch überein. Microsoft hat möglicherweise noch die Nase vorn in einigen Enterprise-Aspekten, beispielsweise bei der administrativen Einschränkung der Benutzerfreiheit, während Apple die besseren Multimedia-Anwendungen mitliefert. Die Klischees sind also immer noch voll erfüllt.


Alles so schön bunt und durchsichtig hier…

In einer Hinsicht hat es Microsoft mit der Kopierei aber zu weit getrieben. Ganz offensichtlich wollte man etwas produzieren, was cooler aussieht als Mac OS X. Mit der Aero-Glass-Oberfläche ist das sogar gelungen — auf den ersten Blick.

Denn die schicken Transparenzeffekte und 3D-Programmumschaltungen sind zwar schön anzusehen, wirken aber in der Praxis ziemlich verwirrend und aufdringlich. Die Window-Schatten sind nicht wie beim Mac subtil, sondern viel zu dick aufgetragen. Und das Default-Farbklima dreht einem mit seinen wilden Grün-Blau-Türkis-Übergängen wirklich fast den Magen um. Wie sagte Steve Jobs doch schon vor Jahren: “The only problem with Microsoft is they just have no taste, they have absolutely no taste.” Tja, leider immer noch wahr.


Sieht cool aus, ist aber reichlich unübersichtlich: 3D-Programmumschaltung

Am meisten stört mich an Vista aber etwas, was mich schon immer bei Windows genervt hat: Es verschwendet meine Zeit und nimmt meine Aufmerksamkeit ungehörig in Anspruch. Das bezieht sich nicht nur auf die etwa dreifach längere Boot-Zeit, sondern auf ganz alltägliche Operationen.

Beispiel: Wir stecken einen USB-Memorystick in die Maschine ein, den das System noch nie gesehen hat.

Was macht Mac OS X? Nichts. Es installiert den Stick still im Hintergrund. Ich kann völlig ungestört weiterarbeiten, und wenn ich auf den USB-Stick zugreifen will, ist er einfach da auf dem Desktop.

Was macht Vista? Erst erklingt ein Hinweis-Sound. Dann erscheint eine Sprechblase, die mich darüber informiert, dass neue Treiber installiert werden (?!?). Dann öffnet sich urplötzlich ein Fenster mit dem Inhalt des USB-Sticks. Und zum Schluss erscheint eine weitere Sprechblase, die mir mitteilt, dass ich das Gerät jetzt verwenden kann.

Mit anderen Worten: Vista hat vier Mal meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und mich einmal komplett unterbrochen für einen wirklich belanglosen Vorgang. Und so geht das leider ständig. Besonders die Sicherheitsanfragen von Vista (wenn das System wissen will, ob ein Programm einen sicherheitsrelevanten Vorgang ausführen darf) sind extrem störend, weil der restliche Bildschirm abgedunkelt wird und man nicht weitermachen kann, bevor man die Frage beantwortet hat. Das mag ja besonders sicher sein, aber es ist auch ausgesprochen nervig.

Mac OS X ist weiterhin die bessere Wahl für Leute, die mit ihrem Computer arbeiten wollen statt für ihn. Der kognitive Overload von Vista durch seine unelegante Benutzerführung ist wirklich eine Enttäuschung nach dieser langen Entwicklungszeit.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. Peter

    schrieb am 6. Januar 2008 um 15:55 Uhr (#)

    Im großen und ganzen stimme ich zu. Aber, ein kleines bis mittel schweres ABER, Die meisten beschriebenen Störfaktoren kann man mit wenigen einfachen Handgriffen ausstellen. Manchmal ist es besser informiert zu werden was das System macht. Ich bin bekennender Linux/Gnome user und habe Vista aus Interesse installiert. Mac OSX orientiert sich an einem normalen schon seid vielen Jahren bestehenden X Server von Linux, Compiz-Fusion-Oberfläche dazu und du hast das schnellste und bunteste OS mit den schönsten Effekten. Vista hat in Sachen Sicherheit viel gemacht. Ich möchte hier jetzt keinen Roman schreiben … gruß Peter


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