Steve Jobs fordert: Gebt die Musik frei » netzwertig.com

neuerdings.com medienlese.com imgriff.com fokussiert.com netzwertig.com fraulich.com

Steve Jobs fordert: Gebt die Musik frei

Von Andreas Göldi am 7. Februar 2007 um 00:15 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Analysen

Einen Mangel an strategischer Raffinesse kann man Apple-Chef Steve Jobs wirklich nicht vorwerfen. Apple ist insbesondere in Europa zunehmend unter Druck, weil das Kopierschutzsystem “FairPlay”, das Apple im iPod verwendet, proprietär und geschlossen ist. Die Konsumenten müssen bei Apple-Produkten bleiben, wenn sie ihre im iTunes-Store gekauften Musiktitel weiter hören wollen. Das schränkt die Konsumenteninteressen zu sehr ein, meinen insbesondere Politiker in Frankreich und Norwegen. Darum soll Apple gezwungen werden, FairPlay auch an andere Hersteller zu lizensieren.

In einem langen langen offenen Brief auf der Apple-Website wehrt sich Steve Jobs nun persönlich und schiebt den schwarzen Peter weiter — zur Musikbranche. Nur die ist nämlich der Grund dafür, schreibt Jobs, dass iTunes überhaupt DRM-geschützte Musik verkauft. Apple ist vertraglich gezwungen, den Kopierschutz zu verwenden und muss zudem, sollte dieser einmal geknackt werden, mit Softwareupdates für einen erneuten Schutz sorgen.

Viel besser wäre es, meint Jobs, wenn man die Musik gleich von vorneherein ohne Kopierschutz verkaufen würde. Der durchschnittliche iPod-User hat nämlich nur 22 online gekaufte Titel auf seinem Gerät (also einen Gegenwert von $19.80 zu US-Preisen). Das ist weder eine grosse Umstiegshürde für die Kunden noch ein tolles Geschäft für die Musikindustrie. Mehr als 90% der Musik auf iPods stammt immer noch aus anderen Quellen, primär von gerippten CDs. Und da man nun doch schon ein paar Jahre Erfahrung mit dem Kundenverhalten hat, muss man wohl auch davon ausgehen, dass sich daran nicht so schnell viel ändern wird.

Die Musikbranche würde nicht viel verlieren, wenn sie DRM aufgeben würde, könnte aber sehr viel gewinnen, so Jobs. Raubkopiert wird so oder so, aber mit umständlichen Kopierschutzverfahren behindert man nur ehrliche Konsumenten am legalen Kauf. Offene Formate ohne Kopierschutz wären am besten, schreibt Jobs: “This is clearly the best alternative for consumers, and Apple would embrace it in a heartbeat.”

Ganz uneigennützig ist dieser heldenhafte Kampf für offene Musik natürlich nicht. Apple verdient so gut wie kein Geld am Musikverkauf. Nach Analystenschätzungen beträgt die Bruttomarge pro iTunes-Song gerade mal 4 Cents, und davon müssen auch noch Infrastrukturkosten usw. gedeckt werden. Hingegen macht Apple reichlich Kohle mit den Geräten: Bei einem iPod Nano beispielsweise beträgt die Marge fast 50%, und auch das angekündigte iPhone wird ähnlich profitabel sein.

Nur wird selbst ein einflussreicher Mann wie Steve Jobs bei der Musikbranche mit seiner Anregung garantiert auf taube Ohren stossen. Die Musikfirmen machen ihren Gewinn nämlich vor allem mit einer Sache: Ihre Rechte bis aufs Blut zu verteidigen. Darum wird gern auch mal ein Kneipenwirt verklagt, der das Radio laut laufen lässt, oder ein Amateurfilmer, der sein mit kommerzieller Musik vertontes Werk mehr als drei Leuten vorgeführt hat. Das sind nämlich nach der Definition der Plattfenfirmen öffentliche Aufführungen, und damit müssten Gebühren an die jeweilige nationale Abrechnungsstelle abgeführt werden.

Es ist kein Zufall, dass die Plattenfirmen mehr Juristen als Kreative beschäftigen. Die Rechte an Musik zu verteidigen, ist so tief in der DNA der Musikbranche verwurzelt, dass sie fast mit Garantie niemals einem technischen Verfahren zustimmen wird, das die Schutzmöglichkeiten nicht bis aufs letzte ausreizt.

Realistischerweise brauchen sich die Konsumenten (und Steve Jobs) also keine Hoffnungen auf DRM-freie Musik zu machen. Und die juristendurchsetzten Musikkonzerne sich keine auf ihre langfristige Profitabilität. Schade, aber wenn die Spielregeln sich ändern, helfen einem Leute, die nur die alten Spielregeln verteidigen können, leider nicht weiter.


ANZEIGE

Vorheriger / nächster Artikel

<< Wal-Mart Video Store: Technologie ist eben Glückssache Wenn VCs sich selbst bedienen: YouTube-Eigner kassieren ordentlich >>



Einen Kommentar schreiben

Hinweis: Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

Über netzwertig.com

Wir beobachten und analysieren Neuigkeiten und Trends der Internetwirtschaft.

Die Autoren

Gastautoren

Abonnieren

(RSS-Feed, was ist das?)

Artikel 1x täglich per Mail:

E-Mail-Adresse eingeben:


Unsere Blogs

Über Blogwerk