Hansweh

Die Ex-Bundesrätin Elisabeth Kopp ist wieder präsent in Schweizer Medien – dank dem Rehabilitationsfilm “Elisabeth Kopp – eine Winterreise“. Und damit auch ihr Mann, Hans W. Kopp. In der Weltwoche ist er, die “eidg. dipl. Unperson”, urplötzlich wieder aufgetaucht. Journalist Alex Baur stellte in der Ausgabe vom letzten Donnerstag 15 Fragen an ihn (nur für Abonennten zugänglich). Nicht aufgewärmt werden sollte, wurde dann aber natürlich doch, eine Arschklopfer-Affäre um ihn aus den 1970ern. Hans W. Kopp sagt dazu:

Ich mag damals Fehler begangen haben, aber so, wie Meienberg die Geschichte geschrieben hat, stimmt sie hinten und vorne nicht. Meienberg hat nie mit einem Direktbetroffenen geredet, wir hatten Stillschweigen vereinbart, und daran halte ich mich. Nur so viel: Die Geschichte riecht nach Sex, Sex ist spannend und regt die Fantasie enorm an, doch darum ging es nicht. Das Ganze war ein Blödsinn.

Dann lesen wir doch gerne nochmals etwas im Text von Niklaus Meienberg, der unter dem Titel “Sprechstunde bei Dr. Hansweh Kopp ” erschienen ist:

Die beiden Kolleginnen hätten ihr dann weiterhin mitgeteilt, dass diese für zürcherische Erwachsene doch recht ungebräuchliche Bestrafung, nämlich dieses Über-die-Knie-gelegt-Werden, nach vorheriger Entblössung des Hintern, und dieses Mit-einem-Bambusstöckli-gepfitzt-Werden* (manche bezeichnen es als Prügelung, andere wieder als Peitschung), jeweils erst dann erfolgt sei, wenn sie sich selbst eines Fehlers bezichtigt gehabt hätten, zum Beispiel falsches Ablegen von Dokumenten, gravierenden Tippfehler oder andere Büro-Kalamitäten. Sie seien von Hans W. Kopp jeweils am Abend nach den Fehlern, ganz sanft und väterlich (streng, aber gütig!) zur Einsicht in ihre Fehler, dann zur Reue getrieben worden und hätten sie dann nach längerem Gespräch die Pfitzung sozusagen als organisch-logische Folge ihrer Sünden und fast als Befreiung von ihrer Schuld empfunden: Tätige Reue. Dieses doch etwas schmerzhafte Ritual habe nicht ohne ihr Einverständnis stattgefunden und nicht mit brutalem Zwang.

*Das Stöcklein war ambvivalent. Es steckte, im ruhenden Zustand, in einem Blumenstock und diente der Koppschen Zimmerlinde als Stütze.

Man weiss es ja: Hinter jeder starken Frau steht ein starker Mann. Ob es gut und richtig ist, Hans W. Kopp eine Plattform zu bieten? Die Meinungen darüber gehen auseinander, zum Beispiel bei blattkritik.ch. Ich meine: Wer reden will, soll reden können. Und jemand wie Hans W. Kopp musste in den Medien summa summarum mehr einstecken als er austeilen konnte, kaum immer zu Recht :

1988 bildete der Karikaturist Nico im «Tages-Anzeiger» den damaligen Bundesratsgatten Hans W. Kopp ab, der sich hoch über einer Gasse aus dem Fenster lehnte und nasse Tausendernoten an die Wäscheleine hängte. Unten sagten Leute zueinander: «Das muss der Kopp in Neapel gelernt haben» – nämlich eindeutig das Geldwaschen. Solches durfte sich Kopp, weder je angeklagt noch verurteilt wegen Geldwaschens, laut Bundesgericht nicht gefallen lassen. Es erkannte Persönlichkeitsverletzung durch den «Tages-Anzeiger».

Die Recherche zu Hansweh-Kopp-Story hat gemäss Meienberg nur zweieinhalb Tage gedauert. In der Biographie “Meienberg ” (Limmat-Verlag) wird er so zitiert.

Ich habe 150 Telefonate für diese Geschichte gebraucht. Bis ich Herrn Kopp am Apparat hatte, stellte ich 49mal vergebens ein, dann erwischte ich ihn in Italien am Gardasee. (…) Recherchieren ist etwas Irrsinniges. Du hast am Anfang das Gefühl, du zögest an einem kleinen Faden, dann kommt plötzlich eine Schnur, dann wird ein Strick daraus, daran ist ein Ungetüm, und am Schluss hast du das Nessie an der Angel. Das ist ein faszinierendes intellektuelles Exerzitium, auch etwas Libidinöses. Ein Gefühl, als ob man immer höher steige, und je weiter du über der Landschaft bist, je mehr Menschen erkennst du drunten, mit denen du gesprochen hast. Kein Machtgefühl, nein, ein Gefühl der Befreiung.

Die Affäre selbst mutet aus der Distanz von 35 Jahren seltsam fremd an. Wie auch immer das war für die Beteiligten, in heutigen Büros geht es jedenfalls eindeutig langweiliger zu. Die Texte von Niklaus Meienberg dagegen haben durch das Verstreichen von Zeit nichts eingebüsst an Saft, Elan, Witz und Virtuosität und sind frischer und frecher als fast alles, was heute zu lesen ist. Ich wünschte mir mehr solche Texte. Kann das noch jemand?

Interessant zum Thema auch der Facts-Artikel von Ex-Weltwoche-Redaktorin und Meienberg-Biographin Marianne Fehr. Sie schreibt:

Dabei begann ihre Rehabilitierung bereits 1989. Im Februar, einen Monat nach ihrem Rücktritt. In einem grossen Interview in der «Weltwoche» legte Elisabeth Kopp ihre Sicht der Ereignisse dar. Es folgten im selben Blatt 1998, 2003 und 2007 ellenlange Artikel, die ein Umdenken forderten.

So gesehen müsste ca. 2011 der nächste Weltwoche-Text dazu folgen. Hier der in der Ausgabe 04/2007, ebenfalls nur für Abonennten zugänglich. Den von 2003 darf man aber lesen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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