Swissair-Prozess livegebloggt

Ronnie Grob, 23. Januar 2007 09:49 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Gleich allen hiesigen Medien informiert auch das Schweizer Fernsehen täglich aus der Stadthalle Bülach, wo noch bis zum 09.03.2007 der Zusammenbruch der Swissair juristisch aufgearbeitet wird. Wie Tagesschau-Chefredaktor Ueli Haldimann in seinem Blog schreibt, wird die Berichterstattung einerseits durch einen vor dem Gerichtssaal rumlungernden “Prozessbeobachter” mit Kameramann durchgeführt, der Einschätzungen und Interviews macht, andererseits durch eine im Gerichtssaal sitzende Journalistin, die mit einem Laptop ausgestattet ist (der online ist!) und das Geschehen und die Aussagen protokolliert (Übersicht hier).

Das hat folgenden Grund. Das Bezirksgericht Bülach schreibt in den Hinweisen für Medienschaffende:

Ton- und Bildaufnahmen im Gebäudeinnern (einschliesslich Eingangsfoyer!) sind strikte untersagt! Ton- und Bildaufnahmegeräte sind beim Eingang zu deponieren. Mobiltelefone sind zugelassen, müssen aber im Saal ausgeschaltet sein. Zuwiderhandlung hat den Entzug der Akkreditierung und Ordnungsbusse zur Folge.

Mit den zugelassenen Laptops und Handys könnten problemlos Ton- und Bildaufnahmen produziert werden, aber ein Entzug der Akkreditierung und eine angedrohte Ordnungsbusse werden Schweizer Journalisten ausreichend abschrecken, um sich den Auflagen gerecht zu verhalten. Wir sind ja nicht an einer Saddam-Hinrichtung.

Doch die Journalistin der “Multimedia-Newsredaktion” (so heisst das dort) mit dem onlinen Laptop und dem juristischen Hintergrund wird also sowas wie livebloggen, was grossartig ist für alle Interessierten. Schläfrige oder schwerhörige Journalisten können so ihre Notizen abgleichen und kleinere Redaktionen sparen ihren Mann vor Ort ein. Mir gefallen besonders die Beobachtungen, die Carmen Gloria Godoy in ihr Protokoll einfliessen lässt. Bei der Befragung von Mario Corti zum Beispiel:

Angeklagter wird nervös.

Angeklagter holt lange aus um zu antworten und antwortet dann unklar.

Angeklagter sucht in seinem Rollköfferchen nach den Akten.

Anmerkung: Publikum lacht.

Leider ist die gute Aktion nicht leicht zu finden und geht etwas unter zwischen den anderen Links, Dateien und Informationen. Läse ich keine Blogs – ich wäre nie darauf gestossen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Blogroll: Wir haben ein Herz für Blogs

21.4.2009, 3 KommentareBlogroll:
Wir haben ein Herz für Blogs

Es sind tolle Blogs dort draußen: Der Stylespion bittet zum Linktausch – und wir machen mit bei der Aktion "Ein Herz für Blogs"!

Bloggen: Wenn das Zitat zur Kopie wird

20.4.2009, 27 KommentareBloggen:
Wenn das Zitat zur Kopie wird

Ein langes Zitat, ein kurzer Link und fertig ist der Blogeintrag: Ein aktuelles Beispiel aus der deutschen Blogosphäre zeigt, wo aus einem Quote ein Rip-off wird.

Sechsmal um den Blog: Sechs zum Klicken

16.2.2009, 3 KommentareSechsmal um den Blog:
Sechs zum Klicken

Die regelmäßige Blogschau auf medienlese.com – diesmal mit Zettelkästen, Wort-Schnitzeln, einer Gesprächszentrale und schwarzweißer Untergangssucht.

Täglich eingedampft: US-Politik in 100 Sekunden

4.3.2009, 3 KommentareTäglich eingedampft:
US-Politik in 100 Sekunden

Für Schnelldenker mit wenig Zeit: Montag bis Freitag fassen die Video-Nachrichten "The Day in 100 Seconds" des US-Blogs Talking Points Memo amerikanische Politik zusammen.

\

27.2.2009, 4 Kommentare"Spielzeugland":
Oscar-Kurzfilm im Nachtprogramm

Für "Spielzeugland" hat der Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank einen Oscar bekommen – eine Woche später versenkt die ARD den Kurzfilm im Nachtprogramm.

Internet-Fernsehen: Hulu kappt die Kanäle

19.2.2009, 0 KommentareInternet-Fernsehen:
Hulu kappt die Kanäle

Sendungen der amerikanischen Fernseh-Website Hulu lassen sich nicht mehr über Boxee und TV.com ansehen – die Medienkonzerne begehen Selbstmord auf Raten, findet Andreas Göldi.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

2 Kommentare

  1. Helza
    schrieb am 23. Januar 2007 um 15:02 Uhr (#)

    Dies ist für einmal eine Meisterleistung der Tagesschau-Redaktion. Gute Dinge sind eben oft ganz einfach. Aber man muss halt darauf kommen. O-Ton der Angeklagten. So kann sich für einmal jede und jeder eine eigene Meinung bilden und muss sich nicht nur auf die subjektive Wahrnehmung der Medien stützen, welche die Aussagen filtern. Also, mir gefällts.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 23. Januar 2007 um 15:12 Uhr (#)

    Find ich auch, sf.tv hat so oder so einiges begriffen, auch was Blogs angeht. Gestern hörte ich per Zufall Mario Corti im Echo der Zeit auf Radio DRS. Er sagte sinngemäss, er freue sich auf den Prozess, weil er nun das erste Mail seit fünf Jahren seine Sicht der Dinge darlegen könne. Mario Corti kennt Blogs offenbar nicht.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.