Der schreibende Bundesrat

In der Rubrik BlickAktuell (!) fragt heute die, wie das Facts richtig bemerkt hat, nicht mehr grösste, sondern “stärkste Boulevardzeitung der Schweiz”:

Wie war das mit dem gordischen Knoten, Herr Couchepin?

Pascal Couchepin, Vorsteher des eidgenössischen Departements des Innern, erklärt uns das gerne und erst noch ohne Honorar. Das heisst, das von Blick selbstverständlich ausgerichtete Honorar wird gemeinnützigen Organisationen gespendet.

Seit dem 14.12.2006, als er uns der “Das Linsengericht” erklärte, erscheinen in ungefähr wöchentlichen Abständen Beiträge unter dem Titel “Der Kulturminister schreibt exklusiv im Blick”. Das wird so erklärt:

In einer kleinen Serie schreibt Bundesrat Pascal Couchepin (FDP, 64) im BLICK exklusiv über Redensarten und Volkssprüche. Ausdrücke, die wir im Alltag immer wieder hören oder selbst verwenden, deren Herkunft und Bedeutung uns aber nicht immer klar ist.

Die Frage, ob ein Politiker mit viel Verantwortung und einem übervollen Terminkalender am Sonntag Texte schreiben soll, die das Volk über historische Details aufklären, beantwortet er gleich selbst:

Das ist sehr sinnvoll eingesetzte Zeit. Wenn man sich Gedanken macht und seinen Geist ein wenig öffnet, ist es immer im Interesse der Sache. Das ist gerade in der Politik wichtig. Wer nicht zwischendurch etwas Distanz zu Arbeit gewinnt, ist nicht offen für neue politische Ideen.

Schon nach zwei Folgen der Kolumne konnte die Zeitung vermelden, dass der BLICK-Kolumnist Couchepin das Bundeshaus begeistert. Aber begeistert er auch die Leser? Ja, wie ein Leserbrief vom 14.12.2006 beweist:

Ich freue mich, dass Pascal Couchepin in Ihrer Zeitung alte Begriffe erklärt und damit etwas für die sozial Bedürftigen tut. Es ist auch allerhöchste Zeit dafür. Holt er doch mit seiner Bundesratsarbeit der unteren Mittelschicht und vor allem der ärmeren Bevölkerung der Schweiz schon genug Geld aus der Tasche.

Die Frage, ob Couchepin seine Texte überhaupt selbst schreibt und wenn ja, wann bloss, wie und wo, beantwortet er höchstselbst so:

Übers Wochenende zu Hause im Wallis. Ich werde das weiter so machen: Bei meinem üblichen Spaziergang am Sonntagmorgen überlege ich mir, über was ich schreiben könnte, und anschliessend bringe ich das zu Papier.

Auch wir fragen uns, ob der Version von Blick und Couchepin überhaupt Glauben geschenkt werden kann. Schreibt er seine Texte tatsächlich am Sonntagmorgen nach dem Spaziergang? Schreibt er sie en français und Blick übersetzt sie dann auf deutsch? Und passen die dann immer wunderbar in das vorgefertigte Format? Und sind so unpersönlich, dass sie auch irgendjemand sonst geschrieben haben könnte?

Die NZZ hat diese Frage bereits am 14.12.2006 aufgeklärt:

Nicht erwähnt hat Couchepin, dass ihm für solche Schreibeinsätze Ghostwriter zur Verfügung stehen.

Man könnte ja auch auf die unwahrscheinliche Idee kommen, die Serie sei eine PR-Aktion, um den als arrogant verschrieenen Minister dem Volk beliebt zu machen. Wäre es so, dann müsste man sie als gescheitert sehen, denn Blick-Leser sind nicht bekannt dafür, das Blatt wegen der herausragenden Kulturseite zu kaufen. Der andere kürzlich von den Medien thematisierte Kritikpunkt an Couchepin, das fortgeschrittene Alter, wird mit Fragen, wie man sie dem Grossvater stellt, auch eher gefestigt als aufgehoben.

Der persönliche Anspruch von Couchepin, nämlich mit der Bevölkerung zu kommunizieren, kann nur als sehr einseitig umgesetzt angesehen werden. Da hätten sich ein persönlicher Empfang, ein Chat oder ein Weblog mit Kommentaren vielleicht als die besseren Instrumente erwiesen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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