Sehen so die Nachrichten der Zukunft aus? Daylife.com ist online

Uber-Blogger und Journalismus-Professor Jeff Jarvis & Co entwickeln den News-Aggregator der Zukunft: “Daylife.com”

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Die Schlagzeilen der letzten Tage als verlinkter-Bilder-Katalog, Zusammenstellungen der Berichterstattung zu einem Thema aus verschiedenen Quellen (unter Ausschluss redundanter Artikel) mit interaktiver Statistik über seine Medien- und Blogpräsenz im Verlauf der letzten 30 Tage, prominent plazierte Zitate und eine Galerie der verknüpften Themen geordnet nach Personen, Orten, Firmen und dergleichen: So müssen News im Jahr 2007 präsentiert werden.

Das ist jedenfalls die Ansicht von Journalismus-Koryphäe Jeff Jarvis, Geek-Provokateur Michael Arrington und Uber-Blogger Dave Winer, deren gemeinsam mit der “New York Times” aufgezogenes Newsportal “Daylife.com” seit gestern nachmittag offiziell online ist. (Ein Impressum habe ich auf der Site zwar nicht gefunden, aber in allen bisherigen Abhandlungen über das Projekt wurden sie als Urheber genannt.)

Ist alles ganz schön bunt hier…!

Auf den ersten Blick ist das Portal eine Mischung aus Google News (automatischer Aggregator von Schlagzeilen aus Online-Medien), Yahoo! (von einer Redaktion betreute Schlagzeilen), Technorati (statistische Timeline der Themenerwähnung) und Wikipedia (enzyklopädisch verlinkte Themenstränge).

blog4Die Präsentation ist zunächst überwältigend (nicht nur im guten Sinne). Auf der Homepage (oberstes Bild) werden die wichtigsten Themen des Tages als Bildgalerie aufgeführt, die mit eingeblendeten Schlagzeilen verdeutlicht werden: Eine raffinierte Mischung aus TV-Newsteaser und Frontseite, wobei ein erster Klick auf die kleinen Icons in der Bildlaufleiste das zugehörige Bild öffnet und die Schlagzeile einblendet (und vielfach erst dann klar wird, worum es bei dem Thema geht). Ein Klick auf den Hauptbildschirm öffnet die entsprechende Themenseite, auf der zuoberst die jüngsten Schlagzeilen aus anerkannten Medien und meist ein markantes Zitat aufgeführt werden, während gleichzeitig links und rechts und unten drunter alle erwähnten Elemente (und wahrscheinlich noch mehr) in fast schon erschlagender Vielfalt präsentiert werden.

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“Better News” will “Daylife.com” sein, wobei sich das zweifellos nicht auf den Inhalt bezieht: Der ist nämlich nicht nur genauso ernüchternd hart wie das Leben, sondern er stammt auch durchwegs aus externen Quellen, häufig angereichert mit Getty- und anderen Agenturbildern.

Die News als Nachschlagewerk?

blog5Auch die Links zu den verwandten Themen in den Kategorien “Personen”, “Orte” und so weiter bestehen in Form von Bildern (was bei Personen durchaus Sinn macht), über welche das entsprechende Stichwort gelegt wird.

Wie absurd das aber bisweilen werden kann, zeigt in der nebenstehenden Illustration (entnommen der Aggregator-Seite über den Energiestreit zwischen Weiss- und Russland) nicht nur das Lukaschenko-Bild, auf dem ausser dem Schnauzbart wenig von dem Mann zu sehen ist, sondern vor allem das Bild zum Stichwort “Russland”: Offenbar ist in den USA eine Eishockey-Szene ganz einfach mit dem Zarenreich gleichzusetzen… Im Bild zu “Europäische Union” schliesslich sitzen sich Angela Merkel und George W. Bush gegenüber. Plant Europa den Anschluss der USA?

Das enttäuscht ein bisschen, weil die Erläuterung der Kategorie “Covers” auf der Homepage “Interessante Geschichten aus aller Welt, handverlesen von Daylife” verspricht und damit den Eindruck erweckt, bei “Daylife” handle sich um ein redaktionell betreutes Portal.

Aber schon ein Blick auf die Seite der offenen Stellen bringt etwas mehr Klarheit: Das Startup sucht ausschliesslich nach technischem Personal, Software-Ingenieuren, die noch bessere Such- und Sortiermaschinen bauen, um die ganzen Nachrichteninhalte des Web zu verwursten.

Grade unter der Ägide von Jeff Jarvis, der in seinem Blog “Buzzmachine” seit anderthalb Jahren den Untergang der traditionellen Massenmedien prophezeit und immer wieder auf die “Explosion des Fernsehens” oder die “Implosion der Medien-Infrastruktur ” hinweist (mit meistens sehr beeindruckenden Beispielen) und dabei mit Kritik an den strategischen Entscheidungen der Publishing-Giganten nicht zurückhält, hätte ich mehr erwartet.

“We, too”, aber ein bisschen anders

Von Suchmaschinen zusammengeflickte Stoffe werden nämlich auch dann nicht übersichtlicher, wenn sie mit fast beliebigen Bildern unterlegt und mit ebenso zufällig ausgewählten Quotes aus den Texten verziert werden.

Jeff erklärt in seinem Blog, bei Daylife handle es sich um eine Medienmaschine, die Inhalte für grosse und kleine Dienste im Web via spezieller Schnittstellen bereit halte. Ausserdem biete es eine Analyse darüber, wer wann und wo über welche Themen berichte. “Aber vor allem, und das ist wichtiger, ermöglicht es Euch, die Verbindungen in den Geschichten zwischen Menschen und andern Themen zu sehen. Diese Verbindungen aufzuzeigen ist es, was News ausmacht.” Dem kann ich nur zustimmen, aber ich sehe den Gedanken nicht einmal zur Hälfte umgesetzt: Vor allem die “Analyse” ist nicht viel mehr als eine Statistik über die Berichterstattung zu einem Thema, und das hat mit Relevanz leider überhaupt nichts zu tun.

“Daylife” wird vielleicht dem jugendlichen Anspruch an mehr Vielfalt in der Präsentation der Nachrichten etwas gerechter als die gängigen Newsportale. Was wir aber über kurz oder lang brauchen werden, sind weniger maschinelle und mehr menschliche “Ordner”, welche die Flut an Echtzeit-Gesumse aufdröseln und – ebenso in Echtzeit – eine ständige und dem Wort gerecht werdende Übersicht der relevanten Nachrichten servieren. Was ob all der Begeisterung über den totalen Informationszugang nämlich vergessen geht, den uns das Internet beschert, ist die Überforderung, der wir mangels Gewichtung und Filterung ausgesetzt sind.

Nicht zufällig beobachte ich in meinem persönlichen Umfeld eine erstaunliche Transformation der Gewohnheiten im Medienkonsum: Ehemalige Zeitungsmuffel hängen plötzlich ständig am Bildschirm und ziehen sich via Handy permanent die neusten Schlagzeilen rein - genauso, wie wir Newsjunkies der Medienszene im Prä-Web-Zeitalter ständig die Papierschlangen aus den Fernschreibern gescannt haben; zugleich erklären mir immer mehr Berufskollegen, dass sie ihre Lese-, Fernseh- und Radiohörgewohnheitenzunehmend strikt auf einige verlässliche, analysierende Gefässe konzentrieren.

“Probiert es aus”, schreibt Jeff auf Buzzmachine über Daylife, “es ist wie Popcorn: Man kriegt nicht genug”. Ich finde genau das unbefriedigend. Einer meiner journalistischen Ziehväter hat einst in einem Aufsatz die Entwicklung im Tagesjournalismus hin zum “News-Popcorn” beklagt: Kübelweise kleine, schmackhafte Häppchen ohne jeden Nährwert.

Vielleicht haben meine zum selektiven Konsum bekehrten Kollegen aus der Medienszene einfach schon früher gelernt, dass die journalistische Aufbereitung der Nachrichten nicht aus beliebiger Quantität und möglichst hohem Tempo, sondern aus Qualität und Auswahl und damit Zeitersparnis bei der Aufnahme des Weltgeschehens besteht. Das würde bedeuten, dass sich auch das Massenpublikum über kurz oder lang von der Beliebigkeit des Nachrichtenlärms abwenden wird.

Aber darauf komme ich im dritten Teil meiner Journalismus-Blogging-Diskussion zurück.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 5. Januar 2007 um 10:18 Uhr (#)

    Spannend. Ohne Breitbandverbindung oder mit einem nicht ganz neuen Computer lässt sich das Angebot jedoch nur unbefriedigend nutzen – das ist aber auch kaum die Zielgruppe.

    Lustig, dass auch dieses witzige Bild zu finden ist.

  2. Silent
    schrieb am 5. Januar 2007 um 11:04 Uhr (#)

    Interessantes Angebot.
    So etwas müsste es auch im deutschsprachigem Raum geben oder die bestehenden Newsseiten sollten sich mal bei denen was abschauen.

  3. matthew
    schrieb am 6. Januar 2007 um 01:49 Uhr (#)

    We would like to inform you that your blog has now been added to the Megite index. We kindly invite you to explore Megite’s latest version at http://www.megite.com.

  4. Erich Zimmermann
    schrieb am 8. Januar 2011 um 14:17 Uhr (#)

    Ahmadine, der “Steiniger endlich besiegt
    Ein sketch des Strassentheaters mitspieltheater@googlemail.
    com Dieser unrasierte Penner, der immer noch Sprüche wie
    vor genau 1400 Jahren macht. ist ja eigentlich schon um-
    zingelt.Vom Irak aus könnten ihm die Amis das Lied vom Tod
    spielen, über ihm die Russen Kalaschnikows liefern, die nach hinten losgehen und rechts sitzen die Deutschen in Afghani-
    stan.Doch es geht noch einfacher.Mitspieltheater gab einem
    Ami-Propagandasender den Tipp, doch dem Kellerkind sein
    Sendestudio nachzubauen, inclusive einem “Echten-Falschen
    Ahm-sie wissen schon.Fazit: Berlusconi hat sofort die Rechte gekauft und mitspieltheater@googlemail.com ist leer

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