Blogging vs Journalismus (II):
Öffentlichkeit
Die vierte Macht?
Kurzserie: Was unterscheidet Blogging von Journalismus? Weshalb beklagen sich Blogger, von den Medien nicht ernst genommen zu werden? Welche Wechselwirkungen bestehen?
Der Einfluss des Internet auf die Gesellschaft wird häufig mit dem des Buchdrucks verglichen. Beides hat den Zugang zu Wissen radikal verändert.
Das Internet hat die erste Revolution um mehr als eine Dimension erweitert: Es ermöglicht jedermann den Zugang zur “Öffentlichkeit” von beiden Seiten. Wir sind keine “Lesen-” Kultur mehr, sondern eine “Schreiben und Lesen-Kultur”, wie es Lawrence Lessig ausdrückt (unbedingt empfehlenswert: Sein Buch “Freie Kultur”).
Wir haben nicht nur plötzlich auf Knopfdruck Zugriff zum Weltwissen und können uns Minuten nach einem Ereignis bereits die ersten Videos darüber auf Youtube angucken. Plötzlich sind wir alle Verleger, Redaktoren, Filmverleiher oder Analysten. Wenn ich mich hier auf Blogger und Journalisten konzentriere, dann nimmt das Internet den Medienleuten einen Teil ihrer “Gatekeeper”-Funktion weg und verleiht ein bisschen was davon allen, die Lust haben, ein Blog zu schreiben.
Die “Vierte Macht” ist plötzlich mächtiger, aber sie liegt nicht mehr in den Händen einiger weniger. “Macht” wird in diesem Zusammenhang mit “Öffentlichkeit” gleichgesetzt: Wer Zugang zu “den Massen” hat, kann sie für eine Sache mobilisieren.
Und hier liegt das Missverständnis. Die eigentliche “Macht” lag nämlich schon immer bei “den Massen” und nicht bei jenen, die als Gatekeeper funktionierten. Nur weil jemand die Menge an “Öffentlichkeit” beeinflussen kann, das eine Sache hat, heisst das noch lange nicht, dass er auch kontrolliert, was das Publikum damit anfängt.
Das haben viele Zeitungen schmerzhaft erfahren, die sich in Kampagnenjournalismus versuchten (in diesem Zusammenhang ist eine klare Grenze zu ziehen zwischen Journalismus und Propaganda, die keinerlei Wahrheit oder Faktentreue verpflichtet ist!). In der Regel hat sich dabei gezeigt, dass Medien wohl eine vorhandene Stimmung anheizen, sie aber nicht in eine bestimmte Richtung umlenken können.
Die gleiche Lektion lernen jetzt etliche Blogger, die ein bisschen mit dem neuen, wundersamen Ding namens “Öffentlichkeit” herumexperimentieren, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen.
Der Aggregatszustand “Öffentlichkeit”
Darin besteht (noch) ein grosser Unterschied zwischen den Profis der Informationbranche (wozu ich Journalisten genause wie professionelle Blogger, PR- und Werbeleute zähle) und der Mehrheit der Blogger: Im Wissen um die Natur und in der Erfahrung im Umgang mit “Öffentlichkeit”.
Bei ihr handelt es sich nämlich um eine delikate Sache: Sie verleiht keine “Macht”, sondern sie überführt wenig bekannte Fakten, Kenntnisse, aber auch persönliche Meinungen und Interpretationen in einen sehr instabilen Aggregatszustand, der nicht mehr zu kontrollieren ist. Bisweilen kommt es zu heftigen Reaktionen, durch welche die Urheber genauso wie Unbeteiligte zu Schaden kommen können.
Medienleute wissen darum. Eine publizierte Geschichte kann nicht zurückgenommen werden. Fehler können verheerend sein, und bisweilen ist es auch ein Fehler, vollkommen richtige Tatsachen in den Aggregatszustand der “Öffentlichkeit” zu überführen. Es braucht etwas mehr als nur Wahrheit, um das Kriterium der “New York Times” für einen Abdruck (“All the news that’s fit to print”) zu erfüllen. Man könnte es unter dem Stichwort “Relevanz” zusammenfassen (mehr dazu in einem separaten Posting).
Es war nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Verantwortung der Journaille, die Türsteher (“Gatekeeper”) der Information zu sein. Ich schreibe war, weil das Internet die Exklusivität aufgelöst und uns allen den freien Zugang zur “Öffentlichkeit” verliehen hat. Das Privileg nehmen wir sehr wohl wahr, aber viele von uns verkennen die Kehrseite der Medaille – die Verantwortung. Dazu gehört einerseits, die Fakten einer Geschichte zu überprüfen, aber genauso, die Relevanz und die Konsequenzen der Publikation gewisser Details abzuschätzen.
Unbedachte Publikationen können Existenzen und Leben gefährden. Damit hat sich der Reporter der Lokalzeitung genauso auseinander zu setzen wie die Kriegsberichterstatterin – und jetzt eben auch die Blogger. Das geht, meiner Meinung nach, so weit, dass Medienleute ihre Quellen nicht nur vor der Willkür von Behörden und Volkszorn, sondern bisweilen vor sich selber schützen müssen. Denn so mancher Informant hat keine oder völlig falsche Vorstellungen davon, wie ihm geschehen kann, wenn er plötzlich im Zentrum einer Geschichte steht. Es gehört zur Medienethik, diese Abwägung zwischen dem Nutzen einer Information für alle und dem Schaden für einzelne Betroffene vor jeder Veröffentlichung zu machen.
Das Internet hat diese heikle Entscheidfindung leider bereits auch in den Mainstream-Medien stark aufgeweicht. Früher musste in vielen zweifelhaften Fällen die Konkurrenz als Entschuldigung für eine fragwürdige Veröffentlichung herhalten – “Wenn wir nicht damit rausgekommen wären, hätten die’s gebracht”. Heute besteht die Konkurrenz theoretisch aus ein paar Dutzend Millionen Bloggern. Und zunehmend wird alles, was geschieht, “öffentlich”, weil irgendjemand darüber bloggt.
Das Internet hat den Risiken und Nebenwirkungen von “Öffentlichkeit” aber noch einen Faktor hinzugefügt – das totale Archiv. In der alten Medienwelt waren Archive ein Instrument für die wenigen Auserwählten, die Zugriff darauf hatten; sie wurden bewirtschaftet und Fehler so korrigiert, dass sie später nicht wiederholt wurden (in kurzen Memos, die mit der Geschichte abgelegt wurden). Heute ist (fast) jede Veröffentlichung Minuten nach der Publikation in diversen Suchmaschinen zwischengespeichert; Webseite lassen sich zwar löschen, aber Inhalte lassen sich nie mehr zurücknehmen. Egal ob etwas falsch, privat, rufschädigend, gestohlen oder ganz einfach dumm ist: Das alles ist dem Internet als kollektivem Gedächtnis der Gesellschaft vollkommen einerlei.
Für Betroffene hingegen ist es bisweilen ein Albtraum. Und je mehr Menschen von der unkontrollierten, unbedacht angewandten “Öffentlichkeit” betroffen werden, desto mehr wird sich das in Misstrauen, Kameraverboten, Non-Disclosure-Agreements, abgeschalteten Wifi-Netzen und schweigenden Auskunftspersonen ausdrücken. Die wachsende “Technische Öffentlichkeit” könnte also zu einem Rückgang der realen führen.
Einziges Mittel, dies zu verhindern, ist der verantwortungsvolle Umgang mit der bisher den Medien vorbehaltenen Ressource – und das war niemals “Information”, sondern es war “Öffentlichkeit”.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.













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Sehr interessanter Beitrag. EDemokratie und Co. haben mit Fair Blogging erste ethische Regeln fürs Bloggen aufgestellt. Der hier dargelegte Aspekt, das Interesse an der Veröffentlichung und das Interesse am Schutz der Betroffenen abzuwägen, könnte eine eine weitere wichtige Regel sein.
Da hast Du Dir ziemlich grundlegende Gedanken gemacht, spannend und nachvollziehbar. Und ich ertappe mich dabei, das für einen Blog zu gut zu finden :) Das gehört gedruckt … in solchen Momenten merkt man, dass man alt geworden ist. Wie Michael Ringier, der in der Migros-Zeitung verkündet, dass er entgegen dem eigenen Empfinden in den Markt für Gratiszeitungen eingestiegen ist, weil das nicht mehr anders gehe … Du bist deutlich aufgeschlossener, gratuliere!
Schön reflektiert und wunderbar geschrieben, die beiden Postings! Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Meine spontanen nächtlichen Gedanken dazu:
Vorweg: bei Diskussionen mit ehemaligen Medienwissenschafts-Studi-Gschpänlis – die teils auch mit Peter Sennhauser zusammen gearbeitet haben… da war Dein Einfluss leider nicht so gross :) – ist auffällig, dass ich fast der einzige bin, der Blogs als Informationsquelle nutzt und ernst nimmt bzw. selbst bloggt. Eine gestandene politische Journalistin liess beispielsweise keine Zweifel offen, dass sie Blogs eine Randerscheinung einiger Freaks hält und damit keine Sekunde ihrer kostbaren Zeit verschwendet. (Sie möge mir verzeihen, wenn ich dies allzu pointiert widergebe.)
Nun zu Deinem Ausgangspunkt: Als Ex- bzw. Manchmalnochsporadisch-Journalist fällt es mir – und vielen anderen hier – leichter als zum Beispiel diesem Dave Gordan/Büttler, ihr Tun einzuordnen. Drum sollten wir solche \”Basis-Blogger\” IMHO mit etwas mehr Nachsicht behandeln. Bleiben wir bei diesem Beispiel: Ich halte seine Beiträge grösstenteils für verquer, doch sein System nicht für parout schlecht, auch wenn er *natürlich* schneller reagieren sollte und er das Spiel \”…werde ich Ihre Antwort bloggen\” gar penetrant betreibt (und wohl bei einigen Organisationen auf einer Nerd-Blacklist steht – wie ich vermutlich auch, nebenbei gesagt). Aber auch einem Blogger billige ich zu, dass er mal ein verlängertes Weekend ohne Compi machen darf, und gutmütig wie ich bin, denke ich, hat er die Kommentarfunktion womöglich sogar wegen Spamming vorübergehend deaktiviert, bis er z.B. SpamKarma installiert hat. Dass er viele kleine Missstände aufdeckt und aktiv zur Diskussion auffordert, wenn auch ungelenk, begrüsse ich! So finde ich das immer noch besser als all die vielen superengagierten Leute, die sich über dieses und jenes nerven, aber genau nichts tun. So wird sich nie etwas ändern.
A propos ändern – ich denke, Blogging und Journalismus überschneiden sich vorweg im anwaltschaftlichen Bereich: Blogs als Minikassenstürzli, als Sicht der schlechtem Service ausgesetzen Konsumierenden – cool. Da sind Blogs doch viel praktischer als das gute alte statische HTML aus der Netzsteinzeit. Gerade hierzulande ist die Tendenz, dass man gewissen Leuten auf die Finger schaut und eventuell auch haut, nur positiv. Eigenwerbung: Beizen, die für Hahnenwasser was heuschen. Provider, die schlecht kommunizieren. Oder mit Augenzwinkern: Die Migros, die einen in meinem Bekanntenkreis beliebten Sirup aus dem Sortiment kippt.
Die meisten \”kleinen, aber seriösen\” Blogger sind sich der beschränkten Wirkung ihres Tuns sicher bewusst (mal abgesehen davon, dass man mit einer geschickten Titelsetzung seine Position in Google bei bestimmten Wortkombinationen massiv boosten kann). Sie haben wie ich primär Freude am Schreiben, auch an der Selbstdarstellung, sind womöglich liebenswerte, kreative Narzissten. Sie sind manchmal naiv und rechnen nicht mit einer breiten Publicity, auch wenn sie sie insgeheim erhoffen. Wenn \”heute\” sich auf den Schlips getreten fühlt und dann einen Kritiker hemmungslos entblösst, finde ich das darum geschmacklos. Selber Schuld, könnte man sagen – aber dass man gewisse Typen vielleicht auch ein wenig vor sich selbst schützen muss, Internet hin oder her, darauf kommen die Ringier-Mannen natürlich nicht. Du tönst das so ähnlich ja auch an.
Im Allgemeinen habe ich aber den Eindruck, dass die überwiegende Mehrheit jener, die mit diesem \”wundersamen Ding namens \”Öffentlichkeit\” herumexperimentieren\” sich über die Konsequenzen sehr wohl Gedanken macht. Zumindest in den Blogs, die ich lese. Sorgen mache ich mir höchstens um Teenies, die wie viele meiner jüngeren Verwandten unbedacht bestimmte Fotos ins Netz stellen und allerlei Privates preisgeben – derzeit denke ich eher, dass wir nicht mit \”Kameraverboten, Non-Disclosure-Agreements, abgeschalteten Wifi-Netzen\” rechnen müssen, sondern eher mit dem Gegenteil, wenn ich mir die kommende Generation anschaue. Was daraus resultieren könnte, ist eine weitere Segregierung der Gesellschaft in solche, die bei diesem Spiel mitmachen und jenen, denen es ablöscht. (Konret auf Blogs bezogen wird man wird aber auch in 50 Jahren noch wunderbar \”ohne\” leben können, da gebe ich meiner eingangs erwähnten Kollegin sogar recht.)
Bezüglich \”Existenzen gefährden\”: Bei Dienstleistungen bin ich der Ansicht, dass man durchaus gnadenlos sein darf – so lange man ehrlich ist und niemanden prinzipiell in die Pfanne hauen, sondern eine bessere Dienstleistung bewirken will. Mit Blogs verwandt sind Bewertungsportale. Der San Francisco Chronicle veröffentlichte im September einen interessanten Artikel dazu – ich habe anlässlich meiner letzten Reise Hotels nur anhand solcher Portale ausgewählt und lag nie daneben. Dass die Hoteliers auf meine eigenen Kritiken stets aufwändig antworteten, wird mich dazu bewegen, ihre Etablissements das nächste Mal wieder aufzusuchen.
Blogging und verwandte Techniken sind zweifellos persönlicher und unmittelbarer als Journalismus – das mag banal klingen, ist aber für das Handeln bestimmter Menschtypen wichtig: Ich zum Beispiel bewerte Ehrlichkeit hoch – wenn mir ein Beizer in einem Blog-Reply glaubhaft darlegen kann, warum er für Hahnenwasser Geld will, besuche ich sein Lokal wieder, auch wenn ich das im Prinzip Unsinn finde. Im Journalismus ist eine solche Reaktion oft unmöglich oder gar kontraproduktiv (Gegendarstellung, korrigierender Leserbrief).
Als Blogger nehme ich andere Rollen ein denn als Journalist. Diesen Perspektivenwechsel finde ich spannend – und zugleich irreführend: Auch wenn die klassischen Medien im Altpapier verschwinden oder rasch verhallen, werden sie höher gewichtet; was nach heutigem Kenntnisstand aber auf lange, lange Zeit offen auffindbar sein wird, sind die Millionen von Blog-Einträgen – zumal die meisten Medienarchive kostenpflichtig sind. Nur lässt sich dummerweise der Wahrheitsgehalt der Geschichten schlecht prüfen.
Damit zu einem weiteren Unterschied: Das Gefühl im Bauch beim Bloggen ist ein ganz anderes als wenn ich einen journalistischen Beitrag texte. Es ist dasjenige, das ich hatte, als ich zwischen 10 und 16 eine eigene Schülerzeitung hatte – wobei es grösstenteils eine Plattform war, persönliche Geschichten erzählen zu können. (Dass dabei ein nettes Schulbenteuer-Archiv entstand, ist eine angenehme Nebensache für Klassentreffen.) Das Schöne am Bloggen ist, dass ich gewisse journalistische Maximen ausser Kraft setzen darf: Ich bin weder Kürze noch Relevanz verpflichtet, ich muss nicht alle Facts hieb- und stichfest abklären, solange ich sicher bin, dass ich nicht einen völligen Habakuk schreibe oder jemanden ungerechtfertigt denunziere.
Diese Antwort hier ist das klassische Beispiel: Sie kann per se kein journalistischer Text sein, müsste aber – um den Anstrich zu bekommen – massiv redigiert, gekürzt und stringenter gestaltet werden. Ich müsste gewisse Aussagen mit Fakten und Quellen untermauern können. In einem Blog darf ich dennoch auf \”Jetzt posten\” klicken, denn ich gehe davon aus, dass mein kritisches Publikum sich dessen bewusst ist.
Wenn mir also jemand anonym vorwirft \”das ist doch selbst für einen Blogger sehr fahrlässig recherchiert\”, so kann selbst ich als Sensibelchen lachen und locker sagen: Mein lieber, das hier ist kein Journalismus, das ist ein Blog – und da darf ich auch ein klein wenig unpräzise sein. Wohlwissend, dass ich als Schurni lieber einmal zuviel angerufen hätte. In so einem Fall eines anonymen Nörglers poste ich auch sehr gerne mal den IP-Adressen-Background des Betreffenden, auch wenn das an der Grenze sein mag.
Kodizes wie diese finde ich gut und schön, schliesslich gibt es auch die \”Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten\”. Dennoch hab ich irgendwie eine Abneigung dagegen, meinen Namen unter solche Erklärungen zu setzen – ich kann auch nicht so recht sagen, warum. Vielleicht, weil sie letztlich nur Papiertiger sind und eigentlich selbstverständlich sein sollten. Aber hey: Why not.
Was tun aber Nichtblogger anno 2006 mit Blogs? Aus dem Nähkästchen weitergeplaudert: Lustig war der Fall \”Swisscom-SMS-Spam\”, als sich zuerst eine Directories-Mitarbeiterin vermeintlich anonym mit einem Reply meldete und den Fall ungelenk verharmloste. Daraufhin meldete sich der Pressesprecher mit einem auch nicht ganz souveränen Richtigstellungsversuch, und schliesslich äusserte sich auch noch der Verantwortliche für besagte SMS-Aktion, allerdings nur via Mail – jedoch einwilligend, dass ich es im Blog veröffentliche, denn unter uns gesagt war ich zumindest ein klein wenig stolz, soviel Staub aufgewirbelt zu haben. (Immer mit dem Hintergedanken, dass sich die Leute vor dem nächsten Massen-SMS-Versand einmal mehr überlegen, ob das sinnvoll sei.)
Das führt mich zur Belustigung über die Unfähigkeit vieler hierzulande, eine Antwort direkt in ein Blog zu schreiben statt über E-Mail zu antworten, was ebenfalls darauf hindeutet, dass \”Netzophile\” in der Blogosphäre noch weitgehend unter sich sind. Bis auf den Directories-Sprecher – und auch er schien sich redlich Mühe zu geben, noch eine coole Schlusspointe nachzuwerfen – brachte es niemand der Kritisierten fertig, direkt in einen Blog-Dialog zu treten.
Immerhin – ein kleines Ziel ist erreicht, wie schon kurz angedeutet: Aus der Abrufstatistik meines Blogs schliesse ich, dass dank der Google-Platzierung unter den Top 5 bei der Eingabe einschlägiger Begriffe mehr Leute als bisher für die Problematiken sensibilisiert werden, die ich veröffentliche.
Mein Fazit: Blogging ist nicht Journalismus, allein das Urwort \”Weblog\” impliziert, dass ein Blog näher am klassischen Tagebuch ist. Es gibt aber viele Überschneidungen zum Journalismus. Blogger sind in der Regel Medienkonsumierende und haben sich so zumindest ein \”Halbwissen\” über gewisse journalistische Grundregeln angesammelt. Ich sehe Blogging als unterhaltsame interaktive Ergänzung der klassischen Medien, die jedoch primär jene erreicht, die eh schon den ganzen Tag am Bildschirm hocken oder die zufällig via Suchmaschinen auf einen Blog stossen – zumindest in Europa, Stand Anfang 21. Jahrhundert.
Wer oder was ist denn diese “Öffentlichkeit”? Wenn das Times-Magazin zur ‘Person of the Year’ den oder die Internet-NutzerIn wählt, ist das dann die “Öffentlichkeit” oder ist das eher eine eng umrissene Zielgruppe, die genügend Zeit und Wissen hat sich durch die einschlägigen Blogs zu wühlen, einen RSS-Feed in ihrer Syndizierungs-Software abonniert hat und so direkt an dieser Form von Journalismus teilnimmt?
Ich habe grosse Mühe damit wenn hier vom freien Zugang zur “Öffentlichkeit” gesprochen wird. Dies entspringt doch einer recht naiven Vorstellung über den ‘digitalen alphabetismus’ dieser “Öffentlichkeit”. Es ist wohl eher eine ‘Parallel-Öffentlichkeit’ die sehr wohl existiert, sich aber soziografisch klar abgrenzen lässt (digital divide) und eben nur eine kleine Teilmenge “Öffentlichkeit” darstellt.
Auf der anderen Seite kann das Instrument der Blogs sehr wohl Journalismus in klassischer Reinkultur bieten, aber ich beobachte, dass die wenigsten Tageszeitungen und Journalisten dies auch wirklich verstanden haben.
Viele scheinen nicht kapiert zu haben, dass Bloggen der Urform des Journalismus entspricht und bis zum 1. Weltkrieg in allen Tageszeitungen praktiziert wurde: der Meinungsjournalismus. Deshalb ist der Titel dieses Blogs ‘Blogging vs. Journalismus’ ein klassisches Beispiel dieses Missverständnisses.
Lieber Sultan
Herzlichen Dank für Deine Einwände. Ich erlaub mir eine Replik:
1. Den digital divide halte ich in der westlichen Welt für ein politisches Modewort, das mit der nächsten Generation hinfällig wird. Ich rede hier nicht von der weltweiten Situation, aber in jenen Ländern, in denen mehr Handies, PC und Viderekorder als Menschen vorhanden sind, ist der Begriff doch ein etwas angestrengtes Relikt aus der klassenkämpferischen Mottenkiste. Der Zugang zur Öffentlichkeit des Internet ist jedenfalls sehr viel grösser als allein der passive Zugang zur relevanten Öffentlichkeit der enrstzunehmenden Medien in einer Gesellschaft je war.
2. Ich halte, genauso wie Du, den angeblichen Graben zwischen Blogging und Journalismus für ein Produkt der verzweifelten Abgrenzungsversuche meines Berufsstandes. Er fusst derzeit noch auf dem idiotischen Anspruch, dass journalismus “objektiv” und “wahrheitsgetreu” sei – im Gegensatz zum “meinungsverseuchten” Blogging. (Ich würde die Argumentation gelten lassen, dass Journalismus “professionell” ist – aber das gilt inzwischen auch schon für viele Blogger, jedenfalls hier in den USA). Dass das völliger Humbug ist, weil schon die Einstufung eines Ereignisses als “newswürdig” einem Kommentar gleichkommt, manifestiert sich im Zeitalter des Blogging – in dem die Gatekeeper-Funktion der Medien dank der Verfügbarkeit von “Öffentlichkeit” für jedermann aufgebrochen wird – deutlicher denn je; dass der Journalismus seine Wurzeln in der persönlich gefärbten Chronik verleugnet ist in der Tat eine Zeiterscheinung, über die wir hoffentlich dank der neuen Medienwelt bald hinwegkommen. Anzeichen dafür gibt es: In den USA haben alle grossen TV-Networks die quotensteigende Wirkung von politisch klar positionierbaren “Anchors” und rein kommenatrbasierten Sendungen entdeckt (CNN Lou Dobbs, Fox news Bill O’Reilly, MSNBC Keith Olbermann). Ich denke, die Medienkonvergenz ist keineswegs eine rein technische Erscheinung – sie prägt bereits die Form und die Inhalte. Das ist allerdings ein grund mehr, über diese Auswirkungen nachzudenken.
Insofern ist der Titel “Blogging vs Journalismus” durchaus ironisch gemeint.
@Peter:
Zu 1): Den ‘digital divide’ erlebe ich in meinem, universitär gebildeten, Umfeld hautnah: kaum eineR weiss wie man einen RSS-Feed abonniert (essentiell um tatsächlich von Blogs profitieren zu können). Meine Mutter (Sehr belesen, politisch interessiert, kulturell am Puls der Zeit) kann knapp eine E-Mail verfassen. Von ‘bloggern’ hat sie höchstens im “Echo der Zeit” mal gehört. In der Stadt Bern werden für Senioren Kurse im Umgang mit dem Internet angeboten. Hier hast du den ‘digital divide’ real: die heute 60-70 Jährigen werden noch 20 Jahre lang die Entscheidungen dieser Demokratie und Ökonomie mitbestimmen (und das zahlreich wenn man die Altersverteilung bei Abstimmungen anschaut). Die junge Generation glänzt hierzulande mit einem erschreckenden Bildungsniveau. Der Besitz eines Handy bedeutet noch lange nicht, dass jemand den ‘digital divide’ aufgehoben hat. Wir müssen aufpassen nicht in eine elitäre Vorstellung von diesem ‘Zugang zum Netz’ zu abzudriften. Wir sind vielleicht am Puls des Blogging-Hypes, aber wir sind nicht der Nabel der Informationsgesellschaft.
Zu 2.) Da zeigt sich wohl ein deutlicher Unterschied zwischen US of A und der CH: ich beobachte in der hiesigen Medienszene ein angeborenes Misstrauen gegenüber jedwelchem kommentieren. Ein Autorenjournalismus fristet oft ebenso ein Mauerblümchendasein (es gibt Ausnahmen!). Ich habe in der SF-Tagesschau noch nie einen Kommentar gesehen (ganz anders bereits in Deutschland). Ich gehe hier voll mit dir einig: eine solche konservative Haltung macht blind für den tatsächlichen journalistischen Wert von Blogs. Wer diese generell als ‘Tagebücher’ und nicht ‘Journalismus’ abtut, würde wohl auch die Tagebücher Martin Walsers als ‘nicht-Literatur’ bezeichnen.
@sultan:
zu 2.)
Ich denke, die Scheu vor dem kommentar und dem subjektiven Journalismus in der Schweiz rührt zu einem guten Teil von den “Staatsmedien”, das heisst, dem service public der srg ssr idée suisse (für die ich als Radiojournalist auch arbeite). Solange die elektronischen Leitmedien die gebührenfinanzierten Sender sind, wird diese Zurückhaltung verständlicherweise bleiben. Dass von den Privaten niemand ernsthaft in die Lücke springt, zeigt vor allem, dass es die “öffentlich-rechtlichen” weiterhin braucht. Gleichzeitig können wir ja beobachten, dass die einzigen Printmedien, die ein wenig anziehen in der Richtung eben die provokativen neuen Bastarde sind, wie etwa die Weltwoche. Die Gratisblättchen setzen dagegen auf Einschaltquoten, wie die elektronischen Privatmedien. Viele Themen schaffen es nur in die Printausgabe, weil tagsüber genügend Leute auf die Weblinks geklickt haben … die Bloggerei wird da auch Veränderungen bringen. Nur schon, weil jeder von uns sich seine Gewährsblogger zulegt.
zu 1.) Der Digital Divide existiert und er wird weiter existieren, zumal viele der Generation nach uns zwar mit PC und Internet aufgewachsen sind, sich aber einen Deut darum scheren, was ausserhalb von Gothic III da noch zu holen wäre. Das macht aber nichts, weil die Situation vor 20 und vor hundert Jahren schon genau gleich war. Alle hätten Zeitung lesen können, 10% Prozenht haben es tatsächlich getan.
Soeben war ich selbst von Erfindungen in einem Internetforum betroffen – nichts Weltbewegendes, aber doch ein Indiz, wo Journalismus aufhört und Blogging beginnt. Doch leset selbst…
@andi: seit wann ist die definiton von journalismus ‘double check the facts’? bei facts wohl? an der yale university of tschörnalism? oder wolltest du damit nur sagen, dass das nur für englischsprachige journalisten gilt (was ein grober schnitzer wäre)?
wenn ich im netz die gängigen definitionen für journalismus abrufe, findet sich von fakten-huberei grad mal sehr wenig. nicht vergessen: journalismus kann vieles sein und wird in tausend unterkategorien geteilt. die reduzierung auf korrekte faktenlage ist wohl ein recht traditionelles journalistisches ‘weltbild’ und wird seit den 60er jahren (vor allem in den US of A) stark durchbrochen (‘new journalism’). siehe dazu auch den sehr guten artikel von Oliver Meier: http://medienheft.ch/krit…k22_MeierOliver.html
ein guter rutsch allen!
@sultan: Journalismus beinhaltet sicher auch eher die Korrektur von Akkusativ-Fehlern als im Blogging :) Auch ein frohes neues Jahr!
Habe ich je Journalismus definieren wollen? Nicht wirklich. Aber wie ich oben schon dargelegt habe, ist das für mich einer der Hauptunterschiede zwischen Blogging und… gut, sagen wirs präziser: Nachrichtenjournalismus. Klar, dass dies auf andere journalistische Genres weniger zutrifft.