Blogging vs Journalismus (I):
Spielregeln

Wer Ultimaten stellt, hat sie gefälligst einzuhalten

Kurzserie: Was unterscheidet Blogging von Journalismus? Weshalb beklagen sich Blogger, von den Medien nicht ernst genommen zu werden? Welche Wechselwirkungen bestehen?

Der Mann empört sich über die “unreflektierte Weise”, in der ein Radiobeitrag angeblich Sexualität diskutiert, er regt sich auf über die “Pornografisierung des Alltags” und “Doppelmoral” und unterstellt dem Journalisten, die traditionelle Zweierbeziehung herabzuwürdigen. Er verlangt eine Antwort des Radioredaktors und erklärt, er werde diese in seinem Blog veröffentlichen.

Der Radioredaktor nimmt sich die Zeit für eine ausführliche Antwort und schickt sie dem Blogger. Er wartet einen, zwei, drei Tage auf die Publikation, dann versucht er, einen Kommentar zum Blog zu setzen – nur um festzustellen, dass die Kommentarfunktion des Blogs gesperrt ist.

Der Mann ist Blogger Dave Büttler, der sich über die Besprechung des (für jugendliche nicht freigegebenen) Films “Shortbus” auf dem Kultursender DRS2 durch Filmredaktor (und meinen Bruder) Michael Sennhauser am 24. November aufregte. Inzwischen – fünf Tage nach Versand! – postet Büttler die Antwort.

Der Inhalt der Diskussion – obwohl interessant – tut hier nichts zur Sache. Es ist die Form, die Anlass für ein paar Einwürfe gibt.

Spielregeln

Büttlers Beitrag ist keine Kritik der Sendung (wozu heute nicht nur jede und jeder das Recht, sondern grossartigerweise auch die Möglichkeit hat), sondern eine abstruse Mischung von ultimativer Aufforderung zur Stellungnahme und Diskussionsangebot (der Blogger findet, der Gegenstand der Diskussion sei von öffentlichem Interesse, weshalb er die Antwort bloggen werde).

Das ist heuchlerisch. Der Kritiker spiegelt dem Publikum vor, sich um eine Diskussion zu bemühen, wartet aber nicht auf die Argumente des Kritisierten. Mit dem “Ultimatum” setzt er noch einen oben drauf: Keine Antwort des Radiojournalisten wäre ein weiterer Kritikpunkt. Wenn schliesslich die Replik unterdrückt wird (indem sie nicht postwendend publiziert wird), wird zum Schluss auch noch das Publikum angelogen, das keinerlei Kenntnis von der vorliegenden Antwort hat. Die Fairness war schon zu Beginn der Geschichte erledigt, jetzt ist die Glaubwürdigkeit auch dahin.

Journalismus ist nicht immer fair, aber zumindest wissen Medienprofis, was sie mit ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Deswegen gibt es im Journalismus klare Formen: Das Publikum weiss genau so wie der Kritisierte, was von einem Beitrag zu halten ist. Kommentare sind einseitige Einschätzungen, die aber weder eine Replik erwarten lassen noch irgendwie implizieren, dass der Kritisierte ein Gespräch verweigert habe; Konfliktberichte hingegen geben allen Beteiligten vor der Veröffentlichung Gelegenheit, ihre Argumente darzulegen und/oder machen transparent, dass jemand dies nicht tun wollte oder nicht erreichbar war. Im Zentrum stehen

Fairness und Transparenz

Ein Medium, das diese beiden Punkte systematisch verletzt, verliert das Vertrauen des Publikums. Das heisst nicht, dass es innerhalb dieses Rahmens nicht Spielarten gibt, dass nicht Anstand, Sorgfalt und Sachkompetenz auch eine Rolle spielen. Aber ohne Fairness und Transparenz ist die Glaubwürdigkeit dahin und damit ein Dialog unmöglich. Informationsprofis wissen das und halten sich deswegen an relativ klare Regeln, die jedem Journalisten, jedem PR- und jedem Werbeprofi im Laufe der Ausbildung vermittelt werden (sollten). Wer in der Informationsbranche mit schmutzigen Tricks arbeitet, kann kurzfristig sehr viel erreichen, aber er wird es (heute noch weniger als früher) nicht lang überleben.

Die Eigenheit des journalistischen Regelwerks besteht darin, dass es ausser den Journalisten niemand wirklich im Detail beherrschen muss: Die Werte, die es stützt, werden intuitiv und durch ein traditionelles “Medienverständnis” vermittelt, das sich das Publikum einverleibt hat (schon mal den Begriff “journalistische Sorgfaltspflicht” gehört? Er ist weniger in Lehrbüchern als in Leserbriefen zu finden).

Mit der Blogosphäre ist jetzt aber ein neues “Medium” entstanden, dessen “Mitarbeiter” sich der versteckten Regelwerke nicht bewusst sind. Man kann argumentieren, dass es sie für das “Tagebuch des Katers Schnurrli” auch nicht braucht. Und man könnte argumentieren, dass Blogs eigene Regeln aufstellen können und dass wir ein aufregendes Zeitalter voller neuer Möglichkeiten betreten.

Das ändert nichts daran, dass Regeln nötig werden, denn die treibende Kraft hinter der Transformation der Medienwelt sind weder neue Plattformen noch neue Publizisten, sondern es ist das Publikum, das entscheidet, was es konsumieren und woran es sich beteiligen will. Es tut dies im Rahmen seiner Medienkompetenz – der Erfahrung mit den bestehenden, bewährten Regeln, die sich nur langsam anpassen. Und egal wo die Reise hinführt: Im Zentrum dieses Regelwerks werden immer zwei Dinge stehen: Transparenz und Fairness.

Wer sein Blog auf Zukunftsfähigkeit abklopfen will, braucht nur diese beiden Kriterien anzuwenden. Und dann wird er entweder auf Ultimaten verzichten oder sie einhalten, er wird die Kommentarfunktion aktivieren, die richtigen Daten zu den Postings schreiben – oder akzeptieren müssen, dass er der Klowand des Internet zugerechnet wird.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Krusenstern
    schrieb am 2. Dezember 2006 um 18:46 Uhr (#)

    Gut reflektiert! Aber wie soll man das durchsetzen in einem Medium, das (noch) keines sein will und dessen Protagonisten oft sogar stolz darauf sind, die journalistischen Spielregeln im Sch(m)utz der Anonymität nicht einzuhalten?

    Jürg

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 4. Dezember 2006 um 09:32 Uhr (#)

    Danke, Jürg.
    Ich glaub, niemand muss irgendwas durchsetzen. Die Regeln werden sich von selbst ergeben. Der Prozess hat längst eingesetzt. Allerdings verändern sich auch die Regeln für den Journalismus, teils zum Guten, teils zum Schlechten – ich komme morgen darauf zurück.
    PS: Tolles zweisprachiges Blog!

  3. Dave Gordan
    schrieb am 7. Januar 2007 um 21:30 Uhr (#)

    Allegra. Bin ich jetzt etwas schwer von Begriff oder verstehe ich die Kritik vorallem daran, dass ich nicht genügend schnell geantwortet habe? Muss man jetzt einen Internet fähigen Notebook mitnehmen wenn man in die Wanderferien in die Berge geht? Wie kommen Sie auf die Idee dass mein Blog eine “ultimative Aufforderung zur Stellungnahme und Diskussionsangebot” sein soll?

    frohe Grüsse
    Der Mann vom Dave-Gordan BLOG

  4. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 9. Januar 2007 um 01:00 Uhr (#)

    Mein Lieber “Mann vom Dave Gordan BLOG”:

    Mit blogging hat das eigentlich nicht mal so viel zu tun – es ist schlicht ein Gebot des guten, altmodischen Anstandes, eine öffentlich eingeforderte Antwort (das nenne ich ein Ultimatum), die binnen kaum zweier Tage auch eintrifft, in eben dieser Zeit auch zu publizieren oder, wenn denn da eine Bergwanderung dazwischen kommt, wenigstens in der späten Veröffentlichung das Eingangsdatum zu erwähnen, damit die geneigte Leserschaft auch die transparente Antwort auf die Frage hat, wie schnell der Radiomann geantwortet hat.

    Ich komme auf die Idee, dass Ihr Blog ein Diskussionsangebot ist, weil das die Natur des Blogs ist.

    Und wer nicht diskutieren will, sollte keine Antwort verlangen. Ist eigentlich ganz simpel, ja?

  5. Dave Gordan
    schrieb am 9. Januar 2007 um 08:57 Uhr (#)

    Aha! Nun ich werde das nächste Mal das Eingangsdatum erwähnen. Grüsse Dave-Gordan

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