Blick grenzt sich von Bloggern ab

Blick bringt einen Blogeintrag von Kurt Aeschbacher auf die Titelseite, grenzt in einem Kommentar Blogger von Journalisten ab und geht neue Wege im Onlinebereich.

“Beim Blick soll sich vieles ändern.” hiess es gestern bei persoenlich.com. Man mache sich “sehr weitgehende Gedanken” über die Zeitung mit rückläufiger Auflage und werde 2007 investieren und umbauen. Man ist sich sicher, dass die Zukunft dem Online-Bereich gehört – darum soll er weiter ausgebaut werden.

Unsicherheit herrscht hingegen darüber, was Blick-Leser überhaupt lesen wollen. Mit einem Readerstick sollen Bewohner der Kantone Luzern und Zürich getestet werden, was sie überhaupt in der Zeitung lesen. In mehreren Testphasen sollen Leser mit dem Gerät alles anstreichen, was sie lesen. Für die Beteiligung an der Aktion gibt es ein Blick-Jahresabo.

Heute hat es ausserdem zum wiederholten Mal ein Blogbeitrag auf die Titelseite geschafft (hier der ungewohnt online vollständig verfügbare Blick-Artikel, den man sogar kommentieren darf). Ein wahrscheinlich der Nachmitternachtsmüdigkeit verfallener und gewohnt ehrlicher Kurt Aeschbacher schreibt im betreffenden Eintrag über ein Konzert von Elton John, das ihm nicht gefallen hat. Eine sicher gerechtfertigte Konzertkritik, aber auch kein Aufreger. Doch was bei anderen Bloggern unter den Tisch fällt, ist bei Kurt Aeschbacher eine Meldung auf der Titelseite wert.

Irritierend hingegen der Kommentar von Marcel Zulauf. Er unterscheidet offenbar ganz strikt zwischen Medienprofis und Bloggern. Journalistische Kriterien hier, Meinungsmacher, die ihre journalistische Rolle, ihre neutrale Sichtweise aufs Spiel setzen, dort. Will uns Marcel Zulauf weismachen, der journalistische Ansatz sei vom Medium abhängig? Dass in der Zeitung Journalismus drin ist und in Blogs Meinung und dass sowas keinesfalls anders sein kann? Könnte es sein, dass Herr Zulauf da etwas wenig Vorstellungsvermögen hat?

Weiter ist zu lesen:

Aber es läuft mit der Blogwelt wie mit allen Gefässen im Internet: Kaum etabliert, werden sie kommerziell verwendet und dadurch verwässert.

Frage: Ist der Blick auch verwässert, weil “kommerziell verwendet”. Wie genau muss man sich “kommerziell verwendet” denn vorstellen? Muss man daraus lesen, dass Blogs entweder unkommerziell sind (und dann wahrscheinlich so oder so irrelevant) und wenn kommerziell, dann bestimmt nur als PR-Maschinerie funktionieren, mit sozusagen bezahlten Inhalten? Hat Herr Zulauf wirklich so wenig Fantasie, dass er sich unabhängige Blogs nicht vorstellen kann?

Das Recht auf Meinung sollte den Bloggern vorbehalten sein, steht da auch. Ist das nicht etwas scheinheilig, wenn es in den Medien von Meinungsartikeln wimmelt? Warum wird auch hier strikt zwischen Blogs und Medien getrennt? Könnte es sein, dass sich der Blick möglichst klar auf die Seite der guten und vertrauenswürdigen Journalisten stellen will, die strikt unabhängig nach journalistischen Kriterien arbeiten? Das macht sich gut. Erstaunlich nur, dass solche Töne von der grössten Boulevardzeitung der Schweiz zu hören sind. Waren nicht Boulevardblätter bisher als Revolverblätter mit viel Sex & Crime mit witwenschüttelnden Mitarbeitern verschrieen, die nicht unbedingt für vorbildlichen Journalismus standen?

Wie auch immer, uns macht es nichts aus, ebenfalls journalistischen Kriterien zu genügen. Wir geben uns auch weiterhin Mühe, Anstand und Respekt zu wahren, denn solange wir das tun, bringen wir gemäss Blick frischen Wind in die Medienwelt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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