Tritt Seinfeld für “Kramer” ein oder für DVD-Verkäufe?

“Kramer”-Darsteller Michael Richards verliert sich in rassistischen Angriffen in einem Club in LA. Jerry Seinfeld nutzt seinen Auftritt bei Letterman, um Richards eine Chance für eine öffentliche Entschuldigung zu geben.

blogSieht aus wie eine tragische Geschichte mit einer Prise wahrer Freundschaft: Nachdem Michael Richards, besser bekannt als “Cosmo Kramer” aus der Kult-TV-Serie “Seinfeld”, in einem Comedy Club in Los Angeles vollkommen ausflippte und sein Publikum als “Niggers” und “Motherfuckers” beschimpfte, opferte Jerry Seinfeld seinen zufällig für den Tag danach angesetzten Auftritt bei Late-Night-Star David Letterman, um Richards via Satellitenschaltung Gelegenheit für eine Entschuldigung zu geben.

Während das Publikum anfänglich ob Richards’ ungelenkem “mea culpa” (“Ich bin kein Rassist, das ist das Entsetzliche an dem Vorfall – meine Auftritte sind meist ausser Kontrolle, ich arbeite viel aus dem Stegreif”) noch lachte, wurde binnen Sekunden die Tragik des Moments klar, als Seinfeld darum bat, nicht zu lachen. Am Ende der Schaltung sagte Letterman gezwungen locker: “Ok, der Tag ist gelaufen, jetzt können wir eigentlich heimgehen”, und trifft den Punkt damit, obwohl die Show erst begonnen hat: Die Stimmung ist hin.

Zwei Dinge sind offensichtlich: Richards ist erledigt und kämpft um den Rest seiner Karriere, und Seinfeld bricht die Regeln Hollywoods.

Er steht seinem Freund in einem Moment bei, in dem alle andern in Hollywood jeweils so schnell wie möglich in die andere Richtung rennen (siehe Mel Gibsons antisemitische Äusserungen). Andrerseits: Seinfeld war bei Letterman, um die DVD der siebten Saison “Seinfeld” zu promoten – und ein Skandal um den rassistischen Kramer-Darsteller dürfte dem Verkauf der Scheiben nicht gerade dienlich sein.

Wer sich das knapp dreiminütige Video des ausflippenden Kramer-Darstellers antut, das längst auf Yutube zu sehen ist und bereits tausende von Kommentaren provoziert hat, erkennt Richards’ persönliche Tragik. Er greift einen Schwarzen im Publikum an, der ihn angeblich seit Beginn seines Standup-Acts provoziert haben soll, und schreit: “Vor fünfzig Jahren hätten wir dich an einem Baum aufgehängt mit einer scheiss Gabel in deinem Hintern!”.

Dann wendet er sich ans Publikum und sagt: “Jetzt seit ihr geschockt, ihr elenden Motherfuckers. Das schockt euch. Seht, da oben ist ein Nigger! Ein Nigger, da ist ein Nigger!” Darauf stehen die ersten Leute im Publikum auf und Richards fragt schon fast flehend: “He, wo geht er hin?”, worauf der Mann, der die Ursache seines Ausbruchs gewesen zu sein scheint, ruft: “Das war völlig unnötig, das war grundlos, du Cracker-Arsch, Motherfucker!” Darauf Richards, völlig ausser sich: “Wen nennst Du Cracker-Arsch! Nennst Du mich Cracker-Arsch, Nigga?” Darauf der Zuschauer: “Das war völlig unnötig. Das war unnötig. Ich habe Dich geliebt, ich war ein grosser Fan, weisser Junge, aber das ist nicht lustig. Du bist nicht lustig. Und das ist der Grund, warum Du ständig abgewiesen worden bist, keine Filme, keine Shows, nur Seinfeld, das war’s.”

Worauf Richards schon fast kleinlaut und bemüht ironisch sagt: “Da hast Du mich erwischt, ja. Das stimmt. Mir bleibt nur die Bühne.” Dann versucht er sich zu fangen, aber das Publikum strömt bereits in Scharen aus dem Saal, und einer ruft wiederholt: “Das war ungerechtfertigt und verdammt unnötig!”, darauf Richards, immer noch im verzeifelten Versuch, ironisch zu wirken und die Sache damit nur noch schlimmer machend: “Nun, Du hast mich unterbrochen. Das passiert, wenn Du einen weissen Mann unterbrichst, weisst Du das nicht?” Dann sagt er noch: “Da sind diese Worte wieder. Diese Worte. Diese Worte” – und verlässt die Bühne.

Richards kriegt sein Fett am gleichen Abend bei den andern Late-Nite-Hosts weg. Craig Ferguson: “Es gibt nur eine Person in Hollywood, die sich über den Vorfall freut. Mel Gibson.”

[Postscript: Kurz nach der Letterman-Sendung wurde auch der Entschuldigungs-Ausschnitt auf Youtube veröffentlicht: Hier]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. Shark
    schrieb am 21. November 2006 um 10:58 Uhr (#)

    … und da galten die USA einstmals als Land der Meinungsfreiheit? :->

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