Web 2.0 Startups:
Billiger Software basteln dank Open Source
Dank Open Source-Komponenten ist es enorm viel billiger und einfacher geworden, ein Internet- oder Software-Startup zu gründen. Das war der Grundtenor an einer Veranstaltung zum Thema “Software 2.0″, die gestern vom MIT Enterprise Forum durchgeführt wurde.
Zunächst sprach Venture Capitalist Jim Matheson von Flagship Ventures darüber, wie stark sich derzeit die VC-Szene aufgrund dieser Entwicklungen verändert. Traditionell sind die VC-Firmen darauf eingerichtet, einer jungen Firma schon in einer ersten Finanzierungsrunde $3 Mio. oder mehr zu geben. Nur so funktioniert das Businessmodell der immer grösser werdenden VC-Fonds. Doch die Web-2.0-Softwarefirmen von heute brauchen längst nicht so viel Kapital. Im Gegenteil, oft kann es für die Firmenentwicklung schädlich sein, über zu viel Geld zu verfügen, denn mit dem Geld kommt auch der Wachstumsdruck, und das vielleicht im falschen Moment.
Anschliessend präsentierten drei Startup-Gründer ihre Firmen und erzählten über ihre Erfahrungen.
Doug Wyatt von SiteAdvisor hat seine Firma gerade an Sicherheitsspezialist McAfee verkauft (für eine zweistellige Millionensumme, war dem Kontext zu entnehmen), und das, ohne je einen Dollar Umsatz gemacht zu haben. Die Software prüft während des Surfens, ob eine besuchte Website unbedenklich ist oder ob Viren, Spyware und andere Übel lauern. Die Firma gab nie was für Werbung aus, sondern vermarktete ihr Beta-Produkt ausschliesslich über Blogs. Die Software wurde stark auf Open-Source-Elementen aufgebaut; die umfangreiche Datenbank von Websites machen den eigentlichen Wert der Firma aus. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Daten manchmal wichtiger sein können als Funktionalität
Moussie Shore, ehemals einer der Chefdesigner von Lotus Notes, ist der Gründer von Zingku, einem Startup im Mobile-Bereich. Ehrlich gesagt habe ich noch nicht ganz verstanden, was das Ding eigentlich macht, aber da die Zielgruppe 16-28 Jahre alt ist, muss ich das ja auch nicht unbedingt. Moussie erzählte, dass die ziemlich komplexe Softwarelösung, auf der die Site aufgebaut ist, fast ausschliesslich aus fertigen Open-Source-Komponenten gebaut wurde. Der eigene Code beschränkt sich auf etwa 76′000 Zeilen, davon ist nur ein Drittel wirklich einzigartig. Das reicht aber, um Kapital anzuziehen: Zingku erhielt gerade eine erste Tranche Venture Capital. Zuvor hatten die drei Gründer das Produkt in ihrer Freizeit entwickelt, zu Totalkosten von gerade mal $5′890 (davon 34% für Starbucks-Kaffee). Interessanterweise standen die Entwickler in fast pausenlosem Kontakt (per Skype natürlich) mit einer Fokusgruppe aus Teenagern, die jedes neue Feature sofort testeten.
Joshua Walker von CityVoter erzählte schliesslich darüber, wie seine Firma User-generated Content auch für traditionelle Medienkonzerne verdaubar machen will. CityVoter erlaubt es den Einwohnern einer Stadt, über Restaurants, Geschäfte oder Kinos abzustimmen und so den oder die besten jeder Kategorie zu küren. Um das so entstehende Verzeichnis herum wird natürlich fleissig Werbung verkauft. CityVoter hat nach Pilotversuchen mit lokalen Fernsehstationen jetzt Verträge mit den Grossverlagen Hearst und Gannett geschlossen und will die Lösung USA-weit ausrollen. Auch CityVoter wurde im Eilzugstempo gebaut: Nach einer ersten nebenberuflich absolvierten Phase brauchten die Gründer gerade mal sechs Monate bis zur ersten VC-Runde und noch einmal einen Monat mehr bis zum ersten grossen Kundenvertrag.
Open Source ist ein exzellentes Hilfsmittel, darüber waren sich alle Firmengründer einig, aber die einzigartige Idee muss man immer noch selber haben. Obwohl man dank Open Source viel Zeit und Kosten sparen und an Professionalität gewinnen kann, ist dieser neue Entwicklungsprozess nicht ohne Tücken. Man muss sich seine Softwareentwickler gut aussuchen, denn nicht jeder hat die richtige Mentalität, um die richtigen Komponenten im Netz zu finden und einzubauen.
Ebenso einig waren sich alle Teilnehmer darüber, dass das alte Venture-Capital-Modell dringend revisionsbedürftig ist. Ein Firmengründer, der nebenberuflich im Starbucks ein interessantes Produkt zusammennageln kann, braucht keine Millionen an Kapital und ist schon gar nicht bereit, gleich in der ersten Runde 20% oder mehr seiner Firma an Venture Capitalists abzugeben.
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