Weltwoche rollt den Stein wieder vor das Loch

Nachdem heute auch das Heute-Blog Trashcan über die frei zugänglichen Weltwoche-Texte im Internet geschreiben hat (wir berichteten), ist der Webmaster aufgewacht und hat dicht gemacht:

Gute Nacht, lieber Morgen

Dieser Artikel steht nur Abonnenten der Weltwoche zur Verfügung.

ist nun seit heute Mittag zu lesen, wenn man sich die Druckversion des Artikels ansehen möchte.

Die additiv AG, offenbar verantwortlich für den unerwünschte Zugangsmöglichkeit und zurzeit selbst ohne Internetpräsenz, bedankt sich freundlich bei der lieben “Blogosphäre”, die auf das Leck hingewiesen hat. Die Gänsefüsschen, mit denen die Informanten der eigenen Fehler umarmt werden, könnten so gedeutet werden, dass die Informanten nur begrenzt ernst genommen werden. Das macht ja nichts, wir sagen: Bitteschön, haben wir doch gern gemacht!

Dass nun die schönen Texte nicht mehr zu lesen sind, war natürlich nicht unsere Absicht. Vielmehr freuten wir uns darauf, endlich alle Weltwoche-Artikel online lesen und verlinken zu können. Warum stellt sie nicht, wie beispielsweise die taz, alle erscheinenden Texte online? Erst kürzlich las ich von einer Bloggerin, wie sie regelmässig taz-Texte auf Papier durchliest und danach verlinkt. Vielleicht riskiert man auch mal einen Blick in die USA oder sonst wohin und vergleicht den Bekanntheitsgrad unter jungen Surfern zwischen Mediensites, die Texte frei zur Verfügung stellen und Mediensites, die das nicht tun.

Zwei oder drei heimliche Leser der Online-Ausgabe hat die Weltwoche nun verloren. Werden diese nun an den Kiosk rennen, die Weltwoche kaufen, den Talon heraustrennen und ein Vierjahresabonnement lösen? Wir wissen es nicht, aber wie wäre es, Zweit-, Dritt-, Viert- und Fünftlesern der Printausgabe die Lektüre ebenfalls zu verwehren? Schliesslich haben solche Leser auch nicht selbst bezahlt. Von Lesern in Bibliotheken, in Cafés und in Wartezimmern ganz zu schweigen. Vielleicht sollte die liberale Weltwoche auch mal die erfolgreichen Geldeintreibmaschinen GEZ und Billag studieren, da könnten sich ganz neue Geschäftsfelder eröffnen.

Heute soll in der heutigen Druckausgabe ebenfalls über diese Geschichte berichten, hier der Zugang zur Zeitung als pdf.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Shark
    schrieb am 18. Oktober 2006 um 09:50 Uhr (#)

    Ja, Schweizer Verlage stellen ihre Inhalte leider nur sehr zurückhaltend ins Internet. Die “Weltwoche” allerdings ist vergleichsweise vorbidlich; als Abonnent kann man unkompliziert auf die Artikel von x Jahren zurückgreifen, auch schon vor der eigenen Abonnementszeit, ohne aufwändige Registrierung, ohne lästige Browser-Applikation… die NZZ beispielsweise stellt kaum noch Artikel ins Internet und zwar kann man nun als Abonnent kostenlos auf die Tagesausgabe zugreifen, die Anmeldung dafür ist aber höchst kompliziert und die verwendete Browser-Applikation eine Zumutung. Und aufs Archiv hat man weiterhin nur Zugriff zu horrenden Preisen… da sollte die Kritik ansetzen, nicht bei der “Weltwoche”!

    Was die Bibliotheken, Wartezimmer, usw. betrifft, so werden die dort aufliegenden “Weltwoche”-Exemplare wohl bezahlt… aber klar, alle Medien inkl. “Weltwoche” sind eine Plattform für Werbung, sprich über Abonnement und Verkauf deckt man idealerweise die Kosten für die Distribution, Geld verdient man nach Abzug der übrigen Kosten mit Werbung (Google funktioniert im Web ja genauso). Entsprechend ist ja nicht nur die verkaufte Auflage wichtig, sondern auch die Zahl der Leser, siehe Modell “20 Minuten” oder wiederum Google… für welches Modell sich ein Publisher entscheidet, ist dessen freie Entscheidung, es gibt keinen Anspruch auf kostenlosen Journalismus, schon gar nicht in “Weltwoche”-Qualität.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 18. Oktober 2006 um 11:03 Uhr (#)

    @Shark: Stimmt, die “Weltwoche” macht es gar nicht schlecht: Es werden vollständige Texte angeboten, der Link ändert sich nicht und sie bleiben über Jahre hinweg zugänglich. Als schlechtes Gegenteil davon sei die Aktion der “NZZ” vor einiger Zeit erwähnt, in der sie alle ihre Permalinks geändert hat.

    Es bewegt sich alles von Papier, TV, Radio und anderen festen Informationsträgern ins Internet und auf portable Geräte, das werden die Printmedien und auch die Werber einsehen müssen. Die “BBC” und die “New York Times” beispielsweise haben das. Mir stellt sich eigentlich nur die Frage, wem dieser Übergang, der den Markt des Ursprungsprodukts zwar nicht zum Absterben bringen, aber doch einschränken wird, leicht gelingt und wer ihn träge verschläft.

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