Was möchte der Medienkonsument? (I)

Das Bildblog hat kürzlich dazu aufgerufen, Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, zu fotografieren und das Resultat der Öffentlichkeit mitzuteilen. Begründet wurde der Aufruf mit dem Urteil des Landgerichts Berlin, das Diekmanns Persönlichkeitsrecht weniger schwer gewichtet, da dieser einen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht. Ausserdem scheint es dem Bildblog und auch mir nur fair, jemanden, der das Volk dazu aufruft, die Freiheit seiner Prominenten in allen Lebenslagen zu beschneiden, mit den gleichen Mitteln zu behelligen.

Dieser Meinung sind aber nicht alle: Die Haltung, gleiches mit gleichem zu vergelten, erinnerte die einen an das alte Testament. Andere fanden es schlicht unwürdig, sich auf ein solches Niveau zu begeben. Mit der Idee eines Bildblogwatchblogs kann die Aufforderung “Fotografiert Stefan Niggemeier” eigentlich nur eine Frage der Zeit sein. Der Betreiber des Bildblogs beantwortet Reaktionen auf die Aktion in seinem privaten Blog.

Von den verantwortlichen Stellen bei den Medien wird in der Debatte, ob Prominente derart aggressiv verfolgt werden müssen, stets darauf hingewiesen, dass die Konsumenten ihrer Produkte das verlangen würden. Das halte ich für Unsinn. Vielmehr werden die Konsumenten mit einer Strategie der Wiederholung an sich fortentwickelnde Geschichten mit bekannten Gesichtern gewöhnt. Eine Methode, die vom Marienhof bis zur Bundesliga bestens funktioniert.

Persönlich kenne ich nicht einen Menschen, der ein Bild eines urinierenden David Odonkor sehen möchte. Auch Dieter Bohlen möchten 80% der Leser der Online-Ausgabe der Hamburger Morgenpost nicht mehr sehen. Die Nachrichtenlage muss überhaupt sehr prekär sein, wenn ein Bild eines, Entschuldigung, schon wieder, urinierenden unbekannten Polizisten gegen mindestens 100 Euro Honorar abgedruckt wird.

Es versteht sich, dass sich nicht alle Medienkonsumenten das Gleiche wünschen, aber selbst wenn eine weltweite Abstimmung ergeben würde, Robbie Williams solle sein nächstes Konzert ohne Kleider geben, so muss das noch nicht im Sinne von Robbie Williams sein. Das Argument vom Willen der Masse ist gewichtig. Aber nicht allmächtig.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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3 Kommentare

  1. nur weil diese formulierung immer wieder auftaucht: wir haben nicht vor, “gleiches mit gleichem zu vergelten”.

    so harmlos ist die “bild” nicht, dass sie einfach nur prominente fotografieren lässt. uns geht es weder um “vergeltung”, noch geht die “gleiches mit gleichem”-rechnung auf.

  2. Wenn es so wäre, liesse Bildblog Kai Diekmann von Bildblog-Mitarbeitern überwachen. “Gleiches mit Gleichem vergelten” war ein Zitat von hier: http://cohu.de/article.as…5b-9067-aa2d370485d9

  3. Ob Herr Niggemeyer recht hat, könnte diese Stelle vielleicht klären:
    Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia, Kopernikusstr. 35, 10243 Berlin (office@fsm.de)

Ein Pingback

  1. [...] Wie in den Folgen I und II fragen wir uns, wie es um das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Medien und ihren Konsumenten steht. Heute im Fokus: Nicht ausgesprochene Zitate und willkürliche Kürzungen bei Interviews in Printmedien. [...]