Wird Google jetzt eine ganz normale Firma?

Andreas Göldi, 7. Oktober 2006 15:46 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Google gab sich bisher alle Mühe, anders zu sein als alle anderen: Man hat lustige designte Büros, gibt seinen Techies sehr viele Freiheiten, kümmert sich nicht um Wall Street und tut (laut Firmenmotto) nichts Böses. Aber zwei Meldungen dieser Woche lassen den Verdacht aufkommen, dass Google vielleicht doch langsam zur — gasp — ganz normalen Firma wird:

Erstens sind da die Gerüchte, dass Google möglicherweise die führende Videosite YouTube kaufen will, für die Kleinigkeit von $1.6 Mia. Da darüber schon Techcrunch, das Wall Street Journal und die New York Times darüber berichtet haben, kann man beruhigt davon ausgehen, dass etwas dran ist.

Offiziell ist noch gar nichts, und vielleicht wird nichts aus dem Deal, aber nur schon die Tatsache, dass diese Gespräche offenbar stattgefunden haben, ist bemerkenswert.

Bisher hat Google sich immer geweigert, seine Berge von Geld in grössere Akquisitionen zu investieren. Sicher mit gutem Grund: andere Firmen (und deren User-Basis) sind schwierig zu integrieren. Vielleicht ist jetzt aber der Druck doch zu gross geworden und zwingt Google zu einem Grosseinkauf? Google Video ist weiterhin kein Erfolg, vielleicht will man sich jetzt den Weg in das wohl essentielle Geschäftsfeld Online-Video einfach mit viel Geld frei machen.

Zweitens: Die LA Times berichtet über die interne Initiative “Features, not products” bei Google. Angeblich hat Sergey Brin selbst schon total den Überblick darüber verloren, an welchen neuen Produkten bei Google derzeit gebastelt wird. Das überrascht nicht sehr, denn schon die riesige Liste der fertigen Google-Produkte (ganz zu schweigen von der zusätzlichen der Google Labs) ist für einen normalen Benutzer unüberschaubar. Dass dabei Consumer-Produkte wie “Froogle” mit den neusten API-Dokumentationen bunt durchmischt werden, spricht nicht gerade für Googles Kundenorientierung. Interessante neue Angebote wie z.B. Google Notebook entdeckt man so nur rein zufällig.

Darum, sagt Google, will man sich jetzt vor allem auf die Verbesserung der bestehenden Produkte kümmern, statt ständig neue anzufangen. Gute Idee, kann man da nur sagen. Dass das auch wirklich viel bringen kann, zeigt die neue Version von Googles RSS-Reader, die nach einem Fehlstart im letzten Jahr jetzt wirklich ziemlich gut ist.

Aber: Das ist für Google eine massive Kulturänderung. Bisher hat man talentierte Programmierer mit dem Versprechen angezogen, dass man bei Google mit ganz viel Freiheit an ganz, ganz abgefahrenen Innovationsprojekten arbeiten kann. Was passiert, wenn diese Programmierstars jetzt plötzlich dazu abkommandiert werden, sagen wir mal, die Reaktionszeit des Userinterfaces von Google Catalogs auf IE 6.0 um 20% zu verbessern?

Nicht gerade das, was man sich als Rocket Scientist erträumt. Aber halt eine Tätigkeit, die in ganz normalen Firmen gemacht werden muss.

 

UPDATE: Gerade wurde bekanntgegeben, dass Google Youtube tatsächlich kauft. Für $1.65 Mia. Willkommen in der Bubble 2.0.

Damit dürfte wirklich eine neue Phase für Google anfangen. Schon allein wegen der paar tausend Copyright-Prozesse, die Google jetzt wohl an den Hals kriegt.

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