Emerging Technologies Conference am MIT: “Online Application Wars”
Von Andreas Göldi am 1. Oktober 2006 um 17:47 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Analysen
An der Emerging Technologies Conference am MIT (siehe vorhergehenden Beitrag) gab es unter anderem auch eine interessante Podiumsdiskussion zum Thema “Krieg der Online-Applikationen”. Ganz so schlimm wie der Titel vermuten liesse, ist es mit der Rivalität in diesem noch frischen Marktsegment allerdings auch wieder nicht, aber der Wettbewerbskampf scheint sich schon langsam aufzuheizen.
Alex Bard von Goowy Media sprach über die Webtop-Applikationen seiner Firma. Goowy versucht im Prinzip, die Funktionalität eines normalen Windows-Desktops mit Flash-basierten Applikationen nachzubauen. Der Funktionsumfang ist schon recht ansehnlich: E-Mail, Kalender, RSS-Reader, Filesharing und sogar ein paar Games sind schon vorhanden. Grössere Applikationen à la Spreadsheets fehlen aber noch.
37signals-Chef Jason Fried erläuterte, warum er den So-einfach-wie-möglich-Ansatz, den seine Firma für ihre webbasierten Applikationen verfolgt, für überlegen hält. 37signals bietet mit Basecamp, Backpack oder Campfire nützliche Projektmanagement-Anwendungen für die “Fortune 5′000′000″ an, wie Fried das formulierte. Seine Firma arbeite lieber mit kleinen Kunden zusammen, meinte Fried, weil Grossfirmen träge, faul und unflexibel seien. Zum Schlagwort “Monetization” hatte Fried eine ebenso erfrischend einfache Haltung: “You monetize things by charging for them.” 37signals verlangt Abo-Gebühren für die Benutzung ihrer Produkte und ist mit inzwischen 500′000 Usern schon erstaunlich erfolgreich.
Der wohl erfolgreichste Anbieter von web-basierten Applikationen ist Salesforce.com mit seiner Linie von abonnierbaren CRM-Anwendungen. Kürzlich hat Salesforce.com seine AppExchange-Plattform vorgestellt, mit der Drittfirmen zusätzlich Anwendungsmodule für die CRM-Lösung entwickeln können. Salesforce.com-Partnermanager Adam Gross sah durch solche Angebote eine Renaissance der Applikationsentwicklung anbrechen. Für die Entwickler wird es durch webbasierte Plattformen extrem einfach, neue Produkte zu bauen und an eine grosse Kundengruppe zu vertreiben. Die Innovationen der letzten 10 Jahre in der IT seien sowieso nicht mehr von Microsoft, Oracle oder SAP gekommen, meinte Gross, sondern fast ausschliesslich von web-orientierten Firmen.
Google war vertreten durch Paul Rademacher, den beinahe legendären Programmierer des wohl ersten populären “Mash-ups” Housingmaps.com. Rademacher sagte, Google hätte mit Google Maps das Spiel bei den kartenbasierten Applikationen schon zwei Mal komplett verändert: Einmal mit einer der ersten AJAX-basierten Benutzeroberflächen und dann mit der Öffnung der APIs für Drittanbieter. Es sei klar Googles Ziel, so Rademacher, ein Ökosystem von Entwicklern um Googles Webplattform herum zu entwickeln. Aber auch Google wisse nicht wirklich, wo die Reise hingeht, meinte er, man experimentiere darum bewusst mit ganz verschiedenen Ansätzen. Seine Langfristprognose: Der Browser als eigenständige Applikation wird verschwinden, weil webbasierte Anwendungen so selbstverständlich werden, dass sie voll ins Betriebssystem eingebunden werden. War das vielleicht ein Hinweis auf Googles künftige Pläne in diesem Bereich?
Schliesslich war auch noch Amazon.com in der Runde dabei, repräsentiert durch Adam Selipsky, der für “Developer Relations” zuständig ist. Amazon biete seine neuen Webservices darum offensiv an, so Selipsky, weil man vielen Developern bei der Lösung alltäglicher Infrastrukturprobleme helfen wolle und so teilhaben könne an der Innovationswelle, die die Web-Community derzeit erlebt. Wie man damit Geld verdienen könne, wisse man auch noch nicht so genau, sagte er, aber “somewhere in there will be a good business for us”. Das grösste technische Problem bei Amazons Webservices ist die natürliche Latency der Internet-Kommunikation, die beispielsweise webbasierte Speicherdienste nicht für jede Anwendung brauchbar machen. Darum gehöre die Zukunft möglicherweise hybriden Applikationen, meinte Selipsky.
Microsoft war zwar zu dem Panel eingeladen worden, stellte aber keinen Vertreter. Die Teilnehmer waren auch nicht gerade gut auf den Riesen aus Redmond zu sprechen, und insbesondere die Entwickler beklagten sich über die fehlende Stabilität des Internet Explorer.
Über eins waren sich die Teilnehmer aber einig: Webbasierte Anwendungen werden traditionelle Betriebssysteme keineswegs ersetzen, sondern in immer grösseren Bereichen ergänzen. Die Grenzen zwischen Desktop und Web verschwimmen immer mehr, und jede dieser Welten kann man zunehmend dafür einsetzen, wofür sie sich am besten eignet. Weil webbasierte Applikationen aber so einfach auszurollen sind, verschiebt sich das Gleichgewicht der Kräfte weg von IT-Abteilungen und grossen Softwarekonzernen hin zum Enduser und auch zu flexiblen kleinen Softwarefirmen. Eine wichtige Rolle kommt dabei aber möglicherweise den Internet-Riesen à la Google oder Amazon zu, die solide Basisinfrastruktur für die Nutzung durch andere betreiben.
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