Heute, der neue Journalismus

Im Vorfeld seiner baldigen Bildschirmpräsenz stellte sich der hier erwähnte und von Heute als Egomane angekündigte MvH am 13.9.2006 per Chat der interessierten Öffentlichkeit (das Protokoll der Begegnung mit den Lesern ist online nachzulesen). Es ist darin zu erfahren, dass er neben seiner omnipräsenten Sonnenbrille auch noch eine richtig schöne andere Brille hat. Von mir kriegt er dafür ganz ernsthaft einen Style-Award, auch wenn er mich im Videoclip erinnerte an diesen silbergrauhaarigen Moderator mit den kleinen Äuglein, der bei einem deutschen Privatfernsehsender eine Show moderierte, in der es um Geld, Erfolg oder Adel ging, was weder ihn noch sonst jemand interessieren sollte, denn was soll das schon sagen, wenn einem nicht mal der Name einfällt. Wie er am Schluss des Chats zugab, überraschte ihn das hohe Niveau der an ihn gestellten Fragen, was Aufschluss geben könnte über seine Haltung zu Heute-Lesern.

Heute, die Schweizer Abendzeitung für den müden Pendler, überraschte bisher nicht nur einmal mit neuen, nicht gekannten Formen von für die Masse gedruckten Texten: “Negerhaut mit Plüsch sieht scharf aus”, meinte beispielsweise am 4.9.2006 Kolumnistin zora, was prompt dreizehn Kommentare sowie eine Bitte um Stellungnahme und Entschuldigung einbrachte, welche am 8.9.2006 von zora herself mit einem Sorry eingelöst wurde.

Der beste Film im Heute-Filmranking vom 13.9.2006 ist “Das andere Leben”, ein Film, den es so nicht gibt, nur anders. Ein menschlicher Fehler, wie er überall passieren kann. Trends und Standards setzt Heute woanders.

So ist die Rubrik “Claudia fragt immer frech…” in Tageszeitungen eine Neuheit. Der bei Interviews gewohnte Stil, dass die Interviewende die Fragen stellt und die Interviewte die Antworten gibt, wird bei Claudia durch persönliche Befindlichkeitsäusserungen gesprengt. So kann ein solches Gespräch mit einem “Ächz. Da ist was los!” beginnen, über ein “Peinlich, peinlich…” gehen und mit einem “Schluchz.” enden. Zwischendurch wirft sie ein “Nana!” oder ein “Wääk!“, ein “Sniff…” oder ein “Schmelz” ein.

Im Gespräch mit Frank Baumann, dem Glanzstück ihrer Interviewkunst, sind von zehn getätigten Äusserungen eine eine Frage, eine eine persönlich formulierte Feststellung und drei eine Behauptung. Die restlichen fünf sind Gefühlseruptionen, darunter deren drei in einem Wort, nämlich je ein “Gähn.”, ein “Himmel!” und ein “Jesses.”. Will niemand mit ihr reden, unterhält sie sich auch mal mit einem Grippevirus.

Ausgerechnet Heute prägt also neue journalistische Trends. Wer hätte das gedacht und was sind die Gründe? Geldnot und fehlende Talente, wie die eine Seite behauptet? Zeitgeistige Texte in der Sprache der nachwachsenden Leser, wie es die andere sagt? In Zeitungen und in Weblogs habe ich darüber nichts gefunden, als Ausnahme einzig die Heute-Woche im Pendlerblog, in der ebenfalls über Claudia geschrieben wurde.

Interjektionen, Inflektive und Erikative als stilbildende Mittel in Interviews”. So oder so ähnlich heisst vielleicht in zehn Jahren ein Seminar an den Journalistenschulen. Bis dahin bleiben wir am Puls der Zeit. Jesses.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. Blattkritik
    schrieb am 20. September 2006 um 20:11 Uhr (#)

    Manueller Trackback:

    http://blattkritik.ch/ind…ne-Zuckerpuppen.html

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