Am wärmenden Lagerfeuer der gemeinsamen Themen
Wie erwartet: kaum hat Natascha Kampusch der Welt ihr Gesicht gezeigt, verschwindet das mediale Interesse auch schon wieder. Je nach dem, welche Richtung die für acht Jahre in einem Keller Festgehaltene einschlagen wird, werden wir sie nie mehr, als Charity-Queen oder in der Unterhaltungsbranche sehen. Sie wird das spätestens nach dem Tod von Peter Alexander und der Auswanderung von Arnold Schwarzenegger lose Prominentennetz Österreichs verdichten oder aber den Medien als Blattfüller und Ersatzgast zu Themen dienen, für die ihr von den Einladenden Fachkompetenz herbeigedichtet wird. Ich empfehle Frau Kampusch das Weblog als Kommunikationsform – so bleibt sie am ehesten Herrin der Neuigkeiten. Denn nach dem Schrecken kommen meist nur noch Witze.
Die Frage, ob die Leser das alles sehen, hören, lesen, wissen wollten / mussten, ist noch nicht geklärt. Wir wissen, dass selbst die boulevardferne F.A.Z. glaubt, den Fall Kampusch im heiligen Auftrag ihrer Leser zu behandeln. Doch ist dem so? Ist es nicht vor allem kostengünstiger und simpler, Personen und ihr Umfeld aus allen Blickwinkeln zu beschreiben, als Recherchen zu komplexen Zusammenhängen anzustellen und diese den Konsumenten in ausgewogener Form zu unterbreiten?
Eine solche Annahme muss getroffen werden, denn wenn Medien, wie die Hamburger Morgenpost es getan hat, bei ihren Leser nachfragen, entsteht auch bei einem klaren Ergebnis der Eindruck von eher störenden Wünschen der Befragten. Wie die Zeit berichtet, fragte sie ihre Leser im Internet:
Sollen wir weiter über die Possen des Schlagerproduzenten und seine 30 Jahre jüngeren Lebensabschnittsgefährtinnen berichten?
Von (offenbar gerundeten) 2500 Lesern stimmten 2000, also 80%, für eine sofortige Einstellung jeglicher Berichterstattung über Dieter Bohlen. Dieser Mehrheit entgegnet die Morgenpost, sie werde dennoch weiterhin “wirklich überraschende Nachrichten aus dem Leben des Berufsjugendlichen prüfen”, denn: “seien Sie ehrlich, DAS wollen Sie dann doch lesen”.
Solche Abstimmungsergebnisse lassen das Wissen der Medien über die Wünsche ihrer Leser als nicht sehr gesichert aussehen. Auch die taz fragte sich heute, was es uns angeht, wenn “der Führer einer zugegebenermaßen mitgliederstarken religiösen Orientierung … in seiner irdischen Heimat namens Bayern weilt”.
Das Verhalten der Leser ist aber auch widersprüchlich: sich auf der Website einer Boulevardzeitung rumtreiben und dann nichts über Dieter Bohlen lesen wollen? Die Jagd auf Natascha Kampusch kritisieren und sich die Interviews trotzdem ansehen? Die an Gemeinsamem verlustig gegangene Welt findet wieder zusammen am wärmenden Lagerfeuer der Themen, über dem Natascha Kampusch, Dieter Bohlen, die Vogelgrippe oder das Gammelfleisch grilliert werden. So müssen wir nicht immer übers Wetter reden.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.



















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