“Anonymous Lawyer”:
Wenn Blogs zu Büchern werden

Andreas Göldi, 4. September 2006 14:07 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Im Frühjahr 2004 gab es ein bisschen Aufregung in amerikanischen Anwaltskreisen: Ein anonymes Blog war Grund für heftige Diskussionen und Spekulationen.

Nun gibt es Blogs von Jura-Studenten und Junganwälten natürlich wie Sand am Meer, aber der unbekannt bleiben wollende Autor von “Anonymous Lawyer” behauptete, ein mächtiger Partner bei einer der grossen amerikanischen Anwaltskanzleien zu sein. Jeden Tag berichtete Anonymous Lawyer in äusserst sarkastischem Ton von haarsträubenden Ereignissen aus seiner Big Law Firm und aus der Welt der Wirtschaftsanwälte im allgemeinen. Viele waren überzeugt, dass diese erstaunlich detailgenauen und treffenden Beschreibungen wirklich nur von einem Insider stammen konnte. Und darum wurde auch heftig darüber spekuliert, wer der Autor sein könnte.

Im Dezember 2004 flog die Sache dann auf: Anonymous Lawyer war kein mächtiger Law-Firm-Partner, sondern der 25jährige Jeremy Blachman, der im dritten Jahr Jura in Harvard studierte.

Dass hier ein aussergewöhnliches Talent schrieb, war offenbar nicht nur den Blog-Lesern klar. Einige Zeit später bekam Blachman einen Buchvertrag, und soeben ist sein Erstlingswerk erschienen, unter dem Titel — wie könnte es anders sein — “Anonymous Lawyer”.

Dieses Buch ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens ist es eine gelungene satirische Abrechnung mit dem Wirtschaftsanwalts-Wesen, bei der einem manchmal das Lachen im Halse steckenbleibt. Wer schon einmal mit Anwälten zu tun hatte oder selbst in einer ähnlich strukturierten Branche arbeitet, kann viele der Dinge gut nachvollziehen, auch wenn das Buch natürlich extrem übertreibt.

Der zweite interessante Aspekt ist die Struktur des Buchs, die Blog-Einträge mit (ebenso frei erfundenen) e-Mails mischt. Diese zwei Erzählebenen ergänzen sich ideal und schaffen trotz der eigentlich distanzierten Form eine dichte Atmosphäre. Natürlich wurden die Blog-Posts nicht einfach vom Originalblog übernommen, sondern um eine Story herumarrangiert und grösstenteils ganz neu geschrieben, aber das ganze wirkt doch sehr authentisch.

“Anonymous Lawyer” ist also keinesfalls einfach ein gedrucktes Blog, sondern ein “richtiger” Roman in etwas ungewöhnlicher Erzählform. Das Buch zeigt auch, wie sich Blog und klassische Medien ergänzen können. Das originale Blog wird immer noch weitergeführt (und ist immer noch lesenswert), und hinzugekommen ist eine fiktive Website für die fiktive Anwaltskanzlei (anonymouslawfirm.com). Wer deftige Satire mag, wird an “Anonymous Lawyer” seinen Spass haben.

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