Ö wie Österreich

Eine neue Zeitung erscheint ab 1. September 2006 sieben Tage die Woche mit einer Auflage von 250’000 Exemplaren (600’000 am Sonntag). Österreich ist der Arbeitstitel, die Website unter oe24.at zu finden. Lanciert wird das Blatt als Boulevardzeitung für 25-50jährige, die im Einzelverkauf 50 Cent die Ausgabe zahlen sollen, ein Preis, der sämtliche Konkurrenzangebote unterbietet (Kronen-Zeitung 90 Cent, Der Standard 1,30 Euro).

Gratiszeitungen, so Herausgeber Wolfgang Fellner, seien ein “unbrauchbares Geschäftsmodell”, weil so keine Leserbindung zustande komme (handelsblatt.com). Seltsam, denn in der Schweiz hat unlängst exakt dieses unbrauchbare Geschäftsmodell gleich zwei Gratiszeitungen hervorgebracht, 20 Minuten und Heute. Auch in Österreich war das kostenlose Heute die in den letzten zehn Jahren einzige überlebensfähige Gründung (taz.de).

Mit einer verschiedene Drucktechniken beherrschenden Druckmaschine wird Österreich zumindest teilweise auf Hochglanzpapier gedruckt, was die Anzeigekunden erfreuen soll. Seit Anfang August produziert der 150köpfige Newsroom jeden Tag eine Nullnummer der Zeitung, als deren Vorbilder USA Today, die Gulf News und die Süddeutsche genannt werden. Mehr zum Projekt im Detail in der Zeit und bei Wikipedia.

Die Hälfte des Teams soll weiblich sein. Und die Zeitung vor allem Frauen ansprechen. Sieht man sich die Ressorts der Website an, kommen da Zweifel auf, denn mit Österreich, Welt, Sport, Wirtschaft, Digital, Media, Wissen, Auto und Wetter ist die Welt etwas männerlastig erklärt. Die Abschnitte Kultur, Leben, Gesellschaft oder Feuilleton sucht man oder frau vergebens.

Die Website ist drei Tage vor dem Start in der Form bereits aufgeschaltet, nur noch ohne Inhalt. Ganz neu für die Website einer Zeitung ist die stündlich aktualisierte Nachrichten-Show im YouTube-Format, wo in zwei oder drei Minuten per Video die aktuellsten Nachrichten aus Wien gesendet werden. Alles in allem macht es den Eindruck, dass Österreich alles will: Google, Flickr, YouTube, IPTV, Weblogs von Lesern und Chefredaktoren – nicht ein Trend, der in letzter Zeit unter dem Stichwort neue Medien durch das Netz gegeistert ist, fehlt auf der Website. Mein oe24, dein Einstieg ins Web 2.0 Österreichs?

Persönlich plädiere ich für den Entscheid, alles oe24 zu nennen, denn das grosse Ö in Österreich schreibt meine Tastatur nur, wenn ich die Caps-Lock-Taste aktiviere. Sonst gibts ein é wie ésterreich.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. monarch
    schrieb am 28. August 2006 um 20:52 Uhr (#)

    Der «Spiegel» berichtete vor zwei Wochen über den «Mozart der Vermarktung» Fellner (Artikel online nicht frei zugänglich – Redaktionen, wann lernt ihrs endlich?). Fazit: «Österreich» wird unter Missachtung fast aller Zeitungsmacher-Regeln und sogenannten Tatsachen lanciert. Die Investitionen sind enorm, der Erfolg höchst ungewiss. Aber falls es das Blatt wirklich schafft, wird der Zeitungsmarkt auch in den Nachbarnländern auf den Kopf gestellt. Unbrauchbare Geschäftsmodelle können eben auch lukrativ sein …

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 29. August 2006 um 07:35 Uhr (#)

    Die Lobrede des Spiegels ist bei der Konkurrenz nicht gut angekommen: Der Standard reagiert darauf garstig.

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