Iggy Pop, zweitverwertet

Das am 6.8.2006 in der Welt am Sonntag publizierte Interview mit Iggy Pop wurde in weiten Teilen bereits vor über einem Jahr schon einmal abgedruckt, nämlich in der Weltwoche, am 14.7.2005.

Nichts gegen Zweitverwertungen: ich lese lieber eine mir noch unbekannte gute Kopie aus einer anderen Publikation als ein mittelmässiges Original. Dennoch sollte das für jedes Detail geltende goldene journalistische Gesetz der Quellenangabe gerade für ganze Beiträge gelten. Unzählige gemeinsame Leser haben die Weltwoche und die Welt am Sonntag wohl kaum und nach mehr als einem Jahr ist auch bei den meisten von diesen die Erinnerung verblasst. Doch ist das ein Freibrief, seinen Lesern altes Brot als frisches anzudrehen?

Das Interview selbst ist unterhaltsam und sicher immer wieder lesenswert, aber muss der Leser nicht wissen, dass das nicht Iggy Pop 2006 (59 Jahre alt) ist, sondern Iggy Pop 2005 (58 Jahre alt)? Albert Kuhn, “unser Autor”, geht dann auch durch als interviewende “Welt am Sonntag”. Gekürzte Passagen und fehlende Fragen und Antworten sind legitim, denn eine Publikation kann ja immer selbst entscheiden, welche Fragen und Antworten sie ihren Lesern servieren möchten. Vergleicht man aber die beiden Texte im Detail, dann sind einige die Wahrheit in Frage stellende Unterschiede ersichtlich.

So antwortet Iggy Pop auf die Frage

    “Das war dann das Ende vom Ende der Leiter?”

in der Weltwoche:

    “Es scheint mir wenigstens so. Aber das ist erst im Gang, you never know when you?re in the middle of the ship. Und es ist nie leicht mit dieser Band, haha. Wir haben nun vierzig oder fünfzig Auftritte gemacht, und ich habe ein gutes Gefühl, was die Qualität der Musik betrifft. Der enjoyment level ist recht hoch und der problem level tief, also: Man kann arbeiten. Etwas komplizierter ist die Recording-Frage, das Aufnehmen neuer Songs. Wir machen Songs hier in meinem Haus, mit sehr bescheidenem Equipment, ich weiss noch nicht, wohin uns das führt. Aber das Gefühl ist: Wir möchten zusammen ein Album aufnehmen. Leider spielen da rechtliche Probleme hinein, ich bin unter Vertrag, die andern drei nicht. Und dann die Frage, ob man sich einen potenten Produzenten anlachen soll, der mit uns ein Erfolgsprodukt macht. Oder ob man sich ein junges Talent reinholt, das unsern Sound updatet. Oder ob wir uns in das Dreckloch verkriechen sollten, wo wir hingehören, und unsere gottverdammte Musik auf die Reihe kriegen. Das sind etwa die drei möglichen Richtungen.”

in der Welt am Sonntag:

    “Ja, wir haben nun bald hundert Auftritte hinter uns, und ich habe ein gutes Gefühl.”

Wie nun? Was genau hat da Iggy Pop gesagt? Der Eindruck, das Interview sei auf aktuelle Geschehnisse wie die geplante Aufnahme eines neuen Albums diesen Herbst einfach nur upgedated worden, lässt einen vor allem gegen Schluss nicht los. Das angesprochene Konzert 2005 in Lecce kommt aus dem Text, dafür fragt man nach, ob es bald ins Studio geht. Es scheint, als wurde nach Belieben herumgezimmert, selektiv gekürzt und nach Bedarf auch dazuerfunden.

Für mich stellt das die Glaubwürdigkeit der Welt am Sonntag in Frage. Wenn der Leser nicht mehr sicher sein kann, wann und was genau Iggy Pop, selbst ein Vorbild an Authentizität, gesagt hat, muss man ihm dann raten, in Zukunft besser keine Welt am Sonntag mehr zu lesen? Oder ist es eher der Text in der Weltwoche, der weiter weg ist von der Aufnahme des nächtlichen Gesprächs in einer anderen Sprache? Antwort auf solche Fragen weiss der Leser nie; es bleibt ihm nichts mehr als die Macht, den Angeboten Vertrauen zu schenken oder zu entziehen.

Dass Zweitveröffentlichung, ohne dem Leser die Quelle zu nennen, auch umgekehrt geht, zeigt ein Text aus der Januar-Ausgabe 2006 von Brandeins, der am 6.4.2006 von der Weltwoche nachgedruckt wurde. Die Version der Weltwoche ist online nur für Abonnenten zugänglich, verweist aber nicht darauf, dass der selbe Text, von ein paar veränderten Zwischentiteln abgesehen, ein paar Wochen vorher in einem anderen Magazin erschienen ist. Neue Aufmerksamkeit gewann der Bericht zur Unternehmensphilosophie der Firma Chiquita durch einen Beitrag im Spiegel vom 31.7.2006.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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